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„Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen“? Reaktionen zwischen Zustimmung, Skepsis und Ablehnung

02.08.2009

von Jörn Brunke und Sina Gogolok

Das Forschungsprojekt – Anders als geplant

Zur Erinnerung: Wir zogen aus, um im Rahmen der Lesung  des Ferkelbuches auf dem „Heidenspass-Festival“ der Gegenveranstaltung zum 32. DEKT in Bremen Reaktionen einzufangen und die Akzeptanz des Buches als atheistischen Erziehungsbeitrag auszuloten. Hierfür wollten wir außer der teilnehmenden Beobachtung fokussierte Interviews mit Kindern durchführen und mit der Kamera aufzeichnen.

Die ursprüngliche Forschungsfrage war, wie die Kinder selbst auf das kontrovers diskutierte Ferkelbuch reagieren bzw. ob es diese Zielgruppe überhaupt erreicht. Dieser Aspekt schien uns bei der Indizierungsdebatte zu kurz gekommen. Desweiteren erhofften wir uns Erkenntnisse über das atheistische Milieu, das ja derzeit dabei ist sich politisch zu organisieren.

Aber leider, wie schon von den Kollegen der Gruppe 1 berichtet, gab es kaum Besucher und noch weniger Kinder im Feld. Die einzige Gruppe von Kindern im Alter von ca. zwei bis fünf Jahren wurde bedauernswerterweise von wenig kooperativen Aufsichtspersonen überwacht, die trotz penetranter Bettelei ihre Schützlinge nicht in den Dienst der Wissenschaft stellen lassen wollten. So änderten wir das Vorgehen (und damit auch die Fragestellung) dahingehend, das wir mit unserem Ansichtsexemplar des Ferkelbuches jeden interviewten, der sich auf dem Festivalgelände fand und sich dazu bereit erklärte. So kamen sieben Interviews (drei davon Gruppeninterviews) zustande, wie in unserem zweiten Essay nachzulesen war.

Die Datenanalyse – „Süßes Ferkel – fieser Mufti“

Für die Analyse der Daten haben wir die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring angewandt, da uns diese am ehesten geeignet schien, um die Einzelaussagen in systematisierbaren Sinnabschnitten zusammenzufassen. Nachdem wir die Interviews transkribiert [Link Transkriptionen?] und einige theoretische Vorüberlegungen angestellt hatten, haben wir die, unserer Meinung nach, wichtigsten Informationen aus den Ursprungstexten extrahiert und folgenden Kategorien zugeordnet:

  • Der ästhetische Wert des Buches
  • Die Bewertung des atheistischen Inhalts
  • Das persönliche Verhältnis zu Spiritualität und Glaube
  • Der pädagogische Wert des Buches

Bei der Analyse konnten folgende Tendenzen festgestellt werden:

Den ästhetischen Wert des Buches stuften alle Befragten als hoch ein. Die Zeichnungen und wie diese insgesamt konzipiert sind, befanden die meisten unserer Interviewpartner als „süß“, „niedlich“ oder auch „lustig“. Die Bewertung des atheistischen Inhalts fiel jedoch kritischer bzw. negativer aus. Obwohl einige der Gesprächspartner sich keinem Glauben zugehörig fühlten, fanden sie das Buch „krass“, „hart“ und würden es ihren Kindern erst ab ca. 10  Jahren oder gar nicht geben/ vorlesen. Die polarisierende Darstellung von „Freiheit vs. Religion“ wurde überwiegend als unangemessen  empfunden. Viele waren der Interview_Gruppe3Meinung, dass Religion nichts schlechtes sei und zu unserer Kultur dazu gehöre, räumten aber gleichzeitig ein, dass sie selber nicht viel Ahnung davon hätten. Die jüngeren Interviewpartnerinnen (alle 14 Jahre alt) äußerten, dass die Rolle von Glaube/Religion in der Familie sehr liberal behandelt würde. Ähnlich war es bei den etwas älteren, hier wurde aber auch das ein oder andere mal ein spiritueller Bezug zur Welt angedeutet, z.B. der Glaube an etwas Gutes in der Welt oder das Setzen von Zeichen im Alltag. Wie bereits erwähnt, würden die meisten der von uns befragten Besucher, das Buch in der Erziehung tendenziell meiden. Einige konnten sich vorstellen, dass das Buch vom Inhalt her eher für Erwachsene geeignet wäre und die Kinder damit nur in eine bestimmte, religionsfeindliche Richtung gelenkt werden, was sogar bei den Atheisten eher auf Ablehnung stieß. Dennoch gab es auch eine Stimme, die sagte:

„ […] die Moral von der Geschichte finde ich eigentlich ganz süß, dass das den Kindern auch so ´n bisschen Hoffnung macht, dass es auch ohne geht und dass die Welt nicht so angsteinflößend sein muss.“

Übrigens kam uns nicht eine Aussage unter, die den Presserummel um die versuchte Indizierung des Buch erklärbar macht. Einen Skandal (oder gar antisemitische Tendenzen) konnten selbst die befragten gläubigen Christen in dem Werk nicht erkennen.

Als Ergebnis der Untersuchung dürfen wir die Vermutung äußern, dass das Ferkelbuch sowohl als Kunstwerk als auch als Beitrag im religionskritischen Diskurs auf Zustimmung stößt und gewiss Liebhaber bzw. Abnehmer finden wird. Allerdings scheint es fraglich, ob das Buch seinen Weg in übermäßig viele Kinderzimmer schafft. Vieles deutet eher auf eine Karriere in Studenten-Wg´s hin. Liberalität und Toleranz gegenüber Andersdenkenden scheint beim Erziehungskonzept der Befragten schwerer zu wiegen als Unmut gegenüber Religionsgemeinschaften. Möglicherweise haben die Autoren die Bedürfnislage des Zielpublikums falsch eingeschätzt. Dies lässt sich freilich nach sieben Interviews nicht mit Bestimmtheit sagen. An diesem Punkt müsste eine breiter angelegte Folgestudie folgen. Spannend wäre, falls man zur ursprünglichen Fragestellung zurückkehrte, Gruppeninterviews mit Kindern durchzuführen, die das Buch diskutieren. Dort käme vielleicht auch eine Interaktionsanalyse in Frage, die klären könnte, ob bzw. wie Kinder weltanschauliche Themen untereinander verhandeln.

Neuer Schwerpunkt und Selbstreflexionen – Eigentlich gar nicht übel

Die Fragestellung wurde wie oben erwähnt dahingehend geändert, als dass sich die Rezipienten auf eine Mutter und junge Leute beschränkten, die überwiegend nicht bei der Lesung anwesend waren. Somit mussten wir etwas improvisieren, weil die meisten unserer Interviewpartner das Buch nicht kannten und wir ihnen hier Zeit gaben, sich es anzuschauen um spontane Reaktionen zu äußern. Dies wäre bei den Kindern sicherlich ähnlich gewesen. Allerdings hätten wir uns auf den Fall, dass keine Kinderinterviews zustande kamen besser vorbereiten können, indem wir mit einem Alternativplan aufgetaucht wären. Dennoch haben wir uns überraschend schnell in die neue Situation einfinden können. Mit den Interviews selbst können wir zufrieden sein, da sie einerseits in kleinem Rahmen das Spektrum der Festivalbesucher repräsentieren und andererseits trotz unterschiedlicher Aussagen gut vergleichbar waren und bei der Analyse verwertbare Tendenzen erkennen ließen.

Unsere Arbeit in diesem Projekt hat uns viele Erfahrungen innerhalb der Feldforschung erbracht. Da es das erste mal war, dass wir solch eine Studie bearbeiteten, haben wir eine Menge dazu gelernt. Hierzu zählt das direkte Ansprechen von potentiellen InterviewpartnerInnen, die Situation im Interview selbst, d.h. individuell auf die Menschen eingehen und evtl. auch improvisieren und die Reflexion des Ganzen. Mit ein bisschen mehr Struktur und einigen Vorüberlegungen hätten wir sicherlich noch zielführendere Antworten erhalten, sind jedoch froh, dass wir überhaupt ein gewisses Stimmungsbild einfangen und dieses auch einordnen konnten.

Unterm Strich sind wir mit dem Ergebnis dieser Seminararbeit zufrieden, gerade in Betracht unserer Unerfahrenheit in der Feldforschung. Die Fragestellung scheint uns nach wie vor gut gewählt. Das Fehlen von Kindern auf der Veranstaltung muss man wohl unter höhere Gewalt verbuchen. Allerdings rutschte uns trotz bester Vorsätze hier und da eine Suggestivfrage raus, aber Übung macht bekanntlich den Meister. Wäre mehr Zeit gewesen und die Studie auf einen längeren Zeitraum ausgelegt gewesen, hätten wir gern noch Mimik und Gestik der Interviewten analysiert, um vielleicht noch Abstufungen in den Urteilen aufdecken zu können aber wieder mal mussten wir feststellen, dass Transkribieren länger dauert als man so denkt (Und sogar etwas länger als die Dozenten behaupten). Als Zweierteam haben wir uns recht gut bewährt, auch wenn ab und an ein Protokollant gefehlt hat. Zu zweit hatten wir es recht einfach, uns abzusprechen und Kompromisse zu finden. Abschließend kann man sagen, dass wir eine Menge gelernt haben und sogar viel Spaß dabei hatten.

Wir bedanken uns recht herzlich bei unseren Interviewpartnern und natürlich bei der Seminarleiterin Kerstin Radde-Antweiler und unserem Tutor Paul Christensen.

  1. bpogadl
    02.08.2009 um 23:59

    Die Suggestivfragenproblematik kommt mir irgendwie bekannt vor. ;-)

    Manchmal hätte ich es für besser befunden, wenn ihr euch von dem Begriff „spirituell“ bzw. „Spiritualität“ angesichts seiner – ich nenne das mal – pseudo-wissenschaftlichen Konnotationen, die ihn als Metabegriff für eine Wissenschaftssprache eigentlich unbrauchbar machen, etwas distanziert hättet können.

    Es hat mir allerdings viel spaß bereitet eure Essays zu lesen, gerade eben weil mir euer Forschungsobbjekt ganz besonders interessant erschien und hoffe ihr ladet die ein, oder andere Aufzeichung im Kontext dieser Plattform noch hoch.

    Ob das „Ferkelbuch“ auch den Weg in meine Studi-Wg findet soll mal als fraglich in den Raum gestellt bleieben. :-)

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