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„Wenn ich in den Himmel komme, kriegt Gott einen Arschtritt!“

29.07.2009

von Sandra Ahnen, Ahmed Al-Rashed, Lena Schad

„Meine Seele ist Frei!…“ und „Gott ist mein Licht…“ begrüßte uns am frühen Nachmittag die Musik auf dem Heidenspaß-Festival. Nein, es waren natürlich nicht die „Heiden“. Der Kirchentag als Nachbar war nicht zu überhören und übertönte in seiner Lautstärke einfach alles, was das Heidenspaß-Festival zu diesem Zeitpunkt zu bieten hatte.

Als wir das Schlachthofgelände betraten, waren wir uns zunächst nicht ganz sicher, ob das im voraus so provokant angekündigte Programm überhaupt schon begonnen hatte. Aufgrund der aggressiven Werbung der Organisatoren im Internet und der eindeutig anti-religiösen  Haltung der Plakate, hatten wir eine extrovertierte Atheistenfront erwartet. Tatsächlich aber saßen im Vorgarten des Schlachthofes auf Biergartenmöbeln vereinzelte Grüppchen, die Bier tranken und Waffeln aßen. Das Wetter war außergewöhnlich gut und schien nicht nur unsere, sondern auch die Stimmung der Besucher positiv zu beeinflussen.

Die so genannte Kinderparty war jedoch spärlich besucht. Obwohl die Band St. Pauli Rock n Roll Kids unter freiem Himmel eine gute und durchaus „niedliche“ Show lieferten, waren im besten Fall eine Hand voll Kinder dort.

Zwischen den Programmpunkten wie der Kinderparty und dem Vortrag zur Kirchenfinanzierung suchten wir unsere Interviewpartner. Insgesamt haben wir sechs fokussierte Interviews geführt, von denen wir die drei interessantesten vorstellen.

Die Interviews

Der Ingenieur mit dem Priesterkragen

Wieder draußen angelangt irrten unsere Blicke etwas umher auf der suche nach neuen Interviewpartnerinnen. Glücklicher Weise ging unser verlorenes Interview an uns vorbei und wir eilten ihm nach. Das Interview hatten wir bereits geführt, allerdings hatte es die Technik verschlampt.

Aufgefallen ist uns dieser Interviewpartner wegen seines extravaganteninterview_gruppe1 Outfits und seinen Jonglierkünsten mit einem Diabolo. Der nach eigenen Angaben etwa 35 jährige Ingenieur beeindruckte durch seine aufgedrehte Art. Seine gefühlte 2 Meter Körpergröße war komplett in schwarz gekleidet. Springerstiefel unterstrichen die leicht bedrohliche Optik und der Priesterkragen gab dem ganzen dem ganzen den Rest. Das Interview machte schnell klar, der Mann ist unheimlich, unheimlich nett!  So waren seine Aussagen über den DEKT relativ nüchtern, obwohl er es eher nicht war. Er befürchtete, der DEKT sei ein zweites evangelikales Christival und wurde positiv überrascht. Seine Hauptkritik gegenüber dem Event richtete sich zu Finanzierung. Etwas emotionaler äußerte er sich über das Christentum:

„[…] Gott den Krieg erklärt[…]“

oder

„[…]wenn ich in den Himmel komm, kriegt er einen Arschtritt […]“

sagte er zu seinem Standpunkt zum Christentum. Er erwähnte ein privates Ereignis, das ihn davon überzeugte sich von der Kirche und dem Glauben zu trennen.

Der Veranstalter

Auf der Suche nach einem weiteren Interviewpartner fiel uns nach einer kurzen Pause ein Mann auf, der uns informiert und aufgeschlossen vorkam.

Während der Befragung stellte sich heraus, dass er kein einfacher Besucherinterview2_gruppe1 des Festivals war, sondern der Veranstalter,  36 Jahre alt und selbstständig.

Er gab an den Kirchentag nicht besucht zu haben und nannte als Grund für die Organisation des Festivals eine Frustration über den durchgängig positiven Umgang der Bremer Politik mit dem Kirchentag. Der Kirchentag versuche zudem eine Mehrheit von Christen in Bremen abzubilden, die real so gar nicht existiere.

Obwohl er den Kirchentag demnach nicht besucht hatte, wirkte er durchaus informiert über dessen Planung, sowohl durch mediale Berichterstattung als auch durch, nach eigenen Angaben, einen Informanten innerhalb der Bremer Senatskanzlei.

Insbesondere wegen der Finanzierung aus Steuergeldern sei er „ziemlich angepisst“ gewesen.

Besucherin des Vortrags zur Kirchenfinanzierung

Im Anschluss an den Vortrag zur Kirchenfinanzierung interviewten wir eine Frau Mitte vierzig, die, wie sich herausstellte eine Verfechterin der Bus-Kampagne ist. Sie forderte damit eine Gleichbehandlung für Christen/Gläubige und Atheisten. Nach eigenen Aussagen ist für sie der Kirchentag kein soziales Event. Auch sagt sie, der Einzelne bleibe auf der Strecke.

„Ein sehr großer Aufbau und eine sehr große menschliche Leere.“

Zum jugendlichen Teil des DEKT Publikum und zu den Helfern sagte sie, sie hätte das Gefühl diese würden den Kirchentag nur als Legitimation benutzen um von zu Hause weg zu können.

Die Reflexion

Beantwortung der Fragestellung

Was sind das überhaupt für Leute, die zum Heidenspaß Festival gehen? Aus welcher Motivation sind sie gekommen?

Die Antworten waren so unterschiedlich wie die Befragten selbst. Ob Politikwissenschaftler, Fotografin oder Ingenieur, fast alle schienen aufgrund ihrer atheistischen Überzeugungen zum Festival gekommen zu sein. Jedoch waren die Gründe wenig radikal. Unsere Befragten wollten eine Gleichbehandlung für Gläubige und Atheisten. Außerdem war es vielen wichtig, auf die ungerechte Finanzierung des Kirchentags aufmerksam zu machen. Andere fanden es einfach wichtig eine Alternative zum Kirchentag zu haben, bei der den Besuchern Raum gegeben wird auch über Probleme und kritische Themen zu reden. Kritik am Kirchentag wurde sachlich geäußert. Vor allem die oft erwähnte Kirchentagsfinanzierung aus Steuergeldern wurde sehr negativ bewertet. Viele sahen sich in der Wahl ihrer Weltanschauung stark benachteiligt.

Wen interessiert’s? – Wen’s interessiert!

Die Forschungsfrage, die unsere Gruppe erarbeitet hatte, war sehr offen gehalten. Damit ermöglichten wir uns eine ganze Bandbreite an Informationen, die wir aus den Interviews und der teilnehmenden Beobachtung gewinnen konnten.

Allerdings war das ganze doch etwas zu schwammig, wenn man so will, zu offen. Denn letztendlich wird gar nicht klar, worauf wir hinaus wollten. Auch innerhalb der Gruppe ist es nicht wirklich klar und selbst nach zahlreichen Diskussionen klärte sich nur die Tatsache heraus, dass die Fragestellung, wie wir sie benutzten, nur als Bankwärmer dienen sollte und am Ende, mangels Spieler, zur Startaufstellung befördert wurde.

Es war im Hinblick auf die recht eng gesetzten Zeitfenster, die selber wieder mit einem Recht eng gesetztem Zeitfenster von einem Semester beschränkt waren, für uns nicht einfach eine gescheite Fragestellung zu erarbeiten. Auch wussten wir nicht genau, was uns auf dem Heidenspaß-Festival erwarten würde, so dass wir uns dazu auch im Vorfeld keine richtige Vorstellung machen konnten.

Entsprechend der offenen Fragestellung erhielten wir offene Antworten. Die Ergebnisse scheinen in einem leeren Raum zu schweben und ohne wirklichen Belang zu sein.

Nimmt man der Kern unsere Fragestellung, lautet dieser: „Wer geht auf das Heidenspaß Festival und warum?“ Die Antwort könnte man ganz simpel mit „Wen es interessiert!“, samt der beinhalteten Ironie, geben. Es bleibt nach wie vor, aus religionswissenschaftlicher Perspektive, völlig unklar wer hingeht und warum. Dass ein Event, das den Namen Heidenspaß – Festival trägt und von der Bremer Atheisten- und Freidenker- Union nicht unbedingt Erzkonservative Christen an Land zieht hätte man sich, vielleicht, denken können.

Auch ist nicht wirklich klar geworden, ob es so etwas wie den DEKT oder Heidenspaß Besucher gibt. Denn die Mehrheit der Interviewten und derer, mit denen wir uns unterhielten gaben an auf beiden Events gewesen zu sein. Abgesehen davon sind 6 Interviews und vielleicht ‘ne Handvoll loser Gespräche nicht gerade repräsentativ.

Zusammenfassend können wir mit Fug und Recht behaupten nicht wirklich gewusst zu haben, was wir mit dieser Fragestellung bezwecken wollten.

Das Konzept

Anders fällt unser Resümee für die Auswahl unsere Methoden aus. Die Überlegungen uns auf eine Teilnehmende Beobachtung und fokussierte Interviews zu konzentrieren waren da eher durchdacht. Denn einen Fragebogen hätten tatsächlich wesentlich weniger Menschen ausgefüllt, da einfach insgesamt zu wenig Menschen da gewesen wären. Und Hand aufs Herz, wer hat Lust bei sonnigen 24°C nen Fragebogen auszufüllen wo es doch kaltes Bier gibt? Das alle fotografierten Interviewpartnerinnen auch ein Bier in den Händen hielten war auch nur eine zufällige Gegebenheit.

Das bringt uns zu dem Punkt, dass es doch schwieriger war als wir dachten  „neutral“  mit Fotografien so ein Ereignis zu dokumentieren. Allein die Sonne, die fast alle geschossenen Bilder mit einer natürlichen Wärme erhellte, ist eine nicht zu unterschätzende, unterbewusste Manipulation.

Unser Leitfaden für die Interviews wies uns in der Praxis schnell in die Schranken. Wir mussten einfach viel öfter als gedacht ganz anders auf die Menschen gegenüber reagieren. Das wiederum machte es noch schwieriger die Interviews in irgendeiner Form miteinander zu vergleichen. Und gerade aus diesem Grund ist es, aus unserer Erfahrung und Sicht, unbedingt notwendig einen wirklich gut durchdachten Leitfaden zu erstellen. Diese ist sicherlich eine der schwierigsten Aufgaben. Denn hierzu hätten wir auch bei der Vorbereitung schon recht genaue Kriterien erstellen und damit eine starke Eingrenzung unserer potenziellen Interviewpartnerinnen aus den sowieso schon wenigen Teilnehmern des Festivals machen müssen.

Die Gruppenarbeit

Gruppenarbeiten sind ein wirklich forderndes Unterfangen. Dabei ist es nicht unbedingt einfacher, wenn man die Gruppenteilnehmerinnen kennt. Die Hauptaufgabe ist es die einzelnen Stärken so zu synchronisieren, dass die einzelnen Schwächen ausgeglichen werden um ein möglichst optimales Arbeitsklima zu schaffen. Und nicht jedes Gruppenmitglied kann bei jedem Gruppentreffen wirklich gleichmäßig optimal arbeiten. Das sind Punkte die einem durchwegs klar sein müssen.

Unsere größten Schwierigkeiten bestanden darin die Termine abzusprechen. Durch äußere Einflüsse tauchten immer wieder Probleme auf, sodass wir relativ selten die gesamte Gruppe an einem Tisch bekamen, und wir sind nur zu dritt. Das soll nicht heißen das die Gruppe sich selten traf. Verteilt man die Gruppentreffen auf das ganze Semester, hatten wir mindestens ein Treffen pro Woche exclusive der Telefonkonferenzen. Diese waren dann auch insgesamt sehr intensiv und produktiv. Trotzdem gab es einige Wochen, vor allem zur Mitte des Semesters, in denen wir einen „Durchhänger“ hatten und niemand über die Feldforschung auch nur  reden wollte. Dafür war die Arbeitsmoral danach um so besser, sofern man diese Kein – bock – Phasen nicht ausarten lässt.

Wir fanden alles in allem gute Wege zu kommunizieren und schafften es so, aus den Teilweise doch widersprüchlichen Ansichten, wie etwas warum gemacht wird, einen produktiven Konsens zu finden. Themen bei denen wir uns nicht einig wurden, haben wir mit demokratischen Mitteln, 2/3 Mehrheit, gelöst.

Das Fazit

Wenn es eine „richtige“ Feldforschung gewesen wäre, dann wären wir vermutlich spätestens nach der Auswertung gezwungen gewesen unser ganzen Konzept zu überarbeiten und wir wüssten nicht was wir mit den ausgewerteten Daten überhaupt machen sollten.

Es war eine unglaublich wertvolle Erfahrung, zu Beginn der Arbeit so überzeugt zu sein, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, und bei der Auswertung plötzlich festzustellen: Ups! Auch lernten wir dass eine, einigermaßen beherrschte, Methodik alleine noch lange keine erfolgreiche Feldforschung garantiert. Dieses Wissen kann nur als Grundlage für die praktische Erfahrung angesehen werden. Die praktische Erfahrung um nicht nach einer einzigen Absage zum Interview vollkommen demotiviert zu werden oder sich nicht durch das gute Wetter so positiv, völlig jenseits aller wissenschaftlichen Neutralität, in seiner subjektiven Beobachtung beeinflussen zu lassen, bzw. diese Problematik bei der Auswertung ganz klar zu erkennen.

Erst wenn man selber versucht Feldforschung zu betreiben, versteht und erkennt man zweifellos die Bemühungen und den Wert von bereits betriebenen Feldforschungen an. Wir lernten ganz klar, wir haben noch viel zu lernen.

Wir bedanken uns recht herzlich bei unseren Interviewpartnerinnen, welche uns alle erlaubten ihre Interviews hier zu verwerten und zu veröffentlichen. Wir danken den Veranstaltern für ihre rege Kooperation. Nicht zuletzt danken Wir Frau Dr. Radde-Antweiler  und Herrn Christensen für die Möglichkeit diese Erfahrungen zu sammeln.

  1. 05.03.2010 um 12:49

    Bestimmt ein guter Post. Ich hoffe, der Blog bleibt an der Geschichte dran?! Inder Firma vergeht keine Party, wo das nicht Gesprächsthema ist. Tschöö, Heidegunde Wehner

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