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„Feierabendmahl – Mensch, wie geht das ?“

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von Elisabeth Budig und Urszula Hecht

„Mensch, worum geht es?“

Das Feierabendmahl  war Gegenstand unsere Feldforschung. Dieses Thema begegnete uns in dem Seminar von Frau  Radde-Antweiler „Mensch, wo bist du? -Religionswissenschaftliche Perspektiven auf das Event „Deutscher
ev. Kirchentag.“
Die Frage die sich erhob war, ob alle evangelischen Glaubensgemeinschaften an diesem Feierabendmahl teilnehmen würden. Daraus entwickelten wir als Gruppe folgende Forschungsfrage:

„Warum feiern einige Gemeinden das Feierabendmahl im Rahmen des Deutschen Evangelischen Kirchentages, andere Gemeinden aber nicht?“

In unserem Essay „Untersuchung zum Feierabendmahl auf dem Kirchentag in Bremen“ haben wir die Fragen und die Methodenwahl vorgestellt.
Auch in unserem zweiten Artikel beschrieben wir ausführlich die Eindrücke, die wir während der Interviews und der Teilnahme am Feierabendmahl sammeln konnten.

„Mensch ,wie ging das ?“- Ablauf der Feldforschung und Methodenwahl

Eigentlich sollte der Forschungszeitraum sich nur während der Kirchentage im  Mai 2009 erstrecken, doch aus den unterschiedlichsten Gründen haben wir in unserer Gruppe diesen Zeitraum geweitet. Der Interviewzeitraum war zwischen dem 18.07. 2009 und dem 04.06.2009.
Zum einen beschlossen wir auf einheimische Interviewpartner zurückzugreifen, da eine evtl. Terminabsprache leichter zu organisieren  und auch von unserer Seite eine größere Flexibilität gewährleistet währe. Zudem war unser Forschungsgegenstand ja auch unter anderem die einladende Ortsgemeinde die während des Feierabendmahls in ihre Gemeinderäume einladen würde.
Unsere Forschungsmethoden sollten 2 fokussierte Interviews und die teilnehmende Beobachtung eines Feierabendmahles sein.

Mensch, wo denn überhaupt?- die Wahl der Interviewpartner

Die Wahl der von uns interviewten Gemeinden gestaltete sich als recht unkompliziert. Die Heilig-Geist-Gemeinde in der Vahr war Frau Hecht durch die Zusammenarbeit mit ihrer Ortsgemeinde bekannt. Da ein persönlicher Kontakt zu einer der Pastorinnen der Gemeinde bestand, beschlossen wir diese Gemeinde um einen Interviewtermin zum Thema „Feierabendmahl“ zu bitten. Die Heilig-Geist-Gemeinde in der Vahr war uns als liberale Gemeinde bekannt.
Da wir bei der Einarbeitung in unser Forschungsthema und bei der Formulierung der Forschungsfrage, darauf gestoßen waren, das einige Gemeinden offensichtlich ihre Schwierigkeiten mit dem Feierabendmahl haben, lag der Gedanke natürlich nicht fern, eine solche Gemeinde zu interviewen. Zum einen war ein persönliches Interesse an dem Thema  vorhanden, zum anderen aber auch der Wunsch, ein möglich weites Spektrum diese Frage betreffend aufzuzeigen.
Nach einem Infogespräch mit dem Organisationsbüro des Kirchentages, welches für die Koordination und inhaltliche Abstimmung der Feierabendmahle zuständig war, beschlossen wir die St. Martini-Gemeinde in der Bremer Innenstadt um einen Interviewtermin zum Thema „Feierabendmahl“ zu bitten.
Bei der St. Martini-Gemeinde wußten wir daß wir auf eine konservativ eingestellte Gemeinde treffen würden. Doch eine genaue Vorstellung der dort vertretende Meinung war uns nicht bekannt, obwohl die St. Martini-Gemeinde in den letzten Jahren durch die bremischen Presse ins Gerede kam. Wir waren sehr gespannt und auch ein wenig aufgeregt was den Verlauf dieses Interviews anging. Was würde uns erwarten?
Nach einigen freundlichen Telefonaten und Absprachen konnten wir dann unsere Interviewtermine wahrnehmen.

Die Interviews verliefen sehr harmonisch und angeregt. Wir hatten zwei sehr nette und entgegenkommende Interviewpartner, die uns bereitwillig und sehr ausführlich ihren persönlichen und den gemeindlichen Standpunkt das Feierabendmahl betreffend darlegten. Die beiden Interviews dauerten je ca. 1 1/2 stunden.
Die Auskunftsfreude unserer Interviewpartner stellte uns allerdings vor eine schwer zu bezwingende Aufgabe. Die Transkription. Das Abhören eines rauschigen Kassettentonbandes und die Transkription so langer Interviews war eine Herausforderung für sich.

Nach der genauer Ansicht der Transkription und der qualitativen Inhaltsanalyse nach Knoblauch beschlossen wir unsere Froschungsfrage auf zwei Aspekte hin zu fokussieren, den unsere Interviewpartner, beim Abendmahl innerhalb des Feierabendmahls sehen:

  1. den sakralen Aspekt  und
  2. den gemeinschaftlichen Aspekt

Gesprächsanalyse Herr Vespermann

Vespermann

Zum sakralen Aspekt des Feierabendmahls sagt Herr Vespermann nicht  viel,  nur dass das Abendmahl ein Sakrament darstellt. Er erzählt hingegen viel zur Gemeinschaft und dem besonderen Aspekt der Begegnung Mensch zu Mensch.:

„ […] bei diesen Gottesdienst geht in besondere Weise um die Begegnung zwischen dem Gastgebenden und den Kirchentagbesuchern […].“

Bei Vespermann erkennt man  deutliche Trennung zwischen Abendmahl und die Agapemahl

  • Abendmahl – als Sakrament (Verantwortung tragen die Menschen selbst)
  • Agapemahl – als Tischgemeinschaft

Nach Vespermann liegt die Wichtigkeit nicht im sakramentalen Aspekt, sondern in der Gemeinschaft. Er betont dabei die Relevanz,

„[…] christliche Gemeinschaft mit allen Sinnen erleben“,

weil in der menschlichen Gemeinschaft auch die Gemeinschaft mit Gott sei, selbst dann wenn die Menschen das nicht gleich verstehen würde. Als Vergleich zieht er die Emmaus Geschichte ( Lukas 24,13-33 ) heran.

Heilig-Geist-Gemeinde feiert jeden Sonntag ein Abendmahl, schätzt aber sehr die besondere Form des Feierabendmahls – die zu Kirchentage gehöre:

„[…] Das Feierabendmahl ist ein Kind des Kirchentages. Damit gehört es erst in besondere Form auch untrennbar zum Kirchentag. […]“

Besonders gefällt der Herr Vespermann der Gedanke, dass man in eine größere Gemeinschaft  feiert:

„[…] mit der Gemeinde aber auch zusammen mit alle andere Gemeinden die in Kirchentage mit machen, weil die Feierabendmahl wird  in die gleiche Zeit in allen Gemeinden gefeiert[…]“.

Die Gemeinde wünsche sich gerade diese besondere Form des  Feierabendmahl ins Gemeindeleben zu integrieren- das solle ihre neue Agenda sei. Traditionen sollen nicht nur bewahren, sondern auch diese weiterentwickeln. Als Kirche müsse man unterwegs sein, die Botschaft Christi weitertragen, die Liebe in Gemeinschaft erleben, alle zur Gemeinschaft einladen und die Christliche Liebe weitergeben.
Heilig-Geist-Gemeinde identifizierte sich mit dem DEKT und sieht das Event als wunderbare Möglichkeit die besondere Gemeinschaft auszuleben und sich als Gastgeber zu zeigen.

Teilnahme am Feierabendmahl in der Heilig-Geist-Gemeinde zur Vahr/Bremen

FA2Am 22.05.09 haben wir die teilnehmende Beobachtung des Feierabendmahl in der Heilig-Geist-Kirche gemacht.
Als wir um17 Uhr ankamen wurden wir schon an der Tür nett von einem sehr aufgeregten Herr Vespermann und seinem Team begrüßt. Die Atmosphäre war feierlich und erwartungsvoll. Der Chor probte noch für den Gottesdienst.
Da wir noch 1 Stunde bis zum Beginn des Gottesdienstes Zeit hatten, machten wir noch ein paar Bilder und mischten uns unter die Gottesdienstbesucher.
Die Kirche füllte sich langsam und um punkt 18 Uhr startete der Gottesdienst mit dem Feierabendmahl wie geplant an.
Mit vielen Lieder vom Chor gesungen und in Rollen gelesene Liturgie verlief der erste Teil des Feierabendmahles mit ein symbolischen Abendmahl als Höhepunkt in sehr besinnliche Stille.
FA Dann kam die Zeit des Agapemahls. Alle Besucher  sind geblieben und machten sich auf den Weg zum aufgestellten Tischen mit Essen.
Zeit für Gespräche und besinnliche Gemeinschaft.
Wir fühlten sich ein bissen ausgeschlossen fast alle kannten sich- das Gefühl fremd zu sein machte sich breit. Auch viele Nicht-Gemeindemitglieder verließen die Kirche.
Wir haben den Theologischen Standpunkt  von beiden Gemeinden untersucht, aufgefaßt und so aufgenommen. Aber während unsere teilnehmende Beobachtung des Feierabendmahl haben wir eigene Eindrücke gesammelt:

  • besinnliche Atmosphäre
  • kein Eventcharakter
  • keine „besondere“ gemeinschaftliche Atmosphäre.

Gesprächsanalyse Herr Latzel

Latzel

Das Abendmahl wird in der St. Martini-Gemeinde alle 2 Monate gefeiert, nach dem Gottesdienst während eines gesonderten Abendmahlgottesdienstes. Die Gemeindemitglieder und Gottesdienstbesucher werden in den vorhergehenden Gottesdiensten vorbereitet. Ein Teil des Abendmahls beinhaltet  auch einen Besinnungs- und Sühneteil, in dem der Teilnehmende sich der Bedeutung des Abendmahls bewußt werden kann.
In diesem  Abendmahlgottesdienst auch ein Beichtgebet wichtiger Teil der Abendmahlfeier:

„[…]Wir feiern nur alle 2 Monate Abendmahl, wo wir die Leute entsprechend auch mit Buße vorbereiten, die dann entsprechend ein Beichtgebet sprechen“

Sakrale Funktion des Abendmahls, was ist „heilig“

Herr Latzel äußert sich in dem Interview, das das Abendmahl einer Vorbereitung bedarf:

„[…]Sondern das Abendmahl ist so wichtig, das ich mich gezielt drauf vorbereite. Das dieser ganze andere Blödsinn, der zum Teil auch am Kirchentag gelaufen ist – ist auch viel Gutes gelaufen – das beides da war, aber das vieles….. das widerspricht einer normalen Vorbereitung. So wie ich es sehe, so wie ich es beurteilen kann. Ich sag das nur für mich, das müssen andere….. die können das anders, das will ich auch nicht beurteilen. Deshalb kann ich das so nicht annehmen, und deshalb haben wir es auch nicht gemacht.“

Das Abendmahl ist nicht nur Gemeinschaftsmahl sondern für Herr Latzel auch Bußmahl, Vergebungsmahl und Erinnerungsmahl:

„[…]Es ist die Form eben auch, die mir da zu sehr den theologischen Schwerpunkt auf dieses gemeinschaftliche setzt und zu wenig auf diese andern Aspekte, also, Abendmahl ist Gemeinschaftsmahl, das Mahl aber ist auch Vergebungsmahl, ist Bußmahl, ist Erinnerungsmahl, die Dinge sind ganz wichtig. Wenn die nicht dabei sind, grad als Erinnerungsmahl, das daß Kreuz Christi im Mittelpunkt steht, dann wird das für mich untheologisch. […]
Eine angemessene Sakramentsverwaltung ist ebenfalls unentbehrlich.“

Gemeinschaftsaspekt des Abendmahls

Das Abendmahl soll  für alle zugänglich sein. Dies ist für Herr Latzel ein wichtiger Aspekt. Das Feierabendmahl soll aber nicht als Event oder Happening veranstaltet werden:

„[..]Wir machen abends noch mal ein besonderes Event und da bietet sich irgendwie diese Form des gemeinsamen Essens und Trinkens an, ein Gemeinschaftserlebnis mit besonderem sakralem Hintergrund“. Aber das ist es eben nicht, sondern es ist viel mehr!“

Die Gemeinschaft  der Glaubenden während des Abendmahls sieht Herr Latzel auf drei Ebenen:

„[…]aber es geht genau um den Aspekt Gemeinschaft haben, der wichtig ist, der spielt im Abendmahl zweifelsohne eine Rolle, wir haben drei Ebenen von Gemeinschaft: Gott hat Gemeinschaft mit uns, wir haben Gemeinschaft mit Gott und wir haben untereinander als Gemeinde Gemeinschaft.“

Aber es geht ihm nicht nur um Gemeinschaft:

„[…]Es ist die Form eben auch, die mir da zu sehr den theologischen Schwerpunkt auf dieses gemeinschaftliche setzt und zu wenig auf diese andern Aspekte, also, Abendmahl ist Gemeinschaftsmahl, das Mahl aber ist auch Vergebungsmahl, ist Bußmahl, ist Erinnerungsmahl, die Dinge sind ganz wichtig. Wenn die nicht dabei sind, grad als Erinnerungsmahl, das daß Kreuz Christi im Mittelpunkt steht, dann wird das für mich untheologisch.“

Abschließend kann man sagen daß für Herrn Latzel eine (Feier)abendmahlgemeinschaft nur dann sakral sein kann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, wie z.B. persönliche Vorbereitung. Der Einzelne muß sich seiner Verantwortung und der Gegenwart Gottes bewußt und gegenwärtig sein. Ohne innere Einkehr ist eine Ausübung einer sakramentalen Handlung  und das Empfangen des Sakraments des Abendmahls nicht legitim bzw. nicht angemessen. Deswegen nahm die St. Martini-Gemeinde nicht am Feierabendmahl auf dem DEKT  teil.

„Mensch, wie ist die Frage?“- eine andere Forschungsfrage?

Da sich während der qualitative Analyse der Interviews eine Fokussierung auf zwei Teilaspekte des Feierabendmahls nicht vermeiden ließ, um die Fülle des Material überhaupt bewältigen zu können, erhebt sich die Frage, ob sich nicht vielleicht auch unsere Forschungsfrage geändert hat. Im Prinzip nicht. Wir können aber sagen, daß wir sie jetzt präziser formulieren könnten. Wir können aus einer ursprünglich generellen Fragestellung, mehrere Fragen entwickeln und so  detaillierte Bereiche der Interviews zu diesem Thema beleuchten.
Generell erscheint es uns einfacher, aus einer offenen Fragestellung,  bei der Sichtung des Materials die Frage „herunterzubrechen.“ Daneben ermöglichte uns die recht weite Fragestellung, beide Interviewpartner offen und ohne Einschränkungen zu diesem Themenbereich zu befragen.
Die Frage nach der unterschiedlichen Haltung zwei von uns exemplarisch ausgewählter Gemeinden, hat die Forschungsfrage, unserer Meinung nach beantwortet. Natürlich spiegeln diese beiden Gemeinden und deren Vertreter nur einen kleinen Teil der existierenden Meinungen zum Feierabendmahl wieder. Zumindest erlaubt uns aber die Analyse, Aufschluß darüber, welche Bandbreite dieses Thema, auch innerhalb der evangelischen Kirche, in sich birgt.

„Mensch- wie war´s ?“- Reflexion der eigenen Arbeit

Feldforschung war für uns teilweise ein neues Feld. Wir mußten uns also nicht nur mit dem Thema „Feierabendmahl“ auseinandersetzten, sondern auch noch nebenbei das Thema “Feldforschung“ erarbeiten. Dabei war es gut, dass man in einer Gruppe von den Erfahrungen der Gruppenmitglieder profitieren kann. Die Feldforschung und die teilnehmende Beobachtung waren angenehm.
Wobei sich mir immer wieder die Frage erhob: Kann ich neutral und unvoreingenommen beobachten? Wie macht man das?  Wie kann ich mich von äußeren Eindrücken abschirmen oder muß ich das gar nicht? Wie sehr darf ich mich beeinflussen lassen? Die Gefühle und Eindrücke die man sammelt sind doch recht persönlich, wie bleibt man sachlich? Geht das überhaupt?
Wahrscheinlich nicht, doch das ist wohl auch der Reiz der Feldforschung. Die Ergebnisse können so unterschiedlich sein! Auch die unbewußte Lenkung innerhalb eines Themas kann unterschiedliche Ergebnisse zu Tage führen. Dies kann mit der Forschungsfrage beginnen, sich über den Versuchsaufbau bis hin zur Analyse  erstrecken.
Alles in allem war es eine sehr bereichernde Erfahrung diese Feldforschung durchzuführen. Was den Bereich des persönlichen Zeitmanagments angeht, haben wir noch einiges dazu zu lernen…
Auf der zwischenmenschlichen Ebene haben  wir unsere Zusammenarbeit als sehr angenehm empfunden und würden in dieser Gruppenkonstelation wieder arbeiten.

„Mensch, danke! “

An dieser Stelle möchten wir unseren Interviewpartner Herr Vespermann und Herr Latzel danken, dafür das sie sich die Zeit genommen haben, uns in unsrem Forschungsvorhaben zu unterstützen, und das wir Sie in Ihren Gemeinden besuchen dürften.
Des Weiteren möchten wir uns bei Frau Radde-Antweiler und bei Herrn Paul Christensen für die wertvolle Unterstützung, nützliche Hilfen und die wichtigen Hinweise während der gesamten Forschungszeit bedanken.

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