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Reflexion von religiöser Verantwortlichkeit gegenüber dem Klimawandel

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von Maria Danziger

Während meines Feldforschungsprojektes zum Thema Klimawandel auf dem ev. Kirchentag 2009 in Bremen , welches ich bereits in meinen vorhergehenden Essays (1 und 2) vorgestellt habe , versuchte ich meine Forschungsfrage „Fühlt sich ein gläubiger Mensch verantwortlich für die immer häufiger auftretenden Klimakatastrophen?“ zu beantworten.
Dazu plante ich zunächst auf dem Kirchentag einige problemzentrierte Interviews, sowie eine teilnehmende Beobachtung, durchzuführen. In der Durchführung zeigte sich dann bereits, dass mir die Interviews bei weitem hilfreicher waren, um auf ein Ergebnis zu kommen.

Ablauf der Feldforschung

Für die Erhebung meiner Daten durch kurze Interviews war es nicht immer einfach Leute anzusprechen, mein Projekt vorzustellen und sie dann um ein paar Minuten ihrer Zeit zu bitten, um mir meine Fragen zu beantworten. Auch die anfängliche Nervosität musste erstmal überwunden werden. Dann erschwerten auch die äußeren Bedingungen zusätzlich oft mein Vorgehen. Ich musste darauf achten, dass die Akustik für mein Aufnahmegerät stimmte, wobei mich der Lärm der vielen Menschen, der häufig starke Regen und andere Störgeräusche behinderten. Einen ruhigen Ort zu finden, der dem Interviewpartner gleichzeitig eine Atmosphäre der Sicherheit bieten sollte, damit er die Fragen ohne Scheu beantworten konnte, war fast nicht möglich. Häufig musste ich improvisieren und eben auch unvorteilhafte Bedingungen in Kauf nehmen. Doch am Ende hatte ich 9 Interviews und damit genug Material für eine anschauliche Auswertung zusammen.
Die teilnehmende Beobachtung dagegen, welche nur einen Abend in Anspruch nahm, richtete sich auf eine Vortragsreihe zum Thema Klima. Es kamen verschiedene angesehene Redner zu Wort und die jeweiligen Vorträge waren zum Thema allgemein sehr informativ und für mich wirklich interessant, beantworteten mir allerdings nicht meine Forschungsfrage. Ich hätte mir zwar selbst eine Antwort aus den Vorträgen herausziehen können, dies wäre dann aber nur eine wage Interpretation gewesen, was meinem Ziel nicht entsprach. So entschied ich mich bei der Auswertung die teilnehmende Beobachtung nicht mit einzubeziehen und sie nicht, wie geplant vergleichend neben den Interviews zur Auswertung heranzuziehen. Ich muss allerdings zugeben, wenn ich besser vorausgeplant und mehr Zeit zur Durchführung des Projektes gehabt hätte, dann würde ich mich zukünftig vermutlich anders entscheiden.

Auswertende Inhaltsanalyse der Interviews

Für meine Interviews hatte ich mir einige Leitfragen zurechtgelegt, welche ich dann in die Gespräche einbaute, um später meine Forschungsfrage beantworten zu können.

  1. Was empfinden sie, wenn sie von den immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen und dem Klimawandel hören?
  2. Glauben sie, die Natur wird von einer höheren Macht beeinflusst?
  3. Inwieweit fühlen sie sich persönlich für die Naturkatastrophen und den Klimawandel verantwortlich?
  4. Fühlen sie sich religiös verantwortlich?

Um zu erfahren, ob meine Interviewpartner einer Religion angehören oder/ und überhaupt gläubig sind, fragte ich sie zunächst danach, bevor ich zum Hauptteil meines Interviews kam. Es war wichtig für mich, den religiösen Hintergrund zumindest grob zu kennen, um schließlich meine Auswertung vorzunehmen.
Da alle 9 Interviews, wie geplant, recht kurz ausgefallen waren, konnte ich sie sehr gut miteinander vergleichen und die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring  bequem anwenden. Auffällig waren die sehr ähnlichen Aussagen aller Interviews, weshalb ich sie in bestimmte Kategorien, bzw. Antwortgruppen, einteilen konnte, welche sich grob an meinen Leitfragen orientierten.

Kategorie 1 – „schockierend“

Zur ersten Leitfrage nach dem Empfinden gegenüber dem Problem des Klimawandels erhielt ich stets die Antwort, dass es erschreckend sei, beängstigend, schockierend und darauf folgte meist eine persönliche, meist sehr knappe Stellungsnahme zu dem Thema, was eine gute Überleitung zu den nächsten Fragen darstellte.

Kategorie 2 – selbst ist der Mensch

Ein Kernpunkt, welcher in allen Interviews zu finden war und als Antwort auf meine zweite Leitfrage gelten kann, ist, dass Gott oder eine höhere Macht die Erde, bzw. die Natur, erschaffen und dann schließlich den Menschen überlassen hat, die Menschen somit nun für die Natur verantwortlich sind. Diese Aussage findet sich beispielsweise in dem Interview 7:

„Ja, also, Gott hat ja den Menschen beauftragt, er soll die Erde, […], bewirtschaften und die Tiere pflegen, […]. Er soll sich um die Erde kümmern. […]“.

Ebenso wird in Interview 3 deutlich, dass der Interviewpartner glaubt, die Menschen selbst sind verantwortlich für die Naturkatastrophen und den Klimawandel:

„[…] ich denke, dass sich in diesem Fall der Mensch das selbst eingebrockt hat. Das ist jetzt keine Strafe […].“

Ein anderes Zitat aus Interview 8 wirft das Argument des „freien Willen“  als Begründung der Verantwortlichkeit des Menschen ein:

„[…] er (Gott) hat ja den Menschen den freien Willen gegeben, was die mit ihren Sachen machen. […] Die Menschheit trägt auch dazu bei, dass solche Naturkatastrophen passieren.“

Niemand meiner 9 Interviewpartner glaubt, dass Gott oder eine höhere Macht die Naturkatastrophen, bzw. den Klimawandel auslöst, sondern dass die Menschen selbst Schuld sind. Es seien natürliche Vorgänge der Natur,

„ganz normale biologische Abläufe“ (Zitat aus Interview 7),

und das Ursache-Wirkungsprinzip, wie im Beispiel von Interview 6 deutlich wird:

„[…] Ich glaube, dass die Natur von einer höheren Macht so eingerichtet wurde, dass bestimmte Reaktionen automatisch erfolgen.“

Kategorie 3 – persönliche Verantwortung im Kollektiv

Als Antwort auf die dritte Leitfrage, nach der persönlichen Verantwortung, findet sich tatsächlich in jedem Interview ein deutliches JA. Oftmals wird daraufeingegangen, was man als Einzelner ändern könnte, um der Natur zu helfen und somit gegen den Klimawandel vorzugehen. Ein Beispiel dazu findet sich in Interview 3:

„[…] Ich finde ja, jeder kann seinen Teil dazu beitragen etwas besser zu machen. Und ich will auch auf jeden Fall einen Hybridwagen kaufen.“

Und in Interview 6:

„Ich versuche, nach meinen Möglichkeiten ökologisch zu leben. […] Ich fühl mich […] ein Stück weit mit verantwortlich, aber ich sehe da, nicht mich, sondern das Kollektiv Menschheit dafür verantwortlich, das Kollektiv Gesellschaft. Und ähm, ich selbst versuche eben dieses Verhaltenskollektiv mit meinem Verhalten zu beeinflussen.“

In beiden Beispielen wird sehr deutlich, wie persönlich sich die Befragten auf der Ebene des eigenen Gewissens, verantwortlich fühlen und auch selbst etwas tun wollen. Allerdings ist auch zu sehen, dass sie sich nur im Kollektiv verantwortlich fühlen, d. h. jeder Mensch ist zwar für sich zum Teil verantwortlich, aber erst das Kollektiv kann er wirklich etwas bewirken. Oftmals klang für mich im Ton und der Art und Weise des Nachdenkens der Befragten durch, dass die Rolle des einzelnen Menschen für sie nicht wirklich eine so große Bedeutung hat und sie zwar Ideen für Verbesserungen haben, gern etwas tun würden, allerdings nicht fest dahinterstehen, wenn es anstrengend wird.

Kategorie 4 – Religiosität als Grund für Verantwortung

Die Antwort auf meine vierte Leitfrage nach religiöser Verantwortlichkeit, welche gleichzeitig meine wichtigste sein sollte, fiel den meisten meiner Interviewpartnern nicht so leicht. Sie mussten erst eine Weile überlegen, auch wie ich die Frage überhaupt meine. Das zeigt mir an dieser Stelle deutlich, dass ich besser auf meine Formulierungen achten muss und vielleicht besser erklären sollte, was ich genau wissen will. Allerdings wollte ich in diesem Fall auch beobachten, wie die Befragten eben auf so eine Frage reagieren würden und eben, wie sie diese interpretieren würden. Das fand ich sehr interessant. Allerdings entstanden so auch kleine Verwirrungen, die ich dann versuchte mit anderen Fragen wieder auszugleichen. Beim nächsten Mal sollte ich das vorher besser durchdenken.
Eine Antwort, die sich auch interpretativ auf die anderen Interviews übertragen lässt, war in Interview 3 zu finden.

„Religiös verantwortlich, […] ja auch, […] also ich fühle mich menschlich verantwortlich und irgendwie ist das dann so Hand in Hand mit religiös verantwortlich. […] religiös verantwortlich in Form von, ich bin ein religiöser Mensch und müsste auch deswegen was gegen den Klimawandel tun […].“

Hier heißt es also, das ein religiöser Mensch, eben weil er religiös ist (egal in welcher Art), verantwortlich ist, etwas gegen den Klimawandel zu tun.

Ergebnis / Schlussfolgerung

Als Ergebnis meiner Analyse und Antwort auf meine Forschungsfrage „Fühlt sich ein gläubiger Mensch verantwortlich für die immer häufiger auftretenden Klimakatastrophen?“ , stelle ich die These auf, das ein gläubiger Mensch, im Falle meiner Interviewpartner, sich menschlich, d. h. hier eher moralisch, sehr wohl verantwortlich fühlt für die immer häufiger auftretenden Klimakatastrophen.
Die gläubigen Befragten setzen „gläubig“, bzw. „religiös“ anscheinend mit „christlich“ gleich, was für sie bedeutet, moralisch richtig handeln zu müssen.    Alle Interviewpartner, die ich für meine Auswertung herangezogen habe, erklärten sich für gläubig und fast alle fühlten sich auch einer Religion zugehörig (d. h. religiös). Wobei im Gespräch dann die Begriffe „gläubig“ und „religiös“ oftmals synonym verwendet wurden. Sie fühlen sich jedoch nicht im „religiösen“ Sinne von „eine Strafe für eine Sünde“ verantwortlich,  sondern eben moralisch und in diesem Sinne „religiös“.

Reflexion meines Forschungdesigns

Die Wahl meiner Forschungsfrage war, kritisch reflektiert, vielleicht etwas weitläufig gewählt. Was ist mit „religiöser Verantwortlichkeit“ gemeint? Darüber hätte ich genauer nachdenken sollen und vielleicht eine andere Formulierung wählen können. Mein Gedanke damals war, einfach der Wunsch herauszufinden, was meine Interviewpartner darunter verstehen und inwieweit sie sich „religiös verantwortlich“ fühlen. Die Möglichkeit der Antwort von „Schuld und Strafe“ im Zusammenhang mit dem Klimawandel wollte ich ebenfalls mit erfassen, falls sie gekommen wäre. Mein Ziel war es, eben keine Antwort vorzugeben, sondern eine ganz offene Forschungsfrage zu stellen. Um sich die Analyse zu erleichtern, ist es aber besser konkreter zu werden, damit auch das Ergebnis klar wird.
Im Nachhinein weiß ich auch, dass ich bei der Formulierung von Leitfragen für Interviews besser aufpassen muss. Es können leicht Missverständnisse entstehen, wenn zum Beispiel der Befragte von einem Begriff eine ganz andere Definition hat, als der Interviewer, oder vielleicht gar nichts mit einem Begriff oder einer Frage anfangen kann. Dies sollte genau geklärt werden. Schon bei meinen einleitenden Fragen nach Gläubigkeit und Religionszugehörigkeit hätte es zu Schwierigkeiten kommen können, wozu ich mir anfänglich keine Gedanken gemacht hatte. Letztendlich bekam ich aber immer eine von mir erwartete Antwort. Es sollte jedoch nicht nur darum gehen, Erwartungen bestätigt zu bekommen, sondern eben auch, um neue Erkenntnisse, welche mir dann bei den Leitfragen schließlich gegeben wurden. Durch Suggestivfragen, wie „Sie denken das doch, oder?“, welche mir manches Mal in den Interviews herausgerutscht sind, drängt man dem Gegenüber in eine Richtung. Es ist aber wichtig, dies gerade nicht zu tun und den Befragten Freiraum für ihre Antworten zu geben. Um trotzdem im Gespräch nicht zu weit zu gehen, sollte der Interviewer sanft mit offenen Fragen lenken, was mir persönlich nicht immer leicht gefallen ist.

Allgemeine Reflexion

Insgesamt bin ich mit der Entwicklung meinem Feldforschungsprojekt weitestgehend zufrieden. Das Erheben der Daten mit der Methode der problemzentrierten Interviews gefiel mir – trotz kleiner Schwierigkeiten – gut und ich würde diese auch wieder in einer Feldforschung verwenden. Auch wenn ich nervös war, hat alles ganz gut geklappt, ich habe einige neue Erfahrungen machen können und habe viel gelernt. In Zukunft werde ich noch mehr auf Feinheiten achten, z. B. wie ich etwas formuliere oder reagiere und genauer planen.
Die Feldforschungsmethode der teilnehmenden Beobachtung kam in diesem Fall nicht recht zum Tragen. Da ich die Ergebnisse nicht unbedingt für die Antwort meiner Forschungsfrage brauchte, entschied ich mich, sie nicht zu verwenden, würde sie bei einer weiteren Feldforschung aber wieder in Betracht ziehen.
Die Auswertung der Daten war sehr interessant für mich, ich glaube einiges gelernt zu haben und würde die qualitative Inhaltsanalyse jederzeit wieder verwenden. Da meine Interviews in diesem Projekt sehr kurz waren und die Aussagen der Interviewpartner sich sehr ähnelten, vereinfachte das die Beantwortung meiner Forschungsfrage. Mir ist natürlich bewusst, dass mein Ergebnis interpretativ ist und somit subjektiv, dennoch denke ich, dass ich zufrieden sein kann. Allerdings würde ich bei einer nächsten Feldforschung alles besser strukturieren und ich muss auch zugeben, dass das Projekt in einer Gruppe sicher einfacher gewesen wäre und man hätte es dann noch viel mehr ausbauen können.

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