Startseite > medienethnologie > Essay: Tom Boellstorff – Coming of Age in Second Life, Kapitel 3

Essay: Tom Boellstorff – Coming of Age in Second Life, Kapitel 3

18.06.2009

von Tobias Knoll

medienethnologie

Vor einiger Zeit erlebte die „virtuelle“ Welt „Second Life“ des Entwicklerstudios „Lindon Labs“ sowohl in den öffentlichen Medien, als auch bei einigen Wissenschaftlern eine enorme Popularität. Während das breite öffentliche Interesse (zusammen mit den Benutzerzahlen) an Second Life mittlerweile wieder eher überschaubare Dimensionen angenommen hat, ist das wissenschaftliche Interesse bis heute ungebrochen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zu vielfältig um im Rahmen dieses Essays vollständig beleuchtet zu werden. Aber besonders für die Kulturwissenschaften bietet sich mit der „virtuellen“ Welt von Second Life, dessen Inhalte, Ziele und Regeln (im Gegensatz zu solchen persistenten Online-Welten wie World of Warcraft oder Everquest, die eher als „Spiel“ klassifiziert werden können) zu großen Teilen von den Benutzern und Bewohner der Welt selbst erstellt und festgelegt werden, ein enorm reichhaltiger Forschungsgegenstand.

Mit einer solchen „virtuellen“ Welt als Gegenstand der Untersuchung, die sich nicht nur von der „realen“ Welt zu unterscheiden scheint (oder etwa nicht?), sondern auch von anderen, auf den ersten Blick vergleichbaren, Online-Welten (s.o.), kommt unweigerlich auch die Frage nach einer spezifischen Methodik auf, die den Anforderungen eines solchen Forschungsumfeldes genügt.

Genau mit dieser Methodik hat sich Tom Boellstorff, Professor für Anthropologie an der Universität Irvine, Kalifornien, als Teil seiner Forschungsarbeit in Second Life beschäftig. Die Ergebnisse dieser Arbeit hat er in seinem 2008 erschienenen Buch Coming of Age in Second Life veröffentlicht. Kapitel 3 des Buches („Method“) befasst sich, wie der Titel schon sagt, mit der Methode, die Boellstorff bei seiner Feldforschung in Second Life verwendete. Und eben mit diesem Kapitel, und damit der Methodik von Boellstorff, soll sich dieses Essay befassen. Zu diesem Zweck sollen zunächst in aller Kürze die meiner Ansicht nach wichtigsten Ansätze Boellstorffs (zunächst unkommentiert) wiedergegeben werden, worauf ich dann im zweiten Teil des Essays persönlich zu den einzelnen Punkten Stellung beziehen werde.

Kapitel 3 von „Coming of age in Second Life“ ist in sechs Abschnitte unterteilt („Virtual Worlds in their own Terms“, „Anthropology and Ethnography“, „Interviews, Focus Groups and beyond the Plattform“, „Ethics“ und „Claims and Reflexivity“).

Einleitung

Im ersten Abschnitt, der eher einleitenden Charakter hat, erklärt Boellstorff unter anderem den Titel seines Buches  (eine Anlehnung an das Coming of Age in Samoa von Margaret Mead von 1925) und erläutert kurz seine anfängliche Forschungsintention, sowie  Grundsätze seine Methodik, auf die er aber in den späteren Abschnitten gesondert detaillierter eingeht. Besonders wichtig ist hier nur zu nennen, dass Boellstorff von Anfang an mit der Absicht an seine Arbeit gegangen ist, Second Life „on it’s own terms“ zu studieren. Das bedeutet, dass er Second Life (und auch vergleichbare virtuelle Welten die nur online bestehen) ohne jegliche Trennung von „virtuell“ und „real“ untersucht werden können und sollten. Denn nach Boellstorffs Ansicht sind diese „Online“-Schauplätze nicht weniger real als „Offline“-Schauplätze (er zieht hier den Vergleich zwischen seiner Feldforschung in Second Life und praktisch parallel hierzu durchgeführter Feldforschung in Indonesien, wobei in beiden Fällen sehr ähnliche Methoden angewandt wurden).

Anthropology and Ethnography

Im zweiten Abschnitt („Anthropology and Ethnography“) geht Boellstorff genau auf diese Thematik genauer ein. Er macht dies besonders an den von ihm genutzten Begriffen fest. So nutzt er lieber den Begriff „virtuelle Anthropologie“ als „virtuelle Ethnografie“, da letztere Bezeichnung implizieren würde, dass die untersuchten Schauplätze weniger real wären. Aus demselben Grund spricht Boellstorff auch lieber von „Kultur in virtuellen Welten“ als von „virtueller Kultur“. Bei der Definition von Kultur stützt er sich auf Edward B. Tylor:

„that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom, any other  capabilities and habits acquired by man as a member of society“ (Boellstorff 2008, S. 66)

Er bevorzugt diese Definition gegenüber anderen, eher „regelbasierten“ Definitionen, da diese im Gegensatz zu Tylors Ansatz voraussetzen, dass Menschen auf Anfrage ihre eigene Kultur und deren Regeln beschreiben können. Da Boellstorff genau dies aber nicht voraussetzen will, führt er den Ansatz des „unbewussten“ in der Definition von Tylor konsequent in seiner Methodik fort und legt dabei besonderes Gewicht auf das Mittel der „Teilnehmenden Beobachtung“, gepaart mit weiteren Mitteln der Ethnografie, wie Einzel-und Gruppeninterviews, sowie so genannten „Focus Groups“.

Participant Observation

Der Teilnehmenden Beobachtung widmet sich dann auch der nächste Abschnitt („Participant Observation“). Boellstorff nutzt die Teilnehmende Beobachtung auf vor allem auf zwei weisen:

  1. Um Anhand seiner Beobachtungen spezifische Forschungsfragen auszuarbeiten, die dann mit Interviews und anderen Methoden vertieft und bearbeitet werden und
  2. Um Verlinkungen zwischen verschiedenen kulturellen Bereichen aufzudecken, die zum Beispiel bei Interviews nicht annähernd so genau erkannt werden könnten (da hier die Verlinkungen wenn überhaupt nur durch den Interviewer selbst hergestellt werden, indem er von einem Fragenkomplex zum nächsten wandert).

An diesem Punkt merkt Boellstorff noch an, dass es bei der Erforschung von Kultur im Online wie im Offline-Bereich nicht darum gehen sollte, sich auf das besonders spektakuläre oder einzigartige zu konzentrieren, sondern dass gerade die unscheinbaren und alltäglichen Dinge im Mittelpunkt stehen sollten, da diese ihm zufolge Kultur ausmachen.

Interviews, Focus Group and Beyond the Platform

Den auf die Teilnehmende Beobachtung folgenden Methoden widmet sich dann der nächste Abschnitt („Interviews, Focus Groups and beyond the Plattform“). Hier betont Boellstorff nochmals, dass er bei seiner Feldforschung in Second Life letztendlich kaum anderen Methoden verwendet hat als bei seiner Feldforschung in Indonesien. Einziger Unterschied hierbei war, dass die Gewichtung auf unterschiedliche Methoden in den beiden Settings jeweils verschieden war. Beispielsweise stellte sich die Organisation und Durchführung von „Focus Groups“ in Indonesien als unverhältnismäßig aufwendig heraus, gemessen an den verwertbaren Ergebnissen. In Second Life hingegen war die Einrichtung und Planung von solchen Treffen, bedingt durch eine im Online-Kontext stark erhöhte Mobilität und erleichterte Kommunikation, viel einfacher und auch ergiebiger, da sich Boellstorff zu Folge vor allem interessierte Intellektuelle mit sehr heterogenen Ansichten zu den Gruppentreffen bereit erklärten. Einen weiteren Unterschied zu Boellstorffs Forschung in Indonesien stellte seine Nutzung von diversen relevanten Webseiten, Blogs u.a. dar. Dies erfolgte wiederum aufgrund seiner „on it’s own terms“ Policy, da diese Internetquellen auch für die Bewohner von Second Life eine hohe Relevanz haben.

Ethics

Einem sehr zentralen Punkt – der Ethik – widmet sich Boellstorff im nächsten Abschnitt („Ethics“). Besonders hier lässt sich wieder erkennen, dass Boellstorff keine Trennung zwischen „virtuell“ und „real“ vornimmt. Dies hat zur Folge, dass er sich ethischen Überlegungen genau so strikt und intensiv widmet, wie man es auch in einem „Offline“-Kontext erwarten sollte. Zu seinen allgemein gültigen Verfahrensweisen gehört zum Beispiel, dass er vermied während seiner Feldforschung mit einer Bestimmten Gruppe von Second Life-Bewohnern identifiziert zu werden und sich immer und überall offen als Forscher zu erkennen gab (zum Beispiel als Teil der Signatur seines Avatars ). Bei anderen, eher Second Life spezifischen Fragen, orientierte er sich an seiner „on it’s own terms“ Herangehensweise. So wurden persönliche Informationen der Menschen hinter den Avataren nur dann verwendet, wenn die Bedeutung der Offenbarung dieser Informationen gegenüber dem Forscher von besonderer Relevanz war. Und selbst in solchen Fällen wurden diese persönlichen Informationen, genauso wie auch Informationen zu den Avataren  selbst (wie zum Beispiel deren Namen), so weit unkenntlich gemacht, dass sie nicht mehr zurückverfolgt werden konnten. Ebenso wurden auch Einwilligungen zu Interviews nur mit den Namen der Avatare (Nicknames) gegeben und es war Dritten auch nicht gestattet, Boellstorff an seinem Computer während der Forschungsarbeit (und besonders bei Interviews) zu beobachten. Umgekehrt spielte es aber für Boellstorff keine Rolle, wie viele Personen sich auf Seiten des Interview-Partners hinter dem Computer befanden, was wiederum auf seinen „on it’s own terms“ Grundsatz zurückzuführen ist.

Im letzten Abschnitt („Claims and Reflexivity“) beschäftigt sich Boellstorff noch abschließend mit der Darstellung von Forschungsergebnissen, die aus Online-Arbeit gewonnen wurden und stellt Überlegungen zur Bedeutung des Online-Kontextes für die Rolle des Forschers selbst an. So verzichtet er beispielsweise darauf, Auszüge aus Chatlogs in besonderen „computertypischen“ Schriftarten wiederzugeben und verbessert auch grundsätzlich Rechtschreib- und Grammatikfehler. Auf diese Weise will er verhindern, eine scheinbare „Authentizität“ und damit auch eine Hierarchisierung herzustellen (wer dem Forscher widerspricht, deutet damit auch an, dass der Erforschte selbst unrecht hat), die seiner Meinung nach sowohl unnötig, als auch unangebracht ist. Als besonders Interessant für die Rolle des Forschers im Kontext von Second Life und anderen Online-Welten bemerkt Boellstorff noch, dass Begriffe wie „indigen“ oder „eingeboren“ hier nicht mehr greifen. Die ist in sofern bemerkenswert für den Forscher, dass in bisherigen (offline) Szenarien der Forscher durch seine Forscherrolle selbst nie vollständig als „indigen“ oder „eingeboren“ gezählt werden konnte. In wie weit die neue Situation im Online-Kontext die Rolle Forschers tatsächlich beeinflusst, bedarf selbstverständlich weiterer Untersuchungen.

So weit zur inhaltlichen Wiedergabe von Kapitel 3 von Boellstorffs Coming of Age in Second Life. Nun möchte ich gerne die meiner Meinung nach zentralsten Punkte in diesem Kapitel herausnehmen und kommentieren.

Stellungnahme

Einer der bemerkenswertesten und meiner Meinung nach wichtigsten Punkte seiner Arbeit ist die bewusste und auch für Boellstorff zentrale Nicht-Trennung von „virtueller“ und „realer“ Welt und Kultur. Viel mehr trennt er (wenn auch nur aus methodologischen Gründen und nicht immer begrifflich erfasst) zwischen „Offline“ und „Online“. Während nämlich das Etikett „virtuell“ eine stark verminderte Relevanz – besonders im Forschungskontext – impliziert, trägt die Trennung zwischen „Offline“ und „Online“ ausschließlich der Tatsache Rechnung, dass die veränderten Rahmenbedingungen einer Online-Forschung auch nach angepassten (wenn auch nicht völlig neuen, wie Boellstorff aufzeigt) Methoden verlangen. Auf dieser meiner Ansicht nach völlig richtigen Einsicht baut Boellstorff seine komplette Methodik und Forschungsethik auf und entwirft so ein Grundgerüst, das (zumindest im Falle von Second Life) sehr flexibel und effektiv angewandt werden kann. Besonders, da es sich auf Methoden stützt, die sich bereits in Jahren der (offline) Feldforschung bewährt haben und die in den meisten Fällen nur leicht angepasst werden müssen. Speziell auf die von ihm sehr strikt verfolgte Forschungsethik hat seine Herangehensweise sehr positive Folgen, da sie sehr anschaulich aufzeigt, warum die Forschungsethik im Online-Kontext genau so ernst genommen werden sollte wie im Offline-Kontext und gleichzeitig die nötigen Grundlagen bietet, um den besonderen Herausforderungen der Online-Forschung an die Forschungsethik zu begegnen.

Fraglich bleibt letztendlich nur, ob die von Boellstorff genutzte Methodik effektiv über den Second Life-Kontext hinaus anwendbar ist. Besonders bei den viel „regelbasierteren“ Online-Rollenspielen (MMORPGs) muss sich dies erst in praktischer Anwendung erweisen. Zudem ist Boellstorffs Methode letzten Endes auch von der Forschungsintention abhängig (was Boellstorff aber auch selbst anmerkt). Forschung, die über eine ethnografische oder allgemein kulturwissenschaftliche Fragestellung hinausgeht (oder sich völlig von dieser unterscheidet) wird wahrscheinlich auch nach anderen Methoden verlangen.

Was aber allgemein gültig ist (und meiner Meinung nach auch bleiben sollte), ist dass die Trennung von „virtueller“ und „realer“ Kultur hinsichtlich Online-Gemeinschaften schon längst mehr als fragwürdig geworden ist und auch von der Wissenschaft entsprechend behandelt werden sollte. Denn schließlich handelt es sich hier mittlerweile nicht mehr um „virtuelle Kultur“, sondern um „Kultur in virtuellen Welten“.

Verwendete Literatur:

Boellstorff, Tom (2008). Coming of Age in Second Life: An anthropologist explores the virtually human. Princeton Univ. Press.

Kategorien:medienethnologie Schlagwörter: ,
  1. 17.03.2010 um 16:30

    Super, dass das hier mal thematisiert wird. Sicherlich richtig, an der Sache solltet Ihr dranbleiben. Ich meine, dass ich vor ein paar Tagen an anderer Stelle einen ähnlichen Beitrag gelesen habe.

  1. No trackbacks yet.
Kommentare sind geschlossen.
%d Bloggern gefällt das: