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Digitale Rituale? Ritualbegriff, Ritualdynamik und das Internet

16.06.2009

von Rebecca Albrecht

medienethnologie

Ging man bislang davon aus Rituale seien unveränderlich und starr und ihre Genese nur schwer nachweisbar, charakterisiert man sie im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs als hoch dynamisch.

Elemente des klassischen Ritualverständnisses werden durch Erkenntnisse moderner Forschung ersetzt. Nicht mehr Repetitivität, starre und unveränderliche Form, fester Handlungskern und Gemeinschaftscharakter finden als feste Größen im wissenschaftlichen Diskurs ihren Platz, sondern die Gewissheit stetiger Ritualperformanz, die Etablierung von Individualritualen und der Austausch von Ritualsequenzen, deren Bedeutung nicht mehr fest und starr, sondern abhängig von der Wahrnehmung des jeweiligen Partizipanten ist.

Ritualdynamik bildet somit keinen Sonderfall, sondern viel mehr den Normalfall. In Verbindung mit dieser wissenschaftlichen Einsicht in den Ritualbereich stellen sich vorrangig Fragen nach Entstehen und Vergehen ritueller Praktiken, aber auch nach den jeweiligen Akteuren und Rezipienten, die in ihrem spezifischen kulturellen Kontext die Genese der Rituale stark beeinflussen. Was sind Gründe für Ritualerfindungen oder Ritualdesign? Was sind Motive für Ritualkritik? Die Liste der Fragen bezüglich Ritualtheorie ist lang und beginnt schon bei ihrem Terminus technicus: Was bedeutet eigentlich Ritual?

Der Ritualbegriff

Die genaue Auseinandersetzung mit dem Begriff lässt die Uneinigkeit in der Wissenschaft darüber deutlich werden: Liegt es nicht im Blickwinkel des jeweiligen Betrachters das Ritual als Ritual einzuordnen? Muss der Terminus Ritual folglich überhaupt charakterisiert werden und bedeutet eine einheitliche Begriffsbestimmung nicht nur eine Verschiebung des sowieso unlösbaren Problems? Neben diesen essenziellen Fragen nach einer anwendbaren und verbindlichen Begriffsbestimmung als Grundlage aller Forschung, wirft auch die Beschäftigung mit Ritualdynamik und im besonderen Ritualtransfer einige Fragen auf.

Besonders interessant sind diese Fragen dann, wenn sie im medialen Kontext angesiedelt werden.  Wie verändern sich Rituale im Medium Internet? Gibt es Unterschiede in Gestaltung und Umsetzung? Zwischen ihrer Performanz im neuen Medium und im alltäglichen Leben? Es kann hier, aufgrund der angestrebten Kürze der Reflexion, keine ausführliche Diskussion über den Ritualbegriff oder den damit verbundenen Themenkomplex Ritualdynamik (im Medium Internet) erfolgen, trotzdem möchte ich versuchen einen Ausblick auf die Problemstellung zu geben, indem ich mich mit verschiedenen Standpunkten zum Thema Ritualtheorie auseinandersetzte.

Den Einstieg in meine Reflexion bildet eine kurze Zusammenfassung über verschiedene Ritualtheorien, die einen ersten, wenn auch unvollständigen, Überblick über die Breite des Anwendungsfelds  des Begriffs „Ritual“ geben sollen. Anschließend folgt die Beschäftigung mit dem Themenbereich Ritualtransfer als einem Instrument zur Analyse von Ritualdynamik.

Ritualtheorien

Technik der Rituale, die dabei verwendete Sprache, Symbole oder die interaktive Kommunikation der Akteure und Rezipienten liegen im Interessenfeld der formalistischen und kommunikationsorientierten Theorien. Nach der Funktion der verwendeten Sprache, der Symbole oder der Performanz wird dabei aber nicht – oder nur sehr selten gefragt. Hier liegt das Interesse der Forscher eher auf den äußeren Umständen, dem klar Erfassbaren, das den Teil einer Ritualperformanz bildet.

Funktionalistische Ritualtheorien dagegen sind meist psychologisch oder soziologisch ausgerichtet, dabei betonen sie besonders die emotional-geistige Ebene innerhalb des Untersuchungsfeldes. Wie der Name schon deutlich macht beschäftigen sie sich weniger mit der Außen-, sondern eher mit der Innenperspektive eines Rituals und seiner Performanz. Häufig werden Rituale hier als Kriseninterventionen erfasst.

Soziologische Ritualtheorien betonen wiederum einen weiteren Aspekt. Sie erfassen Rituale als solidarisierend, kontrollierend und stabilisierend für die Gruppe. Sie versuchen eine Verbindung zwischen Ritual und Gesellschaft aufzuzeigen und legen das Augenmerk ihrer Betrachtung eher auf die Funktion eines Rituals und die Frage nach seinen Auswirkungen auf die Gruppe oder auf das Individuum.

Der knappe Überblick macht deutlich, dass der Begriff Ritual ein weites Anwendungsspektrum abzudecken hat, je nach Theorie werden mit dem Ausdruck andere Definitionsaspekte verbunden und schließen gewisse Bedeutungskomplexe mit ein oder aus.

Die Definitionsproblematik

Gerade diese vielfältige Begriffsverwendung, nicht nur im wissenschaftlichen, sondern auch im öffentlichen Diskurs, fordert Versuche nach einer einheitlichen Definition des Ritualbegriffs, sodass dieser adäquat in der Forschung verwendet werden kann. Doch ist so eine einheitliche Bestimmung überhaupt möglich? Oder sind Rituale gar nicht von alltäglichen Handlungen zu unterscheiden?

Einerseits könnte man meinen eine Trennung zwischen Routine und Ritual sei konstruiert und in der Realität nicht erfahrbar, andererseits sollte nicht jede habituelle Handlung als ein Ritual bezeichnet werden – besteht doch ein offensichtlicher Unterschied zwischen einer Initiation und einfachem Zähneputzen. Die Ausgrenzung von speziellen Ritualhandlungen gegenüber alltäglichen Handlungen scheint also nötig, wenn auch fragwürdig bleibt ob eine 100%-Trennung in jedem Fall möglich ist.

Rituale als Handlungskomplexe

Zu den neueren Ansätzen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen und gleichermaßen versuchen das Dilemma um eine einheitliche Begriffsbestimmung aufzulösen, zählt das Verständnis eines Rituals als ein Handlungskomplex. Diese Art von Definitionsversuch soll an dieser Stelle stellvertretend für viele andere aufgeführt werden, da er im wissenschaftlichen Diskurs oft rezipiert, aber auch kritisiert wurde und mir deswegen besonders interessant erscheint.

Das angesprochene Verständnis eines Rituals als ein Handlungskomplex soll nach dem Verständnis seiner Vertreter anhand von eher äußerlichen Kriterien von nicht rituellen, also alltäglichen Handlungen zu unterscheiden sein. Zu diesen äußerlichen Merkmalen zählen unter anderem: die ursächliche Veränderung, die Anlass zum rituellen Handeln gibt, die Signalisierung von Beginn und Ende des jeweiligen Rituals mithilfe eines förmlichen Beschlusses, die Repetitivität, die durch die scheinbar immer gleiche Durchführung des Rituals vermittelt wird und schließlich durch weitere modale Kriterien, wie zum Beispiel Gruppendynamik oder Transzendentsbezug, ergänzt wird.
Das diese eindeutigen Merkmale weniger eindeutig sind als dargestellt wird greifbar, wenn man sich näher mit ihnen auseinandersetzt. Beginn und Ende eines Rituals liegen beispielsweise wohl im Blickpunkt des Betrachters und sind wenn überhaupt nur vage zu bestimmen.

Hinzutreten die Probleme der Bedeutungsvielfalt – wie kann ein Begriff eingeschränkt werden, wenn er nicht einmal etymologisch eindeutig charakterisierbar ist?

Neben diesem Versuch einer Definition vom Ritual zu einem einheitlichen Terminus technicus gibt es noch viele weitere und oft sehr ähnliche Bemühungen. Auffällig ist bei all diesen sich ähnelnden und ergänzenden Definitionen jedoch, dass die angestrebte Einheitlichkeit erneut auf der Strecke bleibt. Einzig und allein die Tatsache, dass das „Ritual“ anhand äußerer Kriterien bestimmt wird, die internen Aspekte wie Sinnzuschreibung oder Machtstrukturen aber außen vorgelassen werden, birgt eine Einheitlichkeit.

Deshalb ist meiner Meinung nach der Nutzen dieser Theorien zweigeteilt. Zum einen glänzen sie durch ihre Umsetzung und Anwendbarkeit in der Empirie, andererseits bleibt die Frage nach der inhaltlichen, der internen Vollständigkeit des Ritualbegriffs weiter bestehen.

Ein umgekehrtes Bild bietet sich bei eher inhaltsorientierten Definitionen, die zwar die internen Strukturen zu erfassen suchen, dann aber äußere Kriterien außen vorlassen.

Ritualdynamik und Ritualtransfer

Der Terminus Ritual hängt weiterhin vom jeweiligen Forscher und dessen spezieller Charakterisierung ab.
Die Uneinigkeiten in Wissenschaft und Forschung führen dabei jedoch nicht nur zu Problemen in der menschennahen Erforschung von Ritualen. Gerade durch die neuzeitliche Entwicklung des Internets als einer Innovationsplattform für Entwicklungsprozesse eröffnet sich der Religionswissenschaft und Ethnologie ein neues Spektrum an Online-Untersuchungsmöglichkeiten, welche die Debatte um einheitliche Forschungstermini noch einmal verschärfen.
Besonders die Betrachtung von Ritualtransfer, als ein Instrument zur Analyse von Ritualdynamik, erscheint im Medium Internet in einem ganz neuen Licht. Ein neues und sehr ergiebiges Forschungsgebiet eröffnet sich dem Wissenschaftler.

Beschäftigte man sich vorher mit dem verschiedenartigen Transfer von Ritualen oder rituellen Passagen auf der menschennahen Ebene der Realität, spielt jetzt auch der Transfer von Ritualen in das Medium Internet eine Rolle. Und nicht nur der reine Aspekt des Transfers an sich steht dabei im Interesse der Forschung, auch die Verbindungen zu internen und externen Faktoren, sowie der Rolle der Akteure und Rezipienten muss im neuzeitlichen Medium vollkommen neu erforscht werden.

Denn als Präsentationsplattform für religiöse Organisationen, aber auch für einzelne Individuen bietet das Internet eine Vielzahl von Möglichkeiten seine eigene religiösen Gesinnung einer breiten Öffentlichkeit darzustellen, dabei aber auch mit anderen in Kontakt zu treten und sich auszutauschen.

Es kommt zum Transfer von religiösen Vorstellungen und Handlungen (Ritualen) und deren Präsentation auf eigenen Webseiten oder in öffentlichen Blogs und Chats.

Unter Ritualtransfer ist dabei eine spezifische Form von Veränderungen von Ritualen zu verstehen. Diese Veränderungen bestehen weitestgehend aus der kompletten Übertragung eines Rituals oder einer rituellen Passage in ein anderes Kontextumfeld zum Beispiel in ein neues Medium wie das Internet.

Verändert sich nun das Kontextumfeld, hat dieses auch Einfluss auf interne Komponenten des Rituals, welche sich wiederum auf die Rezipienten und Akteure auswirken, die an einem Ritual teilnehmen oder dieses ausführen. Ritualtransfer steht also in vollkommener Rück- und Wechselwirkung zu seinem Kontext und den damit verbundenen Individuen.

Rituale im Internet

Früher wurden Ritualhandlungen hauptsächlich durch die Übertragung von Ritualpräskripten in das Medium Internet wahrgenommen, die den User dazu befähigten ein Ritual nach genauer Anleitung vor dem Computer durchzuführen. Durch die neuen Möglichkeiten innerhalb des Internets werden die Handlungen heute auch häufig direkt über die multimediale Anwendungsplattform selbst durchgeführt. Dazu bieten die computergenerierten Bildprogramme oder virtuelle und interaktive Ritualräume ausreichend Gelegenheit. Offen bleiben die Fragen nach Gültigkeit und Sinn der durchgeführten Online-Rituale, sowie den Intentionen derer, die Rituale in das Internet transferieren. Jene Fragen können wohl nur in direktem Kontakt mit dem User und aus emischer Perspektive beantwortet werden.

Die Entwicklung des Internets als eine Präsentations- und Interaktionsplattform für Individuen hat bereits in erheblichem Ausmaß die Entwicklung von Religion mitbestimmt und neue Impulse für Veränderungen gesetzt. Sie ermöglicht den Austausch zwischen religiösen Individuen und den Zusammenschluss zu neuen Verbundformen, die individualreligiöse Konstellationen begünstigen.

Das Internet als Medium virtueller Ritualperformanz

Die neuen Möglichkeiten des Internets beschränken das Individuum aber nicht nur auf den gegenseitigen Austausch von Informationen und Meinungen, sondern sie ermöglichen auch die Überführung und Durchführung von Ritualen im neuen Medium. Dieses neuzeitige Angebot wird dabei interessiert und aktiv überall auf der Welt wahrgenommen.
Der individuelle Austausch und die interaktive Performanz lassen sich dabei über Ritualtransfer als einem Mittel zur Analyse von Ritualdynamik festhalten. Die Ergebnisse sind vielfältig: Das Spektrum reicht von der völligen Erstarrung bis zur Invention neuer Rituale.

Die gemäßigten Ritualtransformationen wie Performanzvariabilität, z. B. durch den Austausch optionaler Sequenzen, Ritualerfindungen, z. B. in Second Life, oder Ritualreformen als bewusste Anpassungen an das neue Medium Internet, sind dabei auch Ergebnisse der Überführung von Ritualen oder rituellen Passagen in einen neuen Kontext.
Besonders Plattformen wie Second Life begünstigen Ritualtransformationen, da sie es erlauben die individualreligiösen Bedürfnisse und Vorstellungen einzelner Individuen umzusetzen. Ritualtransfer und Ritualtransformation haben dabei großen Einfluss auf ihre Akteure und Rezipienten. Sie verändern und überführen nicht nur, sondern werden gleichermaßen selbst durch die Rituale verändert.

Das breite Angebotsspektrum, unterstützt durch Enthusiasmus und Probierfreude der Individuen, fördert individualreligiöse Entwicklungen, die wiederum ein breites Spektrum für religionswissenschaftliche und ethnologische Forschung bieten. Deswegen ist auch die Verständigung über einen wissenschaftlich anerkannten Ritualbegriff von so großer Wichtigkeit. Dabei sollte sich das moderne Ritualverständnis der Forscher aber auch auf die wissenschaftlichen Begriffsdefinitionen übertragen und der Ritualbegriff lieber als ein Diskursbegriff verstanden werden.

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