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Analyse der Konzepte „Media Rituals“ & „Ritual Media“

14.06.2009

von Christian Kempf

medienethnologie

Medien konstruieren unser Bild der Welt und bestimmen damit unsere Wahrnehmung, was Real oder Wirklich für „uns“ ist, wer wir sind, woher wir kommen und an was wir glauben.

Mit dieser Aussage beschäftigen sich die Autoren der Texte „Media Rituals“ und „Ritual Media“, Nick Couldry und Pascal Lardellier. Das folgende Essay versucht die Ideen der Autoren kurz zusammenzufassen und die Kernaussagen zu kontextualisieren.

Media Rituals

Couldry, der einen PhD in Media and Communications erworben hat und der sich primär mit Fragen um die Verbindung von Medien und Macht auseinandersetzt, will den Leser in den Diskurs um Medienrituale einführen. Couldry erklärt, dass wir in einer mediatisierten Gesellschaft leben, in der bereits die simple Existenz „der Medien“ einen gewissen Einfluss ausübt, in der es einen rituellen Modus von Kommunikation gibt und dementsprechend auch eine rituelle Ebene bzw. Dimension bei Medienprozessen existiert.

Couldry beschränkt sich bei seiner Untersuchung auf moderne Medienformen wie TV, Radio, Presse, Filme, Musik und Internetkommunikation, die sich unter dem Topos: Massenmedien zusammen fassen lassen. Die Klammer die diese verschiedenen Ausformungen moderner Massenmedien miteinander verbindet sieht Couldry darin, dass alle diese Medien durch die Vorstellung verbunden werden, dass diese uns, den Einzelnen mit der sozialen Welt verbinden. Diese Idee einer sozialen Welt geht zusammen mit dem Konzept eines gesellschaftlichen Zentrums, einer Mitte, die praktisch den Charakter und die Lebenswelt der gesellschaftlichen Mehrheit wiederspiegelt und als dessen Sprachrohr die Medien sich verstehen. Die Legitimität dieser Sprachrohrfunktion lässt sich laut Couldry auf eine Konzentration symbolischer Macht bei medialen Institutionen zurückführen, die ihnen eine gesellschaftlich legitimierte Autorität zur Konstruktion von Realität verleihen soll. Couldry sieht in Medienritualen einen Katalysator für die Konzentration dieser symbolischen Macht.

Couldry stützt sich im Zusammenhang mit Medienritualen auf einen Ritualbegriff der seinen Gegenstand als stetig neu entstehende, formalisierte Handlungen sieht, welche transzendente Vorstellungen beinhalten. Rituale dienen bei ihm hauptsächlich als Konfliktlösungsmittel oder zur Maskierung sozialer Ungleichheit. Gleichzeitig wendet er sich aber gegen ein essentialistisches, funktionalistisches Verständnis von Ritualen, wie es bei Emile Durkheim auftaucht. Couldry sieht in Durkheims Ritualbegriff zwar einen Referenzpunkt, stützt sich jedoch neben Pierre Bourdieu vor allem auf Maurice Bloch, dessen individualistischen Ritualmodells er sich bedient. Bloch betont den individuellen Charakter von Ritualen, das heißt die individuell unterschiedlichen Deutungen eines Rituals bei jedem einzelnen Partizipanten und die dadurch entstehende Möglichkeit zur Umdeutung von Ritualen. Bloch sieht darin das Erfolgsgeheimnis von Ritualen.

Auf Basis des von Couldry skizzierten Ritual- und Medienbegriffes definiert er „Medienrituale“ wie folgt:

„Medienrituale beinhalten eine Spanne von Situationen in denen Medien für etwas größeres einstehen, etwas das mit der fundamentalen, organisatorischen Ebene zu tun hat, von der wir glauben, dass sie uns, die Mitglieder einer Gesellschaft miteinander verbindet.“

Hinter dieser etwas sperrigen Definition verbirgt sich die Idee, dass Medien eine bedeutende, zentrale Wirkung auf Gesellschaften haben. Sein Konzept in Hinblick auf die Rolle der Medien und die Konstruktion des Medienritualbegriffes stützt sich auf Durkheim, indem er dessen Frage nachgeht, ob es zentrale Kategorien gibt durch welche wir die soziale Welt erfahren und auf welche Ursprünge diese zurückgehen. Couldry greift deshalb Durkheims Unterscheidung von Sakralen und Profanen Lebensbereichen auf und setzt diese vor den Hintergrund einer mediatisierten Gesellschaft, in der die entscheidenden Kategorien „in den Medien zu sein“ und „außerhalb der Medien zu sein“ wie ihre Vorgänger Sakral & Profan, zu fundamentalen und universalen Schnittlinien des sozialen Lebens geworden sind. Es kommt laut Couldry zu einer Hierarchisierung. Ereignisse, Menschen und Dinge die medial präsent sind genießen einen höheren Status als das, was nicht gezeigt wird. All das was aktuell gezeigt wird ist bedeutender, als das, was nicht mehr gezeigt wird. „Liveness“ bestimmt die aktuelle gesellschaftliche Realität und „on air“ sein den gesellschaftlichen Status. Medien fungieren somit laut Couldry als natürlicher Zugangspunkt zu einer gesellschaftlichen Mitte, die durch die Medien repräsentiert wird. Medienrituale stellen die Art des Zugangs dar. Couldry beschreibt diese als Situationen, in denen es Zusammentreffen, Übertritte oder liminale Phasen zwischen Akteuren beider Kategorien gibt und in denen die gesellschaftlich verbindende Bedeutung von Medien deutlich wird. Als Beispiele für solche Situationen nennt er Medienevents, Pilgerfahrten zu Medienschauplätzen oder Situationen in denen Medien den Anspruch erheben Realität abzubilden oder zu repräsentieren. Die Durchsetzung dieser medial erzeugten Bilder kann nur durch die Konzentration, der bereits zuvor erwähnten symbolischen Macht bei medialen Institutionen erklärt werden, welche nur in bestimmten Momenten auftritt, unter anderem bei der Inszenierung von Medienritualen. Bei der Untersuchung dieser Medienrituale im Rahmen einer (post-)modernen, nichtfunktionalistischen Ritualanalyse trifft Couldry deshalb auch hauptsächlich Aussagen über mediale Macht und weniger über Bedeutung und Inhalte. Sein Augenmerk gilt dem sozialen Raum und damit den Umständen in denen (Medien-)Rituale entstehen.

Ritual Media

Im Gegensatz zu Nick Couldry beschäftigt sich Pascal Lardellier in seinem Text „Ritual Media“ mit der Inszenierung „klassischer, politischer & religiöser Rituale“ in einem medialen Kontext. Lardellier ist Professor in Informations- und Kommunikationswissenschaften an der Université de Bourgogne. Lardellier bezieht aber auch Erkenntnisse aus der Anthropologie und den Sozialwissenschaften in seine Arbeit mit ein.

Medien dienen laut Lardellier zur Verstärkung der Wahrnehmung von Ritualen in der Gesellschaft. Er unterscheidet dabei zwischen zwei Trägerformen in der Berichterstattung über Rituale: einerseits audiovisuelle Medien und andererseits textuelle Medien, die er als „ceremonial works“ bezeichnet. Beide Trägerformen lassen sich in Bezug auf Geschwindigkeit der Verbreitung beziehungsweise Langlebigkeit hin unterscheiden. Große rituelle Ereignisse sollen durch eine quasi-omnipräsente Berichterstattung in den Medien universal und unausweichlich für den einzelnen sein. Diese künstlich geschaffene kollektive Wahrnehmung soll beim Betrachter ein Gefühl der Legitimität, Treue und Teilhabe gegenüber dem Gesehenen erzeugen. Zuschauen, das heißt, laut Lardellier „sehen, anerkennen, teilnehmen und dazugehören zu der Gemeinschaft die sich selbst feiert“. Die Ausübung des Zuschauens und des Wahrnehmens löst dabei die diskursive Teilnahme am Ritual ab.

Im Umkehrschluss erhoffen sich die Medien durch die große Zahl ihrer Zuschauer die Stärkung ihrer Legitimität als Sprachrohr der Mitte. Dieser Anspruch ist eines der verbindenden Elemente zwischen „Ritual Media“ und „Media Rituals“.

Abgesehen von den kurzzeitig evozierten Effekten, sollen „Ritual Media“ dafür sorgen, dass das Ritual im „Gedächtnis der Nachwelt“ erhalten bleibt. Lardellier spricht hier wiederholt die Wirkmächtigkeit von „Ritual Media“ in der Erzeugung von Geschichtsbildern an, welche wiederrum das soziale Gefüge festigen sollen. „Ritual Media“ sollen vor allem aufgrund von zwei Faktoren dem Zuschauer im Gedächtnis bleiben. Einerseits aufgrund der eigenen, persönlichen Erinnerung an das Ereignis, und auf der anderen Seite durch eine tradierte, kollektive, historische Erinnerung, die unter anderem durch Wiederholungen der Ereignisse geprägt wird.

Mediale Berichterstattung über Rituale zeigt dabei nicht „die Realiät“, sondern ein Idealbild des Ereignisses, das frei ist von „historischen Wirren, in dem alles klar, rein und perfekt ist.“ Das Bild der Ereignisse wird im Zuge der medialen Berichterstattung wie in einem Prisma gebrochen. Diese von den Medien geschaffenen Bilder sollen dabei fünf Aufgaben erfüllen. Lardellier nennt diese: „Zeugnis“, „Monumentalisierung“, „Legitimation“, „Vektorisierung“ und „Dramatisierung“.

Das „Zeugnis“ hat die Funktion kund zu tun das etwas passiert ist, wodurch die danach entstehende Wahrnehmung des gezeigten Themas an Authentizität gewinnt. Diesem Zeugnis folgt die „Monumentalisierung“, das heißt die Konstruktion eines offiziellen Bildes der Ereignisse, das als solches in die Geschichte eingehen wird. Durch die öffentliche Berichterstattung kommt es zu einer „Legitimation“ des Geschehenen. Die mediale Berichterstattung führt außerdem zu einer „Vektorisierung“ ritueller Ereignisse, das heißt die Öffnung von Ritualen gegenüber großen Zuschauermassen. Und abschließend kommt es zu einer „Dramatisierung“, einer positiven, emotionalen Aufladung der Ereignisse. Live-Übertragungen als Mittel der „Dramatisierung“ sollen es dem Zuschauer ermöglichen in das Geschehen einzutauchen, was wiederrum die Glaubwürdigkeit erhöhen soll.

Rituale und Medien

Abschließend lässt sich also zusammenfassen, dass Couldry und Lardellier in ihren Texten zwei unterschiedliche Formen des Zusammenwirkens von Ritualen und Medien aufzeigen.

Couldrys Medienrituale stellen eine genuin neue Form von Ritualen dar, die im Umfeld der modernen Massenkommunikationsmedien entstanden sind und die sich ebenfalls auf diese Konzentrieren. Sie nehmen dabei keinen Bezug auf klassische politische oder religiöse Rituale, bedienen sich aber in der Ritualgestaltung bei Komponenten klassischer Rituale. Medienrituale schaffen eine Hierarchisierung von Dingen, Personen und Plätzen die durch ihre Medienrelevanz und Präsenz entweder von den Medien als gesellschaftlich wichtig oder unwichtig eingeordnet werden. Medienrituale bilden deshalb keine soziale Ordnung ab, sondern schaffen erst ein Bild von ihr. Couldry übernimmt dabei das Ritualbild von Bourdieu in dem er Medienrituale als „rites of institution“ klassifiziert. Medienrituale setzen seiner Meinung nach bestimmte Unterschiede und Grenzen als natürlich und legitim fest.

Lardelliers Ritual Media hingegen sind eigentlich „klassische Rituale“ aus den Bereichen Religion oder Politik, die einzig in einen medialen Kontext überführt worden sind. Im Gegensatz zu Couldrys Medienritualen handelt es sich dabei nicht um etwas neues, sondern um eine Jahrhunderte alte Vorgehensweise, die allein durch technische Innovationen einen Wandel erfahren hat.

Das Ziel dieser beiden medial abgebildeten Ritualformen ist es, bestimmte Bilder von Staat, Gesellschaft und den Medien auf eine bestimmte Art und Weise einem möglichst großen Publikum zu vermitteln  und dessen Wahrnehmung, gegenüber dem „Gezeigten“ als auch dem „Zeigenden“ im Rahmen medialer Berichterstattung von Ritualen, zu beeinflussen.

Verwendete Literatur:

Couldry, Nick, Media Rituals. Beyond Functionalism, in: Rothenbuhler, Eric, Mihai, Coman Hg., Media Anthropology, Thousand Oaks [CA] 2005, S. 59 – 69.

Kippenberg, Hans G., Émile Durkheim, in: Michaels, Axel, Klassiker der Religionswissenschaft. Von Friedrich Schleiermacher bis Mircea Eliade, München 2004², S. 103 – 120.

Lardellier, Pascal, Ritual Media. Historical Perspectives and Social Functions, in: Rothenbuhler, Eric, Mihai, Coman Hg., Media Anthropology, Thousand Oaks [CA] 2005, S. 70 – 78.

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