Startseite > medienethnologie > Das Konzept „Ritualtransfer“

Das Konzept „Ritualtransfer“

12.06.2009

von Anne-Kathrin Gaida

medienethnologie

Das Konzept „Ritualtransfer“

In ihrem Artikel “Transfer of Ritual“ aus dem Jahr 2006 stellen Dorothea Lüddeckens, Rober Langer, Kerstin Radde-Antweiler und Jan Snoek ein neues Konzept innerhalb der Ritualforschung vor: das Konzept „Ritualtransfer“. Dieses Konzept betrachtet einen Aspekt von Ritualdynamik, welcher in der Forschung bis zu dem Zeitpunkt weitestgehend unbeachtet blieb. Der Begriff des Ritualtransfers bezieht sich in erster Linie auf den Transfer eines Rituals von einem Kontext in einen anderen. Diese Transferprozesse können sowohl zeitlich, als auch räumlich ablaufen.

Ritualrezeptionen, Transformationen, Kompensationen und das „Verschwinden“ von Ritualen können unter dem Konzept Ritualtransfer gefasst werden. Auch die sogenannten Ritualinventionen fallen darunter, da sie, zumindest aus einer etischen Perspektive meistens aus einer transformativen Verlagerung einer Reihe von Riten einer bereits bestehenden Ritualtradition hervorgehen.

rt-1

Da für die Autor_innen das Konzept Ritualtransfer ein Aspekt von Ritualdynamik darstellt setzen sie es in Bezug dazu. Besonders wichtig hierbei ist, dass Ritualtransfer immer eine Form von Ritualdynamik darstellt, dies aber nicht zwingend umgekehrt genauso sein muss. Ritualmodifikationen, zum Beispiel, bei denen im Gegensatz zu den Transformationen die „Identität“ des Rituals nicht verändert wird, sind nicht als eine Form von Ritualtransfer zu betrachten. (Hier wäre die Frage nach dem Identitätsbegriff zu stellen und zu fragen, inwieweit die „Identität“ eines Rituals überhaupt bestimmbar ist. Meiner Interpretation nach beziehen sich die Autor_innen des Textes mit dem Begriff „Identität“ allerdings auf die sogenannten „internen“ Dimensionen eines Rituals, von denen weiter unten noch die Rede sein wird.)

Bei ritualtransferbedingter Ritualdynamik können dann zwei Arten von Veränderungen unterschieden werden:

  1. Die Veränderung des Ritualkontexts als Resultat des Transfers
  2. Eine Veränderung des Rituals selber als Reaktion auf die Kontextveränderung

rt-2

Hierbei ist zu beachten, dass Ritualveränderungen nicht zwingend  auf einer Kontextveränderung beruhen müssen, sondern auch aus interner Ritualdynamik entstehen können, wie zum Beispiel bei der immer bestehenden Varianz zwischen den einzelnen Performanzen eines Rituals. Diese fallen dann nicht mehr  unter das Konzept Ritualtransfer, da die Fälle, welche von dem Konzept abgedeckt werden nur die sind, bei denen der Ritualveränderung eine Kontextänderung vorausgeht.

Kontextuelle Aspekte und „interne“ Dimensionen eines Rituals

Vor der Formulierung der eigentlichen Theorie differenzieren die Autor_innen den  Unterschied zwischen den kontextuellen Aspekten, bzw. den Kontexten eines Rituals und den „internen“ Dimensionen, oder der „Identität“ eines Rituals genauer aus. Da es keine Rituale gibt, die völlig frei von jeglichen „kulturellen“, sprachlichen, regionalen oder historischen Kontexten sind und diese Kontexte mit dem Ritual „interagieren“, wird nun eine genauere Unterteilung des Kontextes vorgenommen. Es werden nun verschiedene kontextuelle Teilaspekte unterschieden, die alle empirisch erfasst, beschrieben und wissenschaftlich interpretiert werden können:

  1. Das Medium, bzw. die Medien, in welchen sich das Skript und die Performanz des Rituals sich materialisieren (Bsp.: orale Traditionen, Text, Film, Internet, etc.).
  2. Die geographie-, raum-, umwelt-, kultur-, religions-, politik-, wirtschafts-, sozial-, und genderspezifischen Kontextaspekte.
  3. Die Gruppe, welche die Tradition „trägt“ und zu der der Ritus oder das Ritual gehört.
  4. Ein Ritualtransfer findet nun definitionsgemäß dann statt, wenn einer oder mehrere der Kontextaspekte eines Ritus‘ oder Rituals sich verändern.

Ein Ritualtransfer findet nun definitionsgemäß dann statt, wenn einer oder mehrere der Kontextaspekte eines Ritus‘ oder Rituals sich verändern.

Zu den „internen“ Dimensionen eines Rituals gehören eine Reihe von Aspekten, die in Bezug zum Ritual selber stehen, so wie das Skript, die Performanz, die Performativität, die Ästhetik oder die Struktur eines Rituals. Diese Aspekte  sind als Charakteristika zu betrachten, die in vielen Ritualen vorkommen, allerdings muss nicht jede einzelne Charakteristik in allen Ritualen vorkommen. Weitere dieser sogenannten „internen“ Dimensionen sind Elemente der Selbstreferenz, wie zum Beispiel Interaktion oder  Kommunikation.

Die Theorie

Die Theorie, die hinter dem Konzept Ritualtransfer steht besagt, dass wenn ein Ritual transferiert wird, das heißt, wenn sich ein oder mehrere Kontextaspekte des Rituals ändern, dass dann auch eine Änderung in mindestens einer der „internen“ Dimensionen erwartet werden kann. Ungekehrt kann auch über eine Veränderung der „internen“ Dimensionen eine Änderung der Kontextaspekte erfolgen, dies muss aber nicht zwingend der Fall sein.

rt-3

Bei der Theorie müssen nun folgende Unterpunkte, bzw. Formen von Ritualtransfer gesondert betrachtet werden:

  1. Die Rolle der Teilnehmer_innen,
  2. Der Transfer von Ritualelementen,
  3. Die verschiedenen Formen von synchronem, diachronem und rekursivem Ritualtransfer.

Die Rolle der Teilnehmer_innen

Da ein Ritual ohne Partizipient_innen nicht durchgeführt werden kann, spielen diese auch eine besondere Rolle bei der Betrachtung des Verhältnisses von Kontextaspekten und „internen“ Dimensionen von Ritualen. Lüddeckens, Langer, Radde-Antweiler und Snoek unterscheiden hierbei verschiedene Ausprägungen in einem Spektrum von Aktivitäten der Partizipient_innen. An der einen extremen Seite des Spektrums stehen die Hauptakteur_innen eines Rituals, in der Mitte des Spektrums der sogenannte „Chorus“, welcher immer als Gruppe agiert und an der anderen extremen Seite des Spektrums stehen die passiven Betrachter_innen, welche nicht notwendigerweise „Eingeweihte“ sein müssen. Da innerhalb des Spektrums auch ein Forscher stehen kann, muss diese Tatsache auch immer bei der Forschung reflektiert werden. Die eben genannten Beispiele sind dabei als Idealtypen und auf einem Spektrum befindlich zu verstehen.

Die Akteur_innen bilden nun die Schnittstelle zwischen den Kontextaspekten und den „internen“ Dimensionen eines Rituals, wobei in erster Linie den dominanten Akteur_innen eine große Rolle zugeschrieben wird. Für langfristige Veränderungen, bzw. Modifikationen ist allerdings auch die Akzeptanz der Partizipient_innen der anderen Grade des Spektrums vonnöten. Die Kontextaspekte, „internen“ Dimensionen eines Rituals und die Akteur_innen stehen also auf komplexe Art und Weise miteinander in Beziehung.

Transfer von Ritualelementen

Einen Sonderfall von Ritualtransfer stellt der Transfer von Ritualelementen dar, da hierbei nicht ein komplettes Ritual, sondern einzelne Riten („ritualbildende Blöcke“) oder Sequenzen von Riten transferiert werden. In solchen Fällen gilt es dann einen weiteren Kontextaspekt zu beachten, nämlich das Ritual, in welches der Ritus/die Riten eingebunden ist/sind. Die Autor_innen des Artikels verweisen hier auf Burkhard Gladigow3, der eine Sequenz von Riten als eine Zusammenstellung einer begrenzten Auswahl von eigenständigen Riten defininiert. Solche Sequenzen können in verschiedenen komplexeren Ritualen auftauchen und auch verschieden angeordnet sein und werden von den Partizipient_innen der Rituale dennoch als eine Einheit erkannt. Eine Ritensequenz muss aber nicht vollständig in einem anderen Ritual auftauchen, sondern kann auch „abgekürzter“ Form vorhanden sein. Es können auch andere Eigenschaften, bzw. Einzelbestandteile von Ritualen, wie etwa Symbole, Kleidung oder Objekte transferiert werden.

Synchroner, diachroner und rekursiver Ritualtransfer

Bei der Theorie müssen nun noch die verschiedenen Formen von Transfer, die auftreten können, genauer benannt werden. Sie unterteilen sich laut Lüddeckens, Langer, Radde-Antweiler und Snoek in synchronen, diachronen und rekursiven Ritualtransfer.

Der synchrone Transfer eines Rituals liegt dann vor, wenn ein Teil einer Gruppe den geopgraphischen Kontext, und damit meistens auch den sozialen Kontext ändert, der religiöse Kontext aber derselbe bleibt. Auf diese Weise werden bestimmte Rituale von zwei Gruppen praktiziert, die die gleichen religiösen Traditionen haben, aber deren geographischer, respektive sozio-kultureller Kontext ein anderer ist. Diese Form von Transfer ist oft bei Diaspora-Gemeinden zu finden.

Ein diachroner Ritualtransfer tritt auf, wenn eine Gruppe im selben räumlichen Kontext bleibt, sich aber der historische Kontext ändert. Als Beispiel für einen solchen Transfer führen die Autor_innen den Wandel der westeuropäischen Kultur, der aus der französischen Revolution resultierte an. Wichtig hierbei ist, dass die Wiedereinführung des Rituals von der Gruppe vorgenommen wird, zu deren Tradition das Ritual gehört.

Eine relativ komplizierte Form von Transfer stellt der rekursive Ritualtransfer dar. Es kann vorkommen, dass ein Ritual nicht nur „einfach“ von einem Kontext in einen anderen transferiert, sondern dass dadurch auch Rückwirkungen auf die Performanz und/oder das Verständnis des Rituals in der „Originalgruppe“ auftreten. Die „Originalgruppe“ wird sozusagen vom transferierten Ritual beeinflusst; es rekuriert auf diese. Ein Beispiel dafür sind verschiedene Ritualtransfers bei den Parsis, bzw. Zoroastriern. Diese Gruppe hat eine doppelte Migration hinter sich: vom Iran nach Indien und von Indien aus in die Diasporagemeinden nach Großbritannien, USA, etc. Beide Migrationen haben Ritualeränderungen ausgelöst, die sich gegenseitig beeinflusst haben, bzw. beeinflussen. So wurde beispielsweise das Bullenopfer im Iran aufgrund von Einflüssen der Parsigemeinde aus Indien abgeschafft, da in Indien Kühe als heilig gelten. Ein iranischer Einfluss auf die Gemeinde der Zoroastrier ist die Ausbreitung von Pilgerreisen in den Iran. Diese Pilgerreisen waren bis vor kurzem in Indien noch völlig unbekannt. Auch ist es üblich geworden, dass die Zoroastrier aus den Diasporagemeinden Pilgerreisen in den Iran antreten.

Ritualtransfer ins Internet

Die größte Veränderung beim Transfer von Ritualen vom offline in den online-Bereich liegt bei dem äußeren Kontext des Mediums. Die interne Dimensionen, die sich dabei vor allem ändern wären die Umsetzung und die Handlung. Als Beispiel kann hier das Ritual des Kerzenanzündens angeführt werden. Hier wird ein Ritual, welches im offline-Bereich in Kirchen durchgeführt wird, in den online-Bereich transferiert. Dabei ändert sich die Umsetzung insofern, als dass nun per Mausklick eine Kerze angezündet werden kann und man meistens einen Kommentar hinterlassen kann. Der oder die Akteur_in muss nun nur noch die Maus bewegen und die Tastatur bedienen um das Ritual zu vollführen und nicht mehr in eine Kirche gehen und eine Kerze mit Hilfe eines Feuerzeugs oder Streichhölzern anzünden. Auch die Ästhetik des Rituals ändert sich, da die Kerze durch eine Grafik auf einer Webseite repräsentiert wird und somit zum Beispiel der Geruch einer brennenden Kerze fehlt oder die Haptik der Kerzenoberfläche, die man normalerweise beim Anzünden erfährt, völlig wegfällt.

candle

Erstaunlich beim Transfer von Ritualen in den online-Bereich ist allerdings, dass der Ablauf in vielen Fällen derselbe bleibt oder nur geringfügig verändert wird. (Vgl. hierzu z.B. Radde-Antweilers Studie zu Ritualen in Second Life.) Es wird anscheinend versucht, das Ritual so „naturgetreu“ wie möglich in ein anderes Medium zu transferieren. Hier wäre es spannend, die Frage zu stellen warum das so ist, da das Medium Internet ja auch viele weitere Möglichkeiten zur Umgestaltung eines Rituals eröffnen würde.

Konklusion

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich das Konzept Ritualtransfer auf eine Verschiebung eines Rituals/Ritus von einem Kontext in einen anderen, oder auf eine Veränderung des Kontexts bezieht. Diese Veränderung der Kontextaspekte, wobei sich verschiedene Aspekte gegenseitig beeinflussen können, verursachen Veränderungen der „internen“ Dimensionen des Rituals. Dieser Prozess ist immer beeinflusst von den Partizipient_innen und daher muss bei der Forschung auch immer die Beziehung zwischen den Kontextaspekten, den „internen“ Dimensionen und den Akteur_innen reflektiert werden.

Als weitere Forschungsfelder schlagen die Autor_innen des Artikels beispielsweise die Frage nach der Autorenschaft vor. Wer oder was ist für die Auswahl, den Transfer oder die Modifikation eines Rituals verantwortlich. Auch die Frage nach der „Intention“ eines Ritualtransfers könnte weitere spannende Felder eröffnen.

Verwendete Literatur:

Gladigow (2004): „Sequenzierung von Riten und die Ordnung der Rituale“. In: Strausberg (ed.): Zoroastrian Rituals in Context. Leiden&Boston: Brill. 57-76.

Langer et al. (2006): ‚Transfer of Ritual‘. In: Journal of Ritual Studies 20/1. 1-10.

„Light a Candle“-Homepage: http://www.gratefulness.org/candles/enter.cfm?l=ger.

Radde-Antweiler, K.: „A Religious and Ritual Topography of Second Life.“ In: Virtual Worlds. Research Perspectives from Cultural Studies. (Online – Heidelberg Journal of Religions on the Internet Vol 3).

Kategorien:medienethnologie Schlagwörter:
  1. 13.09.2012 um 0:05

    Thank you, I’ve recently been looking for information approximately this subject for a long time and yours is the greatest I have found out so far. However, what concerning the conclusion? Are you sure in regards to the source?

  2. 21.09.2012 um 8:27

    With havin so much written content do you ever run into any issues of plagorism or
    copyright infringement? My website has a lot
    of exclusive content I’ve either authored myself or outsourced but it appears a lot of it is popping it up all over the web without my permission. Do you know any ways to help reduce content from being ripped off? I’d genuinely appreciate it.

  3. 11.10.2012 um 6:43

    you’re in point of fact a just right webmaster. The website loading speed is amazing. It sort of feels that you’re
    doing any distinctive trick. Furthermore, The contents are masterpiece.
    you have performed a fantastic activity in this subject!

  4. 10.02.2013 um 1:09

    Hi there, I do think your web site might be having web browser compatibility issues.
    Whenever I look at your website in Safari, it looks fine however when opening in
    I.E., it’s got some overlapping issues. I merely wanted to give you a quick heads up! Apart from that, great website!

  5. 11.03.2013 um 21:46

    Upon getting fastidiously viewed as all of these factors, choosing your vacuum really
    should be comparatively straightforward. The vacuum runs on a rechargeable battery,
    the battery will probably be absolutely charged following about 3-7 hours, based on the model of vacuum.

  1. No trackbacks yet.
Kommentare sind geschlossen.
%d Bloggern gefällt das: