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„Religionswissenschaft meets Kirchentag“

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von Kerstin Radde-Antweiler

Nun ist es soweit und der Bremer Kirchentag öffnet nach zwei Jahren Vorbereitungszeit seine Pforten. Vom 20. bis zum 24. Mai 2009 werden über 100 000 Personen erwartet, die sich zu Vorträgen, Ausstellungen, Theater, Musik, Gottesdiensten und vielem mehr versammeln.

Wo solch ein religiöses Event stattfindet, darf natürlich auch die Religionswissenschaft nicht fehlen.
So finden sich Aktivitäten auf mehreren Ebenen:

  • Und last but not least wird sich auch von wissenschaftlicher Seite dem Feld „Bremer Kirchentag 2009“ genähert. So wird in diesem Sommersemester das Seminar “Mensch, wo bist du? Religionswissenschaftliche Perspektiven auf das Event “Deutscher ev. Kirchentag” angeboten. In diesem haben wir uns in den ersten Wochen des Semesters der Analyse der Geschichte und Entwicklung des Kirchentages gewidmet. In einem weiteren Schritt wurden von den Studierenden sechs kleine Forschungsgruppen gebildet. Innerhalb dieser Gruppen wurde ein Forschungsdesign (Untersuchungsgegenstand, Methodenwahl und Forschungsfrage) entworfen, um kleinere Feldforschungen auf dem Kirchentag durchzuführen.
  • Um diese Forschungen auch einem breiteren Publikum zu präsentieren, haben und werden die einzelnen Gruppen drei kleine Essays erstellen, die dann auf diesem Blog veröffentlicht werden. Das erste Essay enthält das geplante Forschungsdesign, in einem zweiten Essay wird nach dem Kirchentag dieses  Forschungsdesign kritisch reflektiert: Hat alles funktioniert? War die Methodenwal die richtige? Habe ich die Ergebnisse erhalten, die ich auch wollte?
    Nach einer Analyse der gewonnen Daten werden dann in einem dritten Schritt die Ergebnisse veröffentlicht.

    elfenbeinturm

Und was erwarten wir von unseren Lesern?

Generell möchten wir das Web 2.0 dafür verwenden, um dem berühmt berüchtigten Elfenbeiturm zu entfliehen.  Mit Hilfe von Wissenschaft-Blogs lassen sich Forschungen ohne hierarchische Strukturen und daraus entstehende Hindernisse des Offline-Drucks allgemein zugänglich machen, ohne dafür notwendigerweise an Niveau zu verlieren! Darüber hinaus trägt aber auch eine „Sichtbarmachung“ von Forschung – hoffentlich – dazu bei, der allgemeinen Öffentlichkeitzu zeigen, woraus Forschung besteht und warum vielleicht auch die Geisteswissenschaften nicht so nutzlos sind, wie stets behauptet wird…

teamwork

Daneben erhoffen wir uns natürlich Anregungen, Tipps und auch kritische Stellungnahmen zu unseren Forschungen!
Da empirische Forschung stets „Work in Progress ist“ und man in der Interpretation von Daten immer auch andere Meinungen diskutieren sollte, sind wir gespannt auf alle Diskussionsbeiträge!

Harariel

Ganz generell stellt sich jedoch auch die Frage nach der möglichen Form des „Religionswissenschaft meets Kirchentag“?
So ist m. E. kritisch zu reflektieren, ob und in welcher Form eine kulturwissenschaftlich ausgerichtete Religionswissenschaft auf einer christlichen und damit dezidiert religiösen Veranstaltung teilnehmen darf und kann. Das Bremer Institut stellt aufgrund ihrer integrierten Religionslehrerausbildung eine Besonderheit in der Landschaft religionswissenschaftlicher Institute dar. Bedenkt man jedoch die Disziplingeschichte der Religionswissenschaft und ihres Verhältnisses zur Theologie drängen sich aktuelle Diskussionen nach dem Selbstverständnis auf.
Sollte der Kirchentag nicht als reiner Untersuchungsgegenstand verhandelt werden?  Werden hier nicht die – zugebenermaßen idealtypisch gedachten – Ebenen „emisch – etisch“ vermischt? Müsste sich dann nicht ein religionswissenschaftliches Institut auch auf Veranstaltungen anderer Traditionen (Esoterik-Messe, Buddhisten-Tage, Christival…) präsentieren? Was kann die Zielsetzung einer Selbstdarstellung des Instituts sein? Wie ist das Verhältnis von Religionspädagogik und Religionswissenschaft?

Wir freuen uns auf zahlreiche Diskussionen!

  1. kanamito
    21.05.2009 um 19:44

    Ich bin Student an der Uni Bremen und habe heute an unserem Stand gearbeitet, aber ich sehe unsere Positionierung mit dem Stand auf einem konfessionellen Event wie den Kirchentag sehr kritisch. Wir werden doch sowieso schon andauernd mit Theologen verwechselt. Jetzt mischen wir mit- und verwechseln aktive Teilnahme mit teilnehmender Beobachtung? Das „going native“ der Bremer Religionswissenschaft.
    Warum sollten wir uns dort darstellen wollen? Um Studieninteressierte für unseren Fachbereich zu begeistern? Diese suchen meiner Meinung nach eher im Internet nach möglichen Studienmöglichkeiten als auf einem Kirchentag. Wenn man nachrechnet, wären die Mittel für ein neues, ansprechendes Design für unsere (etwas bieder anmutende) Homepage ( http://www.religion.uni-bremen.de ) besser genutzt als mit diesem kostspieligen Stand.

  2. Simone Heidbrink
    21.05.2009 um 21:05

    Ihr Kommentar, kanamito, spricht viele Probleme an, die ich in der Präsenz eines religionswissenschaftllichesn Instituts als Aussteller auf einer konfessionellen Veranstaltung ebenso sehe und die mir trotz der Sonderstellung der Bremer Religionswissenschaft Bauchschmerzen bereiten. „Going native“ trifft den Kern des Problems recht gut. Man muss sich schon fragen, inwieweit die als Ideal geforderte (jedoch natürlich nie vollständig erreichbare) Außenperspektive einer kulturwissenschaftlich orientierten Religionswissenschaft, oder, wie Fritz Stolz es ausdrückte, einem „Durchdenken der Religion von außen“ in einer solchen Konstellation Bestand haben kann. Das Zugeständnis an die Unmöglichkeit einer wissenschaftlichen Objektivität bzw. methodischen und inhaltlichen Standortunabhängigkeit darf nicht in deren völligen Aufgabe münden! Mag sich die Bremer RELIGIONSPÄDAGOGIK auf dem Kirchentag präsentieren, wie sie will — eine kulturwissenschaftlich verortete RELIGIONSWISSENSCHAFT ist per definitionem dort meines Erachten fehl am Platz.

    In letzter Konsequenz müsste eigentlich hier sogar die Daseinsberechtigung eines Studienfaches, welches religiöse Innen- und Außenperspektive gleichzeitig repräsentieren und lehren möchte, grundsätzlich und insbesondere im Hinblick auf den angelegten Anspruch an Wissenschaftlichkeit hinterfragt werden.

    „Der Standort dessen, der eine Religion beschreibt oder analysiert, spielt immer eine Rolle; sowohl der Standort als auch diese Rolle müssen genau bestimmt werden, dies ist ein unverzichtbarer Schritt religionswissenschaftlicher Arbeit.“

    Die Organisatoren des DEKT-Standes der Bremer Religionswissenschaft täten gut daran, sich diese Feststellung des Theologen(!) und Religionswissenschaftlers Fritz Stolz vor der Teilnahme an weiteren konfessionellen Aktivitäten vor Augen zu führen.

  3. bpogadl
    10.06.2009 um 10:36

    Hmm… dabei frage ich mich, ob man bei aktiver Öffentlichkeitsarbeit sofort eine „going-native“ Problematik diagnostizieren muss. Es ist nunmal Fakt, dass Religionswissenschaftler, wenn überhaupt, eher als unentschlossene Theologen wahrgenommen werden und das Groß der Gesellschaft überhaupt kein Bild davon hat, was man sich unter Religionswissenschaft überhaupt vorzustellen habe.
    Solange dieser Stand also nicht die Form eines Elfenbeinturms hat, bietet sich ein solcher Kirchentag, der ja auch religiös interessiertes Publikum abseits der Konfession und sogar Religion anlockt, gerade für derartige Öffentlichkeitsarbeit an, oder nicht?
    Hier die passive Rolle zu spielen ist, denke ich, die falsche Position.

  1. 09.06.2009 um 1:21
  2. 17.07.2009 um 20:08
  3. 23.07.2009 um 7:36
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