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Chancen und Probleme bei der Betrachtung und Erforschung moderner Medien

19.05.2009

medienethnologie

von Raphael Ebler

Infolge der fortschreitenden Globalisierung der Medienwelt ergeben sich für Ethnologen (und auch für Forscher anderer Wissenschaftsrichtungen), aber auch für die Menschen an sich, eine Vielzahl neuer Gegebenheiten und Chancen mit einer großen Anzahl anderer Personen zu kommunizieren. Filme, Musik und Nachrichten lassen sich mit rasanter Geschwindigkeit über früher niemals überbrückbare Distanzen verbreiten und aufgrunddessen ein immer weiter wachsendes Publikum erreichen.

Der folgende Essay beschäftigt sich deshalb mit der Frage nach der soziokulturellen Relevanz und den Auswirkungen moderner Medien auf Gesellschaft und Kultur einerseits, und mit den Möglichkeiten und Herausforderungen, die durch moderne Kommunikationsmedien für die ethnologische Forschung entstehen. Im Verlaufe dieses Essays möchte ich darlegen, wie sich die moderne Medienkultur im Kontext der Ethnologischen Forschung auswirkt, und dabei die Fragen beantworten, inwieweit ethnologische Feldforschung auf die virtuelle Welt ausgedehnt werden muss und auf welche Probleme Ethnologen bei der Forschung in den Kommunikationsmedien Internet, TV und dergleichen stossen können. Zudem werde ich meine Argumentation anhand einiger Beispiele genauer erläutern und mich kritisch mit Faye Ginsburgs (et al.) Einführungstext aus Media Worlds. Anthropology on New Terrain auseinandersetzen.

Natürlich kann ein kurzer Essay wie dieser all diese Themen nicht in ihrer Vollständigkeit erörtern, einige der obengannenten Punkte werden deshalb nur kurz angerissen, andere wiederum genauer unter die Lupe genommen. Allerdings hoffe ich dennoch, einige generalisierte Aussagen über die heutige Medienlandschaft und -forschung treffen zu können.

Die moderne Medienethnologie beschäftigt sich mit dem Umgang und dem Einfluss neuer und alter Kommunikationstechnologien auf den Menschen, wobei sich drei grundlegende Fragen stellen:

  1. Wie interagieren die Menschen mit den Medien?
  2. Wie werden verschiedene Medien von den Menschen wahrgenommen? und
  3. Wie wirken sich Medien auf die Gedanken der Menschen aus?

Die durchdringende Beantwortung dieser Fragestellungen ist nicht Teil dieses Essays, und dennoch muss sich jeder, der die modernen Medien erforschen möchte, bzw. die Menschen, die diese nutzen, für sich selbst einmal ergründen, welchen Effekt bestimmte Medien auf die Gedanken und das Handeln eines Menschen haben. Ein Beispiel, welchem diese Fragestellung zugrunde liegt, ist u.a. die Diskussion über gewalttätige Videospiele. Können diese Spiele tatsächlich, einen, im normalen Leben friedlichen, Menschen zu einer „Killermaschine“ machen? Hat also die „virtuelle Realität“, die durch den Umgang mit diesem Medium entsteht, einen aktiven Einfluss auf das „Realdenken“, oder unterscheiden die Gedanken zwischen fiktiv und real?

„Virtuelle Realität“ vs. „Realdenken“?

Was man derzeit weiss, lässt darauf schliessen, dass Leute, die in ihrem Charakter grundsätzlich zu Überreaktionen neigen oder leicht labil sind, durchaus die Erfahrungen der virtuellen Welt in ihr reales Leben übertragen. Besonders Menschen die in ihrem Realleben mangelnden Erfolg haben, im Spiel aber die Helden sind, flüchten sich vermehrt in diese Parallelrealität. Dies hat bei manchen Menschen zur Folge, dass eine Sucht entsteht, die durchaus mit einer Drogenabhängigkeit vergleichbar ist.

Was die heutige Ethnologie von der Ethnologie der früheren Jahre unterscheidet, ist dass heutzutage nur noch wenige, wirklich indigene Gesellschaften existieren. In vielen Ländern der Erde besteht mittlerweile Zugang zum Beispiel zum Internet, oder zu ausländischen Kinofilmen. Die, früher lokale, Forschung der Ethnologen nimmt heute, bedingt durch die steigende Vernetzung der Welt, immer globalere Dimensionen an.

Die Möglichkeiten zum Datenaustausch haben sich in wahnsinnigem Tempo entwickelt. Wo man früher Wochen auf eine Antwort warten musste, ist heute im Extremfall eine Antwort in wenigen Sekunden möglich. Da mittlerweile immer mehr Menschen, z.B. durch das Internet, verbunden sind, lassen sich breitere Massen nun mit relativ geringem Aufwand erreichen. Trotz allem Positiven, gibt es auch beim Umgang mit den Medien immer auch einige negative Effekte.

Authentizität und Faktizität?

Probleme ergeben sich z.B. bei der Überprüfung der Authentizität und Faktizität. Da theoretisch jeder, jederzeit, von überall, im Internet Nachrichten publizieren kann, und dabei die Möglichkeit hat, sich hinter einem Phantasienamen (Nickname) zu verbergen, ist die Ermittlung eines Urhebers im Internet, der sich nicht freiwillig zu erkennen gibt, für den normalen Benutzer nahezu unmöglich.

Natürlich darf man den Augenschein nicht nur auf die Konsumenten legen. Wichtige Aspekte in der Einschätzung von Medienpublikationen, ergeben sich vorallem aus der Frage nach der Herkunft: Wer hat das Medium erschaffen und welche Absichten liegen der Kreierung von Film, Musik, Kunst und Informationen zu Grunde?

Medienkategorien

Faye Ginsburg unterscheidet in Ihrem TextMedia Worlds. Anthropology on New Terrain die Herkunft von Medien in vier Unterkategorien.

Zum einen nennt sie die Massenmedien, wie z.B. staatliches Fernsehen, Radio und sonstiges TV. Diese Medien zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Funktion haben, viele Menschen gleichzeitig über Geschehnisse zu informieren, dies jedoch, wie u.a. z.B. aus der deutschen Geschichte hervorgeht, mit dem Ziel in der Masse bestimmte Gefühle hervorzurufen oder eine Ideologie zu indoktrinieren, um so ein Zusammengehörigkeitsgefühl, oder auch eine Abgrenzung zu anderen Gruppen zu erreichen und eine einheitliche Identität zu vermitteln. Ginsburg bezeichnet dies in Ihrem Artikel als ‚Formung des Bürgers’.

Als weitere Unterkategorie von Medien sieht Ginsburg die freie Kunst, die der Unterhaltung der Menschen und der Darstellung sozialer Gegebenheiten dient. Nicht zu unterschätzen ist auch hier der kommerzielle Aspekt. Man muss sich also fragen: Erschafft der Künstler sein Kunstwerk aus reinem Schaffensdrang, oder hat er von vornherein die Absicht, durch seine Kunst, kommerziellen Erfolg zu erlangen? Im übertragenen Sinne: Ist er also ein wahrer Picasso oder ein rein auf Gewinn abzielender Musikproduzent eines Mainstreamlabels?

Ein weiterer Urheber vieler Medien sind soziale Bewegungen, seien es nun Interessensgemeinschaften, Gewerkschaften oder Aktivisten. Diese nutzen die Medien, um über ihre Aktionen und ihre Standpunkte zu informieren und die Menschen, durch Streuung ihres Propagandamaterials, für ihren Zweck zu gewinnen. Bei dieser Gruppe muss man klar feststellen, dass die Darstellungen, die durch sie verbreitet werden, meist nur einen bestimmten Blickwinkel auf eine Situation repräsentieren. Oftmals werden unliebsame Fakten verschwiegen, oder unsichere Fakten als Tatsachen dargestellt. Nichtsdestotrotz hat sich durch die modernen Medien, das potentielle Publikumspotenzial und die Chancen des Erhörtwerdens auch für kleinere Gruppen erhöht.

Apropos kleinere Gruppen: Auch diese werden bei der Kategorisierung durch Ginsburg berücksichtigt. Die Medien geben Minderheiten und indigenen Bevölkerungsgruppen heutzutage die Möglichkeit, auf breiter Front, über ihre Lage aufzuklären, Missstände anzuprangern und Unterstützung zu gewinnen. So gibt es u.a. in Bolivien politische Talkshows, die als Forum, speziell für die indigene Bevölkerung Boliviens, dienen und den Indigenen die Möglichkeit einer Selbstdarstellung geben. Sicher lassen sich die Medien noch weiter kategorisieren, aber für diesen Essay, sehe ich die Gliederung durch Ginsburg als durchaus ausreichend.

Medienproduktion: Lokal oder global?

Ein wichtiger Gesichtspunkt bei der Betrachtung aller Medien ist der Aspekt der Herkunft: Ist z.B. ein Film zum Zwecke der Dokumentation einer bestimmten Ist-Situation durch lokale Produzenten, die aus der Gesellschaft über die berichtet wird stammen, gedreht worden, oder ist er das Produkt eines Aussenstehenden der unter Umständen einen falschen Eindruck der Lage verinnerlicht hat?

Nicht nur meiner Ansicht nach, sind lokal-produzierte Medien oft realistischer und treffen die Situation eher auf den Punkt, als welche, die von Aussenstehenden, mit vielleicht verklärten, romantisierten Vorstellungen, produziert wurden.

Schon Malinowski stellte ja fest, dass das Verständnis einer bestimmten Kultur nur möglich ist, wenn man diese aus sich heraus betrachtet. Die moderne ‚Feldforschung’ im Bereich der Kommunikationsmedien hat hingegen nur noch wenig mit dem zu tun, was Malinowski in seiner damaligen Feldforschung vorfand.

Kritisch muss man im Hinblick auf die Herkunft von Medien die Zahl monopolistischer Medienimperien betrachten. Diese Imperien, die meist in der Hand eines einzigen liegen, wie z.B. Rupert Murdoch, oder dem italienischen Politiker Silvio Berlusconi, der in seinem Land eine absolute Mehrheit über unzählige Zeitungen, TV-Kanäle und andere Medien hält.

Die Monopolisierung von Medien ist nicht erst heutzutage ein Problem, wie z.B. die Mediengleichschaltung der Nazionalsozialisten im 2. Weltkrieg bewiesen hat. Das gesellschaftliche Problem eines Monopols ist der Mangel an unterschiedlichen Produktionssichtweisen. Ein Beispeil hierfür ist z.B. der Fernsehsender RTL, in dessen Programm oft in den unterschiedlichsten Sendungen über andere RTL-Sendungen berichtet wird, und dies im Interesse des Senders natürlich meist im positiven Sinne. Ausserhalb RTLs auf breiter Ebene aber kaum kritische Standpunkte zu diesen Sendungen existieren. Es werden also in der heutigen Medienlandschaft monopolisierte Trends gesetzt, und so die Neidung der Menschen zu bestimmten, produzentenfreundlichen Denkweisen provoziert.

Von Produzenten und Konsumenten

Bei der Betrachtung aller Arten von Medien ist es darum notwendig beide Seiten der Medaille zu analysieren. Jedes Medium hat einen Produzenten und einen Konsumenten. Der Produzent bestimmt, welche Art von Kunst erschaffen wird, was sie ausdrücken soll und welche Gefühle oder Gedanken durch dasselbe angeregt werden. Grob gesagt: Der Produzent liefert das Output. Dem Konsumenten hingegen kommt die Rolle desjenigen zu, der sich das Output des Produzenten zu seinem Input macht. Der Unterschied zwischen Out- und Input ist zwar offensichtlich, dennoch möchte ich kurz etwas erläutern: Output ist nicht mehr veränderbar in seiner Form, seinem Klang und seiner Art, Input hingegen löst erst nach der Aufnahme durch den Konsumenten, in diesem, bestimmte Reaktionen aus. Es wird also erst nach der Aufnahme verarbeitet und der Konsument kann sich erst dann damit auseinandersetzen.

Natürlich gibt es keine Garantie für den Produzenten, mit seinem Medium, bei jedem diesselben Reaktionen hervorzurufen. Grund hierfür ist die unterschiedliche Art, mit der Menschen Dinge betrachten.

Die Art der Betrachtung unterliegt mehreren Faktoren: Zum einen hat der Hintergrund des Konsumenten, also seine Herkunft, Erziehung und die gesellschaftlichen und persönlichen Werte, die den Charakter des Konsumenten bilden, einen deutlichen Einfluss auf dessen Wahrnehmung. Schauen z.B. mehrere Menschen, mit jeweils anderem kulturellen Hintergrund, denselben Film, so werden die verschiedenen Menschen, innerhalb des Films, unterschiedliche Details als relevant betrachten. Besonderes Augenmerk kann man dabei auf kulturspezifische Tabus und Trends legen. Zum anderen ist der Faktor der Konsumumgebung ausschlaggebend für die Art und Weise, wie ein Medium vom Betrachter aufgenommen wird. Anders ausgedrückt: schaut ein Mensch dasselbe Bild, jeweils in unterschiedlichen Atmosphären, an, so ist es durchaus möglich und wahrscheinlich, dass sich die Ansicht des Konsumenten von der Betrachtungsumgebung beeinflussen lässt, und der Konsument das Werk plötzlich unter völlig anderen Gesichtspunkten betrachtet.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es, in der heutigen global-vernetzten Medienwelt, zu einem regen Austausch von medialen Kunstwerken und Nachrichten, also zu einem international florierenden Kulturaustausch kommt.

Aus Regionen von denen man noch vor wenigen Jahrzenhnten höchstens gehört hatte, dringen heute Ereignisse und Meldungen, nach Appadurais Cultural Flows“-Modell, in raschem Tempo und in höchster Selbstverständlichkeit bis in die entlegendsten Winkel unseres Erdballs.

Aufgrund dieses Austausches ist es heute notwendig sich auch mit anderen Kulturen als der eigenen zu beschäftigen, um die Sichtweise der anderen zu verstehen und so Missverständnisse zu vermeiden. Wie ich im Einführungsabsatz bereits erwähnte sind die angesprochenen Punkte nur einige ausgewählte Bereiche der Medienethnologie, die ich in diesem Essay anspreche, und sicher gibt es Menschen die mit meinen Darlegungen nicht einverstanden sind, oder einige meiner Argumentationen kritisieren oder erweitern möchten. Diesen Menschen räume ich gerne die Möglichkeit ein mit mir in Kontakt zu treten und ihre eigene Meinung über die heutige Medienwelt mitzuteilen, im Zeitalter der modernen Medien ganz einfach: via Internet…

Verwendete Literatur:

Ginsburg, Abu-Lughod, Larkin: „Introduction“. In: Ginsburg, Abu-Lughod, Larkin (Hrsg.) (2002): Media Worlds. Anthropology on New Terrain. Berkeley, Los Angeles, London, S. 1-35.

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