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Religionsbeiträge in Wikipedia

von Maria Danziger

Wie nützlich sind Wikis als Instrumente des religiösen Ausdrucks?

Um dies beantworten zu können, muss erstmal erklärt werden, was ein Wiki eigentlich ist. Natürlich findet man auch unter diesem Begriff sofort einen Wikipediaeintrag , der für eine einfache kurze Erklärung sehr nützlich scheint und auf den ich mich für meine Erklärung auch hauptsächlich beziehe.
Das Hypertextsystem eines Wikis (hawaiisch für „schnell“), auch WikiWiki oder WikiWeb genannt, ermöglicht nicht nur das Lesen dessen Inhalte, sondern bietet auch online die Möglichkeit einer Überarbeitung oder kompletten Veränderung des Beitrags an (Vgl. das freie Verzeichnis öffentlicher Wikis).  Die Wiki-Software oder Wiki-Engine , die hinter einem Wiki steht, verringert den Editieraufwand, d. h. es ist kein besonderer Aufwand nötig, einen Beitrag online zu verändern oder zu kommentieren. Einzelne Seiten und Artikel eines Wikis sind durch Links miteinander verbunden, so dass eine schnellere Recherche zu Stande kommt. Es sind also keine besonderen Kenntnisse, oder ein großer Lernaufwand nötig, um mit einem Wiki zu arbeiten. Jeder kann darauf zugreifen und Inhalte verfassen oder ändern.

Das klingt für mich nun erstmal wirklich nach einem guten Instrument um eigene Beiträge ins Netz zu stellen oder andere zu bearbeiten. Doch auch hier, wie in vielen anderen Bereichen des Webs, tritt das Problem der Korrektheit auf. Wenn jeder schreiben kann, was er will und ebenso andere Beiträge verändern kann, geht die Objektivität verloren und es fehlt die Sicherheit der Richtigkeit einer Aussage. Dies gilt dann natürlich genauso für Beiträge zur Religion und religiösen Themen, auf die ich noch zu sprechen komme.

Wikipedia
Um die Nützlichkeit von Wikis zu demonstrieren, möchte ich mich auf das Beispiel der Wikipedia beziehen und dieses näher beleuchten.

wikipedia_hauptseite
Die 2001 gegründete Wikipedia, das größte und wohl das bekannteste Wiki, ist eine freie Enzyklopädie. Jeder User hat die Möglichkeit einen Artikel zu einem Thema zu schreiben. Wikipedia ist weltweit vertreten und ist in über 30 Sprachen verfügbar. Allein in Deutsch gibt es bereits 550000 Artikel.
Hier findet sich allerdings eine Kontrolle (Administration u. a.), um zum Beispiel Vandalismus, wie das Löschen oder absichtliche Manipulieren von Inhalten zu vermeiden, oder zu beheben. Dazu gibt es eine umfangreiche Versionsverwaltung, in der alle Versionen von Artikeln zu einem Thema gespeichert und wieder abrufbar sind. Es geht also nichts endgültig verloren und jeder Schritt kann verfolgt werden. Zu jedem Artikel steht außerdem ein Diskussionsforum zur Verfügung, indem jeder seine Meinung zu den entsprechenden Themen zum Ausdruck bringen kann. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass Fehler in Artikeln auftreten, doch der große Anteil an engagierten Usern ermöglicht eine relativ hohe Qualitätssicherung.
Interne Links (Verbindungen zu anderen Wikipediaartikeln) und externe Links (Verbindungen zu anderen Websites), welche einen Hypertext  kennzeichnen, Bilder und Statistiken gestalten die Artikel in Wikipedia interessanter. Ein Hypertext (online) ist ein „flexibler“ Text, der keinen eindeutigen Anfang und kein eindeutiges Ende hat, d. h. man kann überall anfangen zu lesen und jederzeit von einem Punkt zum anderen springen, beispielsweise durch Links.

Beiträge zu religiösen Themen
In Wikipedia finden sich auch sehr viele Beiträge zu religiösen Themen, es werden religiöse Systeme und Inhalte (z. B. Gnosis , Katholizismus ) aufgeführt und diskutiert, ebenso wie religiöse Gruppen (z. B. Rosenkreuzer , Zeugen Jehovas ) und vieles mehr. Dort finden sich zunächst allgemeine Informationen. Diese können von „Laien“ geschrieben sein, die einfach ein Interesse an dem Thema vorweisen und dazu recherchiert haben, um dann einen Artikel zu schreiben. Es gibt allerdings auch Wissenschaftler, ob selbst so bezeichnet oder tatsächlich studiert, die Artikel verfassen. Diese Artikel wirken dann etwas seriöser, was allerdings nicht heißt, dass keine Fehler auftreten können. Eine absolute Sicherheit, was die Korrektheit des Inhalts oder auch die Objektivität angeht, kann nicht gegeben werden. Jeder User kann einen Artikel schreiben und beleuchtet sein Thema dann aus seiner Sicht, also subjektiv und mit den ihm zur Verfügung stehenden Quellen. Es kommt auch vor, dass ein Anhänger einer Religion selbst den Artikel zu dieser Religion verfasst (z. b. Wicca ). In dem Fall ist der Inhalt dann meistens sehr subjektiv und positiv wertend verfasst. Doch dies wird mit dem Diskussionsforum meist etwas ausgeglichen, denn dort kann jeder Leser dieses Artikels seine Meinung zum Ausdruck bringen und auf Fehler und übertriebene Darstellungen hinweisen. Eine andere Möglichkeit der „Korrektur“ ist es natürlich auch, selbst einen Artikel, oder eine umgestaltete Version des Artikels zu schreiben und dann ins Wiki zu stellen. Die alte Version geht damit ja nicht verloren, wie ich anfangs schon sagte, sie wird gespeichert und ist im Versionenverzeichnis jederzeit einzusehen.

Das Beispiel „Zeugen Jehovas“

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Ein interessantes Beispiel für einen religionsspezifischen Eintrag ist der Artikel zu den Zeugen Jehovas auf den ich jetzt näher eingehen werde.  Dort finden sich zunächst viele allgemeine Informationen und oftmals auch ziemlich aktuelle Daten zu den Zeugen. Dieser Artikel wird anscheinend regelmäßig bearbeitet. Das letzte Mal im 03. April 2009, was unter „Versionen/Autoren“  einzusehen ist, wo schnell sichtbar wird, dass immer wieder neue Versionen des Artikels erscheinen. Dort finden sich alle alten Versionen archiviert, ebenso die Daten für immer neue Änderungen und Zusätze und die zugehörigen Autoren, wenn auch meist mit Synonymen. Oftmals werden auch einfach nur kleine Änderungen vorgenommen, wie Rechtschreib- und Ausdruckfehler verbessert, aber natürlich steht meist der Inhalt im Vordergrund.

Auf der Startseite, die sich öffnet, wenn auf der Wikipedia-Startseite nach dem Begriff „Zeugen Jehovas“ gesucht wird, befindet sich der Hauptartikel, also der „enzyklopädische“ Eintrag zu dem Thema, dessen Aufbau bei fast allen Artikeln in der Enzyklopädie sehr ähnlich ist und was sich in diesem Fall weitestgehend in gedruckten Lexika genauso wiederfindet. Der Unterschied ist nur, dass die Informationen hier oft noch aktueller sind, im Lexikon allerdings detaillierter und besser recherchiert.
In diesem Artikel in der Wikipedia findet sich zu Beginn eine kurze Erklärung, wer die Zeugen Jehovas eigentlich sind und dann folgt ein detailliertes Inhaltsverzeichnis zu dem weiteren Verlauf des Artikels. Dieser behandelt systematisch einzelne Punkte, wie die Geschichte der Zeugen, besonders auf Deutschland bezogen und mit sehr aktuellen Bezügen, wie der Debatte um die Zulassung der Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes für die Zeugen Jehovas, welche 2006 in Berlin erstmal entschieden wurde. Weiter werden Themen behandelt, wie ihre Lehre, also die Glaubensvorstellungen der Gruppe, wobei auch erklärt wird was sie ablehnen (z. B. die Dreifaltigkeit Gottes) und es wird darauf verwiesen, dass sie schon Fehler gemacht haben, z. B. in ihren Berechnungen des Endgerichts (Harmagedon), worauf sie heute verzichten. Ihr Leben im Alltag wird dargestellt, sowie die Organisation selbst und deren Aufbau.
Beim Lesen dieses Artikels ist zu merken, dass oftmals aus subjektiver Sicht geschrieben wurde. Es wurde zwar versucht weitestgehend objektiv zu sein, nur ist das bei Wikis kaum möglich. Jeder, darf den Artikel umschreiben und ändern, ob Laie oder Gelehrter, wobei oftmals festzustellen ist, wie die Autoren zu ihrem Thema stehen. Wenn zum Beispiel ein Punkt, wie in diesem Fall die Ablehnung der Bluttransfusion und deren Folgen, sehr wichtig ist für den Autor, wird er besonders hervorgehoben. In der sehr kurzen Kritik unter dem Punkt „Kontroverse“ geht es fast nur darum, obwohl sich dort zumindest ein Hinweis findet, dass dem Abschnitt Informationen fehlen. Der Artikel verspricht also keine Vollständigkeit, was Informationen zu dem Thema betrifft und ebenso könnten sich inhaltliche Fehler eingeschlichen haben. Davor kann kein Artikel gefeit sein, da sich mehrere Autoren beteiligen, jeder nur seine subjektive Sicht hat und vielleicht nicht gründlich genug recherchiert, bevor er schreibt. Bei allen Wikipediaartikel, wie auch hier, gibt es ganz am Ende Literaturhinweise, Einzelnachweise und Weblinks, welche als Quellennachweise dienen sollen und über die Qualität des Artikels entscheiden, oder einfach Hinweise zu weiteren Informationsmöglichkeiten bieten. Bei diesem Artikel ist die Liste der Einzelnachweise sehr lang, was für eine gute Recherche sprechen kann. Allerdings könnte es natürlich sein, dass die Quellen nur der Verweis zu weiterführenden Informationen sind und gar nicht wirklich als Quelle dienten. Das kann ich hier auf Grund der Vielfalt nicht überprüfen. Sichtbar ist aber, dass oft auf Literatur der Zeugen Jehovas  selbst hingewiesen wird (wie beispielsweise die offzielle Literatur der Wachturmsgesellschaft), was die Subjektivität des Artikels unterstreicht.  Die Weblinklist ist dagegen eher kurz. Unter dem Link „Wikinews“ z. B. finden sich aktuelle Nachrichten zu den Zeugen Jehovas, wie u. a. ein Artikel zu der Anerkennung der Zeugen als KdöR. Weitergehend finden sich Links zu einer offiziellen Website der Zeugen Jehovas, ein Online-Lexikoneinträge und ein REMID -Eintrag. Also nicht gerade eine große Auswahl, aber von jedem etwas.

zeugen_jehovas_diskussion
Auf der rege genutzten Diskussionsplattform finden sich dann zu einzelnen Themen kurze oder längere Einträge, die hier manchmal sehr sarkastisch wirken. Zum Beispiel schon der Titel eines Kommentars: „Isses nu wieder soweit?“, strotzt vor Sarkasmus, sowie dann auch der Kommentar selbst, obwohl offen bleibt, was wirklich gemeint ist. Das kann sich der aufmerksame Leser ja denken, meint der Schreiber. In der Diskussionsrunde wird auch deutlich, dass sich die verschiedenen Autoren oder Leser oft nicht ganz einig sind zu einzelnen Punkten. Besonders aufgefallen ist mir dabei die Diskussion zur Zulassung einiger Links, z. b. zu offiziellen Seiten der Zeugen Jehovas, oder auch zu der www.sektenausstieg.net Seite, also einer Aussteiger Seite. Dazu gibt es viele Meinungen, ob solche Links überhaupt in eine Enzyklopädie gehören, oder nicht und wie gut, bzw. geeignet die Websites sind. Besonders um die Aussteigerseite wird viel diskutiert. Es ist interessant, wie die Schreiber argumentieren. Manchmal wird allerdings einfach etwas gesagt, ohne eine Begründung, wobei dann schon fast Streitgespräche entstehen, wie in dem Archiveintrag IV von 2008 zu Weblinks. Es finden sich auch Diskussionen zu einzelnen Begriffen oder Formulierungen der jeweils aktuellen Artikelversion. Viele der Autoren, die am Hauptartikel mitarbeiten und neue Versionen reinstellen, begründen ihre Handlungen in dem Diskussionsforum, oder regen sich über andere Änderungen auf, warum jemand etwas gelöscht oder umgeschrieben hat. Sie sind sich oft nicht einig über die Wichtigkeit von manchen Punkten, oder die Verwendung von bestimmten Begriffen, wie z. B. Sekte . Religionswissenschaftlich relevant finde ich auch die Argumentationen zu Vorurteilen, wie z. B. die starke Missionstätigkeit, welche als lästig empfunden werden kann, die genannte Ablehnung der Bluttransfusion oder die allgemeinen Dogmen, welche sich in allen archivierten Diskussionsforen wiederfinden.

Gerade dieser Verlauf von unterschiedlichen Versionen des Artikels zu Zeugen Jehovas und die Uneinigkeiten in der Diskussion ermöglichen eine interessante Untersuchung zu diesem Thema. Es ist möglich verschiedene Perspektiven aufzugreifen und zu betrachten. Es finden sich ganz vielfältige Meinungen, welche den Untersuchungsgegenstand insgesamt objektiver werden lassen, da alle (oder zumindest viele) Seiten aufgezeigt werden können. Die empirische Betrachtung kann sich sehr nahe an den Menschen, ob nun Mitglieder der Religion, Gegner oder einfach Interessierte, orientieren. In der religionswissenschaftlichen Untersuchung ist diese Vielfalt sehr wichtig, es kann mehr als eine Perspektive beleuchtet werden, was dem Ergebnis der Untersuchung mehr Qualität gibt. Daher können Wikis, speziell dieser Artikel zu den Zeugen Jehovas und deren Diskussionsforum, meiner Meinung nach, ein sehr essenzreiches Untersuchungsobjekte sein.

Fazit
Also ist ein Wiki ein sehr nützliches Instrument der Darstellung von Inhalten, Artikeln und anderem, im speziellen auch von religiösen Themen, wie am Beispiel des Wikipediaartikels zu den Zeugen Jehovas deutlich wurde. Ein Wiki ist sehr einfach zu handhaben und ohne großes Vorwissen mit jedem internetfähigem PC zu nutzen. Es finden sich natürlich auch einige Nachteile an diesem Medium, wie die Unsicherheit der Richtigkeit von Inhalten und die oft sehr starke Subjektivität. Doch gerade die vielen verschiedenen Ansichten gemeinsam können ein Thema auch besonders eindrucksvoll beleuchten, was zum Beispiel für Religionswissenschaftler im Hinblick auf religiöse Ansichten sehr interessant sein kann und das Wiki somit zu einer guten Quelle für Forschungen macht.

Literatur:

Richter, Alexander u. Koch, Michael: Social Software – Status quo und Zukunft, 2007 München.

  1. 08.04.2009 um 17:00

    Ich finde auch, dass Wikipedia für Religionswissenschaft und Theologie eine gute erste Informationsquelle ist, die schnell verfügbar ist. Einfach praktisch.
    Allerdings denke ich, dass es problematisch wird, wenn es dabei bleibt. Da verlasse ich mich lieber auf „traditionelle“ wissenschaftliche Literatur.
    Ich persönlich nutze Wikipedia vor allem zum Nachschauen von Fakten, z.B. Jahreszahlen oder ähnliches, meist zu Themen, wo ich schon einiges an Vorwissen und -information habe. So kann ich für mich dann auch recht gut differenzieren, was wirklich passt und wo es einfach zu wenig, zu undifferenziert, zu subjektiv ist.

  2. 29.05.2009 um 11:22

    In diesem Rahmen dürfte für alle die heutige Meldung auf Spiegel Online interessant sein:
    „Dem britischen Nachrichtenportal “ The Register“ zufolge hat eine Schiedskommission der Online-Enzyklopädie Wikipedia beschlossen, Wikipedia-Autoren die von Scientology-Rechnern aus auf die die Enzyklopädie zugreifen, künftig zu blockieren. Damit werde die Konsequenz daraus gezogen, dass Lexikon-Einträge offenbar wiederholt im Auftrag der umstrittenen Glaubensgemeinschaft verändert wurden. Der Vorgang ist einmalig: Erstmals sperrt die Online-Enzyklopädie, die sich selbst als grundsätzlich freies und offenes Angebot sieht, eine Nutzergruppe komplett aus.“

    Vgl.
    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,627591,00.html
    http://www.theregister.co.uk/2009/05/29/wikipedia_bans_scientology/

  3. 10.11.2010 um 16:43

    Ich habe es längst aufgegeben auf Wikipedia irgend etwas zu schreiben

    Innerhalb von Stunden bis maximal wenigen Tagen ist der alte Status wieder hergestellt. Dabei spielt es keine Rolle was der Inhalt ist, das Alte muss erhalten bleiben

    Dies betrifft besonders religiöse Themen wie die sogenannte Jesusforschung
    Punkt 1) der Forschung ist die unabdingbare These „Jesus hat gelebt“. So etwas ist an Dummheit nicht zu überbieten, aber typisch religiös

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