Startseite > trailerpark > Westliche Esoterik und die „Die Prophezeiungen von Celestine“

Westliche Esoterik und die „Die Prophezeiungen von Celestine“

19.03.2009

von Benjamin Pogadl

Esoterik? Schon mal gehört …

Wirft man den Begriff Esoterik in den Raum trifft man oft auf sehr ähnliche Reaktionen. Die Einen können damit so überhaupt nichts anfangen und andere haben zumindest eine grobe Ahnung davon, was man sich unter Esoterik vorzustellen hat. „Das ist doch das Zeug mit den Geistern, Steinchen und Teebaumölen und so.“ Übersähe man die Polemik in diesem Satz wäre das gar nicht so verkehrt. Und lustigerweise kommen solche unbeholfene und schwammige Definitionsversuche einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise doch sehr nahe.

Das mag jetzt paradox und blödsinnig klingen, ist vielleicht am Ende dieses Artikels aber gar nicht mehr so abwegig. Aber bevor du dich jetzt komplett desinteressiert von diesem Artikel abwendest und meinst eh schon alles zu wissen, lass mich doch ein wenig mehr Licht auf das Phänomen werfen und versuchen zu erklären, warum das so ist.

Denn an sich, so sagt man sich gern, hat man ja mit Esoterik so überhaupt nichts am Hut. Aber seien wir doch einmal ehrlich. Energetisch geladene Steine, kleine Figuren, bei denen man sich nicht sicher ist, was sie eigentlich darstellen sollen, Duftlampen, oder ein Deck Tarotkarten – irgendwas, ob nun mit „religiöser“, bzw. „spiritueller“ Intention verbunden, oder nicht – hat doch jeder zu Hause herumfahren. Grund genug sich einmal mit dem Hintergrund
des Phänomens ein wenig auseinanderzusetzen.

Hierfür möchte ich zunächst versuchen den Esoterikbegriff im Allgemeinen zu diskutieren und herauszuarbeiten, warum eine klare Definition dem Phänomen am Ende nicht gerecht wird. Danach werde ich mich bemühen eine vermeintlich bessere Herangehensweise von Kocku von Stuckrad vorzustellen und mit dieser das Fallbeispiel „Die Prophezeiungen von Celestine“, einen Roman von James Redfield, auszuleuchten.

Warum Esoterik am Ende doch keine „Esoterik“ ist

Wie kaum eine anderer analytischer Begriff, ist derjenige der Esoterik von kaum zählbaren Kontroversen umgeben. Das zeigt sich schon allein bei seinem erstmaligen belegten Auftreten als französisches Substantiv im Jahre 1828. Eine enge Verbindung mit den Herausdifferenzierungs- und Abgrenzungsprozessen der Aufklärung lässt sich hierbei nur schwer wegdenken und tatsächlich wurde er damals vor allem mit Bewegungen assoziiert, die damals besonders unter den Begriffen der Mystik und der Gnosis gefasst wurden. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Esoterikforschung sich bis in 1950er vor allem mit diesen beiden, als Gegenbewegungen zu den Schriftreligionen aufgefassten Strängen beschäftigte, wobei problematisch war, dass man hier die entdeckten Traditionslinien gegen die etablierten der Schriftreligionen ausspielte, was zu dem Trugschluss führte, eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem „Aberglauben“ sei nicht notwendig.

Die Wende der Esoterikforschung kam schließlich mit Frances A. Yates Veröffentlichung „Giordano Bruno and the Hermetic Tradition“, die eine radikale Gegenposition zum damaligen Konsens anbot. Anstatt den „Aberglauben“ auszugrenzen, stellte sie die umgekehrte These auf, die neuzeitliche Wissenschaft sei durch den so genannten Hermetismus der Renaissance überhaupt erst ermöglicht worden, was eine heftige Diskussion um die Relevanz von als „esoterisch“ gedachten Traditionen auslöste. Auch wenn das so genannte „Yates-Paradigma“ heute von kaum noch einem Wissenschaftler vertreten wird, kann man es doch als ersten Anstoß einer ernsthaften wissenschaftlichen Beschäftigung mit Esoterik sehen.

Kocku von Stuckrad

Kocku von Stuckrad

In der darauf folgenden Zeit lässt sich ein gewisser Wandel des empirisch-sozialwissenschaftlichen Denkens feststellen. Man entfernte sich langsam von stringenten und monolithischen Denkweisen und rückte mehr und mehr das Individuum in den Mittelpunkt des Interesses. Das führte unter anderem zur Feststellung, dass religiöser Pluralismus, den man bis dato eher als Kind der Modernisierung betrachtet hatte, bereits seit der Antike als Regelfall von Europäi-
scher Religionsgeschichte zu sehen ist. Es besteht hierbei ein enger Zusammenhang zwischen Pluralismus, Identitätsbildungsprozessen und den Begriffen Diskurs und Tradition. Der Religionswissenschaftler Kocku von Stuckrad sieht Religionsgemeinschaften nun nicht mehr als homogene Blöcke, sondern betrachtet vielmehr die diskursiven Verstrickungen zwischen den jeweiligen Akteuren. Den großen „Religionen“, wie dem Christentum, Islam und Judentum, räumt er aber dennoch einen geschlossenen Kern, eine Tradition ein, die sich allen voran in Theologien niederschlägt und innerhalb von Diskursen interpretiert wird. (Religiöse) Identität bildet sich dabei ebenfalls diskursiv, wobei Abgrenzung und Anneignung von Traditionen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.

Ausgehend davon versucht Stuckrad Esoterik nicht als Phänomen mit klaren Grenzen zu verstehen, sondern sagt deutlich: „«Esoterik» als Gegenstand gibt es nicht“, und „existiert nur in den Köpfen von Wissenschaftlern“. Stattdessen sei auch das Konstrukt Esoterik immer nur Teil eines Diskurses, weshalb anstelle von „Esoterik“ von einem esoterischen Diskurselement der Europäischen Religionsgeschichte gesprochen werden soll. Dieses lasse sich nun anhand folgender Marker identifizieren:

  1. Erkenntnisansprüche, an eine umfassende Wahrheit, ein umfassendes Wissen
  2. Dieses Wissen wird durch Modi, wie z.B. verschiedene Seinszustände (wie in einigen Formen des Channelings), oder verschieden Stufen einer Initiation, zugänglich
  3. Eine Dialektik von Verborgenem und Offenbartem, bzw. Rhetoriken einer verborgenen Wahrheit
  4. Eine Betonung von individueller Erfahrungen, durch die diese verborgene Wahrheit zugänglich wird

Es handelt sich hierbei – und das sollte man sich immer wieder vor Augen führen – um keine konkrete Definiton, sondern vielmehr um ein heuristisches Muster, anhand dessen sich verschiedene Diskurse verorten lassen.

Ist das Esoterik? „Die Prophezeiungen von Celestine“

Die Prophezeiungen von Celestine

Die Prophezeiungen von Celestine

An einer solchen Verortung wollen wir uns im Folgenden auch versuchen. Als Fallbeispiel möchte ich hier „Die Prophezeiungen von Celestine“ anführen, einen Bestseller von James Redfield, der gerne mit Esoterik in Verbindung gebracht wird und eine Bewegung mit sich führt, deren Anhänger sich, wie wir sehen werden, durch ganz spezifische Rhetoriken auszeichnen. Veröffentlicht wurde der Roman im Jahre 1993 und hat sich bis heute über 20 Millionen Mal verkauft.

Da wir hier ja diskursorientiert arbeiten wollen, wird es, um das Phänomen zu verorten, notwendig sein, sich mit den Rhetoriken der tatsächlichen Akteure zu beschäftigen. In diesem Fall bietet sich dafür eine rudimentäre Internetforschung an, da ein Großteil der angeführten Akteure in eben diesem Kanal regen Austausch pflegen.

Bevor wir uns jetzt aber im Gewirr von Blogs, Foren und persönlichen Homepages verlieren, versuchen wir doch einmal ganz systematisch vorzugehen und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Ganz nach der Prämisse, dass nur das im Internet existiert, was auch von Google gefunden werden kann, habe ich dafür zunächst einmal die Begriffe „celestine prophecy“ in den TouchGraph Google Browser eingegeben. Das Programm leistet dabei wenig mehr, als die Google link search, also die Google-Suche nach aufeinander verlinkende Sites, grafisch darzustellen. Säubert man das Ergebnis von Seiten, die nichts mit dem Roman zu tun haben, erhält man dabei Folgendes:

touchgraphfinal

Es lassen sich hier nun drei größere, zusammenhängende Cluster herausdifferenzieren. Einen um „The Celestine Prophecy Gateway“, einen weiteren um „The Celestine Prophecy Home Page“ und einen letzten um „CelestineVision.com“. Die ersten beiden verorten sich schon in ihrem Titel in einem Diskursfeld um „Die Prophezeiungen von Celestine“. Bei der letzten aufgeführten handelt es sich um die offizielle Homepage von James Redfield und seiner Frau, weshalb sie, nicht nur durch ihre werbende Funktion, automatisch zum selben Kontext zuzu-
ordnen ist. In Betracht gezogen soll hier auch eine Polemik zu dem Roman, die in unserem Beispiel praktischerweise sehr Zentral liegt und sich mit „Why I Hate the Celestine Prophecy“ betitelt.

Es sollen hier nun gar nicht die spezifischen Inhalte der jeweiligen Seiten aneinander abgeglichen werden, sondern versucht werden festzustellen, dass jede dieser Seiten eine unterschiedliche Funktion erfüllen soll, die oftmals auch sehr fern von der eigentlichen „Theologie“ des Romans liegt. Ausgehend von dieser Erkenntnis sollen Spezifika des Diskursfeldes herausgearbeitet werden, anhand derer sich dieses unter Verwendung von Stuckrads heuristischem
Muster verorten lässt.

Ich unterstelle dabei, dass sich, je inhaltsferner Erzeugnisse sind, in unserem Fall also je ferner die primäre Funktion der Homepage von der reinen Inhaltsvermittlung ist, desto mehr beschränken sie sich auf diejenigen Elemente und Charakteristika des Diskurses, die dem Autor zentral und wichtig erscheinen. Mit dieser Prämisse im Kopf schauen wir die Homepages einmal an.

  • The Celestine Prophecy Gateway
    Diese Site scheint, dem Ersteindruck nach, eine rein persönliche zu sein. Es werden neben Inhalten um den Roman auch viele Inhalte, die offfensichtlich off-topic sind, wie z.B. eigene Gedichte und eigene Interessenfelder, wie die Sektion über Wölfe, vermittelt. Beschäftigt man sich etwas tiefer mit der Site, scheint eine sehr zentrale Funktion der Site aber doch die Rubrik „A New (Celestine) Economy“ zu sein, in der der Autor versucht seine eigene Vorstellung einer „Economy“, die sich stark an Ideen aus dem Roman anlehnt, an den Mann zu bringen.
    celestine_prophecy_gateway1
  • The Celestine Prophecy Homepage
    Bei dieser Homepage handelt es sich um eine Art Linksammlung zu Seiten, die sich mit den „Prophezeiungen von Celestine“ beschäftigen. Neben eigenen Inhalten wird hier auch stark auf externe Seiten verlinkt.
    celestine_prophecy_homepage
  • CelestineVision
    Hier nun die persönliche Homepage von James Redfield und seiner Frau. Zentral sind hier neben dem „Celestine Store“ vor allem die Sektion, die für den Film zum Buch werben soll und die interaktiven Elemente, wie das Forum.
    celestinevision
  • Why I Hate The Celestine Prophecy
    Hierbei handelt es nun schließlich um eine klassische Polemik, die sich auch kreativ mit dem Phänomen auseinandersetzt und sich als nichts anderes als eine Polemik versteht.
    why_i_hate

Wie zu sehen ist erfüllen die „Brennpunkte“ des Internetclusters allesamt unterschiedliche Funktionen. Betrachtet man nun, welche Elemente für die jeweiligen Autoren zentral erscheinen fallen relativ schnell Rhetoriken auf, die auf die im Roman vorgestellte Energielehre rekurrieren und die sich in jedem Beispiel in unterschiedlicher Form finden lassen. Energielehre meint dabei eine Art verborgene Wahrheit, die besagt, dass jedem Lebewesen (und manchmal
auch nicht lebenden Dingen) eine Energie innewohnt, die alles Lebende verbindet und darüber hinaus auch kommunizierbar ist. So lässt sich Energie von anderen Lebewesen schöpfen, aber auch an diese weitergeben. Da die Wahrnehmung und gezielte Kommunikation dieser Energie nur Eingeweihten zugänglich ist kann man hierbei von einer Dialektik von Verborgenen und Offenbartem sprechen. Darüber hinaus werden durch diese Rhetoriken natürlich implizit auch Erkenntnisansprüche geäußert.

Um diese verbogene Wahrheit nun greifbar zu machen sind für viele Akteure die so genannten 11 Erkenntnisse von zentraler Bedeutung. Diese werden in jedem Beispiel zumindest angesprochen und finden sich in kurz zusammengefasster Form meist in einer eigens für sie angelegten Sektion. Sehr häufig verbinden sich die 11 Erkenntnisse mit der Vorstellung, dass diese jeweils chronologisch und individuell Erfahrbar, nicht jedoch durch die Ratio begreifbar sind. Durch die Chronologie der Erkenntnisse fungieren diese auch als Modi, durch die die Lehre
nach und nach erfahren werden kann.

Wie zu sehen ist, lässt sich der Diskurs um „Die Prophezeiungen von Celestine“ durch die beiden zentralen Motive der Energielehre und der 11 Erkenntnisse relativ eindeutig im westlichen esoterischen Diskurs verorten. Inwiefern ein solches Ergebnis nun den Aufwand wert ist, bleibt dem Leser zu entscheiden.

Verwendete Literatur:

Kocku von Stuckrad (2004): Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des Geheimen Wissens.

  1. Susanne
    29.09.2010 um 7:39

    Es gibt keine 11 Erkenntnisse!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Es sind zehn!
    Neun in Buch eins,und die zehnte Erkenntniss ist ein extra Buch für sich.

  1. No trackbacks yet.
Kommentare sind geschlossen.
%d Bloggern gefällt das: