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Ein explorativer Vorstoß ins “Nichts” oder: Zen-Buddhismus im Web 2.0

15.03.2009

von Torben Bellinghoff

Zen und Web 2.0
Beim Durchstöbern von diversen social-media-Anwendungen im Medienverbund Internet, stößt der geneigte Forscher hier und da auch auf implizite oder explizite Beschäftigung der User mit dem Zen-Buddhismus. Die Bandbreite dieser Auseinandersetzung rangiert dabei zwischen, oftmals nicht-intendierter, Rezeption Zen-buddhistischer Begriffe oder Symbolik in thematisch unterschiedlichsten Bereichen und der bewussten, definitorischen Rahmung des Begriffs “Zen” und des sich daran anschließenden Begriffsfeldes. Anders ausgedrückt: auf Flickr, Facebook, StudiVZ oder YouTube beschäftigen sich die Anwender – manchmal bewusst, manchmal unbewusst – mit Zen-Buddhismus.

Im Folgenden möchte ich versuchen einen möglichst vielseitigen Blick auf die Zuschreibungen an den Zen-Buddhismus und die diesbezüglichen vielfältigen Kommunikations- und Ausformungsprozesse anhand einzelner, ausgwählter social-media-Plattformen geben. Stellvertretend für eine ganze Reihe dieser Netzwerke finden hier Beispiele von StudiVZ und YouTube. Im Fokus soll hierbei weniger die konkrete wissenschaftliche Arbeit im Einzelnen stehen – was in diesem Rahmen von vorneherein zum Scheitern verurteilt wäre –, sondern ein Gefühl für die Vielfalt und Diversität der Internetquellen aus dem Bereich der sog. Web 2.0-Anwendungen vermittelt werden.

Frage: Was schenken sich Zen-Buddhisten zum Geburtstag?
Antwort: Nichts!

Einen großen und häufig auch zeitaufwändigen Teil der täglichen “Arbeit” im StudiVZ, stellt die Auswahl und Verwaltung der persönlichen Gruppenmitgliedschaften dar. Für einen Großteil der Nutzer ist der Blick auf die Gruppenliste von Freunden, Bekannten oder Fremden ebenso erhellend und unterhaltsam wie jener auf die persönlichen Daten (letzte Schule, Uni, Beziehungsstatus etc.). Frei nach dem Motto “Zeig‘ mir Deine Gruppen und ich sag Dir, wer Du bist [bzw. sein willst.]”, wird die Gruppenliste für manche zum Abbild ihrer Persönlichkeit. Die Vielzahl an Themen und die bloße Anzahl der Gruppen ist zu einem Großteil sicherlich der Tatsache geschuldet, dass jeder angemeldete Nutzer die Möglichkeit besitzt, theoretisch unendlich viele eigene Gruppen zu eröffnen. Dabei reicht die Bandbreite von, einen sehr begrenzten User-Bereich ansprechenden, “Kleinst-”Gruppen bis zu riesigen Massentreffs mit mehreren zehntausend Mitgliedern. Thematisiert werden z.B. Musik, Sport, Politik, Kino oder auch Religion(en), wobei der Fantasie im Prinzip wenig Grenzen gesetzt sind. Bei aller Euphorie darf man jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass es sich bei einmal gegründeten Gruppen nicht immer um pulsierende, digitale Treffpunkte für Gleichgesinnte handeln muss. Viele der existierenden Gruppen sehen unter anderem ihre einzige – dabei aber durchaus legitime – Aufgabe darin, als eine Art Sammelbecken für die Fans einer kultigen Fernsehserie, einer angesagten Band oder etablierten Sportmannschaft zu dienen. Andere wiederum bieten einem relativ überschaubaren Mitgliederkreis die Möglichkeit zum Ideen- und Gedankenaustausch.

Gibt man den Suchbegriff “Zen“ in die Gruppensuche auf StudiVZ ein, so erhält man insgesamt 176 Treffer. Darunter fallen allerdings auch jene Gruppen, die zunächst einmal in keiner Verbindung zum Zen-Buddhismus stehen, weil es sich eben um eine rein formale und keine inhaltliche Suche handelt (In den Ergebnissen werden deswegen u.a. mehrere Fangruppen des türkischen Popstars Gökhan Özen(!) gelistet).

zen-studivz1Die größte Gruppe zum Thema Zen-Buddhismus heißt dann auch schlicht und einfach “ZEN” und umfasst gegenwärtig (10.03.09) 619 Mitglieder. In der Gruppenbeschreibung ist zu lesen, dass sich die Gruppe als eine “Kommunikationsplattform für alle, die sich dafür interessieren oder es praktizieren” versteht und “Austausch, Fragen und Anregungen” willkommen sind.

Einträge im Gruppenforum existieren seit dem 6.11.2006 und werden bis in die Gegenwart fortgesetzt. Es können insgesamt 83 Themen mit über 1600 Beiträgen gezählt werden. Hier einige unsortierte Auszüge: “Sesshin mit Brad Warner 21.-23-08.2009 in Frankfurt”, “Zen-Witze :-)”, “WAS IST ZEN GENAU FÜR EUCH???”, “Zen ohne Meditation”, “Zen and the art of Poker” oder “Wie sied [sic!] ihr zum Zen gekommen?”.

Es lässt sich festhalten, dass in diesem Forum viele unterschiedliche Belange zur Sprache kommen. Von den Ankündigungen anstehender Termine für sesshin [längere, meist mehrtägige Übungsphasen; der Verf.] über das Sammeln von Zen-Witzen bis zu gezielten Fragen zur individuellen Definition von “Zen” und “Zen-Buddhismus” herrscht in dieser Gruppe reger Austausch. Diese Art der Kommunikation gewährt zum Beispiel auch einen guten Überblick über die von den Teilnehmern rezipierte Literatur oder das Selbstverständnis einzelner Akteure (Stichworte: “Was ist Zen genau für euch?”). Eventuelle Anfragen werden meistens höflich und ausfürlich beantwortet. Die Gruppenmitglieder gehen offensichtlich weitestgehend zuvorkommend miteinander um. Verbale Entgleisungen finden sich eigentlich gar nicht. Dies ist wohl weniger der weit verbreiteten Ansicht zu schulden, Buddhisten seien friedliebend, mitfühlend und voller Harmonie, sondern eher dem Charakter der Gruppe als ein kleiner, exklusiver Kreis von Personen mit einem gemeinsamen, verbindenden Interesse.

Das StudiVZ dient hierbei nicht ausschließlich nur als Kommunikationsplattform, sondern wird auch zum Gegenstand der Ausführungen gemacht. So findet sich zum Beispiel in dem Thread “WAS IST ZEN GENAU FÜR EUCH???” die folgende Textpassage:

“Das ist ein Forum, lasst uns über Zen philosophieren. Auch das ist Zen. Dauernd mit Wörtern zu sagen das Wörter nix sagen und dann zu glauben großes gesagt zu haben,…wo führt das hin? Zen sind die roten Linien des Studivz die unsere Botschaften eingrenzen. Die eine Dicker, die andere dünner. Zwei um jeden Namen. Geh ein Stück weiter, unter und ober dir sind Einträge anderer Menschen, geh weiter, Du landest beim Browser Fenster, geh weiter, der Bildschrim hat ein Ende, geh weiter du erblickst dein Zimmer, geh weiter, du siehst aus dem Fenster, geh weiter und öffne deinen Geist für alles. Das ist Zen.” [Markierung durch den Verf.; T.B.]

Anhand einer individuellen Definition von “Zen” bindet der Autor die graphische Oberfläche des StudiVZ mit in seine Argumentation ein und nimmt somit direkten Bezug auf die Anwendung. Interessant wäre es an dieser Stelle zum Beispiel zu erfahren, ob der Autor einer bestimmten Rezeptionslinie folgt, indem er vielleicht einen reziperten Text paraphrasiert oder umdeutet und für seine Argumentation nutzbar macht. Generell kann es ein spannender Forschungsbereich sein, sich näher mit vorhandenen – offensichtlichen und ‚versteckten‘ – Rezeptionslinien zu beschäftigen. Denn obwohl man in vielen Einführungen in den Zen-Buddhismus (z.B. Werke D.T. Suzukis, Eugen Herrigels, Alan Watts etc.) von einem “Zen” liest, das kein Lehrgebäude besitzt, keine Rituale oder Texte und im Endeffekt auch keine Geschichte oder Tradition, wurden und werden doch bis in die Gegenwart hinein Unmengen an Text über und im “Zen” produziert.

Treffen sich zwei Mütter in der Stadt.
“Mein Sohn geht jetzt Meditieren.” – “Interessant, was macht man da?” –
“Weiß ich nicht so genau, aber immer noch besser als rumsitzen und nichts tun!”

Der Kreativität sind auf YouTube, dem wohl berühmtesten Videoportal im Internet fast keine Grenzen gesetzt. Täglich kommen mehr und mehr Videos in mehr oder weniger zufriedenstellender Qualität hinzu und dies in so großem Maße, dass man auch als Religionswissenschaftler dem scheinbar nicht enden wollenden Datenstrom hilflos gegenübersteht. Was findet sich nun aber zum Thema Zen-Buddhismus auf YouTube? Die Suche nach dem Begriff “zen” bringt, im Vergleich zur Suche im StudiVZ, zunächst gigantische 37.500 Treffer hervor. Und wie schon beim deutschen facebook-Ableger weist auch nicht jeder dieser Treffer eine direkte Verbindung zum Zen-Buddhismus auf. Geschätzt liegt die Zahl der in irgendeiner Art und Weise “relevanten” Hits aber mit Bestimmtheit im fünfstelligen Bereich.

Aber schauen wir uns einige Videos etwas genauer an:
Das erste Beispiel trägt den Titel “how to practice zazen” und wurde bis zum Zeitpunkt des letzten Aufsuchens (10.03.09) ungefähr 79.000mal angesehen und 138mal kommentiert. Es wurde am 15. Februar 2007 hochgeladen und ist 10:40 min. lang. Es zeigt den relativ bekannten buddhistischen Lehrer Gudô Nishijima bei der Erklärung des zazen (Sitzmeditation besser: rituelles Sitzen; T.B.). Die Kamera ist frontal auf den Protagonisten gerichtet und wird während des Videos nur vertikal geschwenkt. Die mündliche Erklärung erfolgt in Englisch. Intention des Videos ist offenkundig eine Einführung in eine der zentralen Praktiken des Zen-Buddhismus zu geben. Gudô Nishijima steht in der Tradition der Sôtô-Schule [der größten der drei Zen-buddhistischen Schulen Japans; T.B.], was er durch ein, im Hintergrund zu erkennendes, Bild von deren Gründer Dôgen nochmal unterstreicht.

Eine weitere Einführung in den Zen-Buddhismus (zumindest wie Gudô Nishijima diesen versteht) ermöglicht ein Video mit dem Titel “Interview with a Zen Buddhist Priest” . Das Video wurde zwar von einem anderen Anwender hochgeladen, Datum und bisherige Besucherzahl sind mit den Zahlen des vorherigen Videos jedoch weitestgehend identisch. Beiden Videos ist also die Intention zu eigen, ein ganz bestimmtes Bild von “Zen” zu vermitteln. Dies wird unter anderem durch die Rekurierung auf eine anerkannte Autorität (Nishijima) gepaart mit der Verortung in einem exotisch anmutenden Setting (Bilder von Japanern aus einem Dôjô, Regal mit japanischen Büchern) erreicht.

Allein dem Titel nach beurteilend, reihte man „A short history of Zen Buddhism in America“ sicherlich auch in die Reihe der Nishijima-Videos ein. Das relativ neu eingestellte Video (20. Dezember 2008) ist mit 1:54 min. Laufzeit aber nur ungefähr ein Viertel so lang. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Titel auch etwas gänzlich anderes. Der Infotext liefert schon erste Andeutungen: “How is the ancient practice of Zen (that passed from India to China and on to Japan), manifesting in American culture?“. Schließlich ist die vom Anwender vergebene Kategorie Comedy der entscheidende Hinweis darauf, wie dieses Video verstanden werden soll. Anhand einer Aneinanderreihung von Bildern unterschiedlichster Produkte, Orte und Personen, die alle das Wort “Zen” im Namen tragen, zeigt das Video unmissverständlich, dass sich die “alte [lies: ursprüngliche; T.B.] Praxis des Zen” nur in Form von Konsum und Werbung in der amerikanischen Kultur manifestiert. Die Slideshow wird im Übrigen von einer beruhigenden, Assoziationen nach Wellness und Entspannung hervorrufenden Musik begleitet.

Ähnlich wie im vorherigen ist auch in diesem abschließenden Video der Zen-Buddhismus nur Aufhänger für Kritik. Das Video mit dem etwas seltsamen Namen “Kalkofes Mattscheibe @ Zen Meditation“ [sic!] rangiert im eher gemäßigten Zuschauerbereich von ca. 27.000 Zusehern. Parodiert wird hier vordergründig die Beratungssendung eines öffentlich-rechtlichen Senders, in der ein deutscher Zen-Mönch auftritt. Die bewusst gewählte, stark metaphorische Sprache des Mönches paraphrasiert der Komiker geschickt zu einer Polemik gegen die deutsche Fernsehlandschaft.

Zen-Meister zu seinem Schüler: „Du existierst gar nicht.“
Schüler: „Wem sagst du das.“

Anhand dieser kurzen Einblicke in die Welt des sog. Web 2.0 sollte deutlich geworden sein, dass auch der Zen-Buddhismus kein Schattendasein im Netz führt und in den social-media-Anwendungen besprochen, diskutiert, be- und verabeitet wird. Mit ein wenig Sachverstand und einem fundierten Forschungsdesign sollte man einigermaßen zwischen der unüberschaubaren Zahl an möglichen Quellen und Forschungsgegenständen navigieren können und ein Thema auf ein zu bearbeitendes Pensum herunterbrechen können. Die Vernetztheit der Anwender und Nutzer im Medienverbund und die Schnelligkeit mit der Informationen erhalten oder Antworten gegeben werden können, macht einen großen Teil des Reizes aus, mit und in diesem relativ unerschlossenen Medium zu arbeiten. Denn trotz der immer wieder betonten Unabhängigkeit von Sprache und Wort im Zen-Buddhismus, dem Fehlen einer Lehre oder der Abwesenheit von Ritualen zeigen die Nutzer der social-media-Anwendungen eben doch, dass all dies in der sozialen Realität des “Zen” irgendwo seinen festen Platz hat.

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  1. 15.03.2009 um 12:16

    >Frage: Was schenken sich Zen-Buddhisten zum Geburtstag?
    >Antwort: Nichts!
    Ja, aber nur solange beide Seiten Nichts haben.

    Herzlichst
    Hans Blazejewski

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