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Wissenschaftsethische Probleme der Online-Forschung

von Till Hagen Peters

Das Internet als modernes Medium der Kommunikation hat sich in den letzen Jahren zu einem anerkannten und florierenden Forschungsgebiet entwickelt. Untersucht werden neben der Technologie auch der Umgang der Nutzer mit dem Internet und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Konsequenzen. Hierbei wird der Mensch selbst zum Objekt der Forschung. Folglich rücken wissenschaftsethische Fragen unweigerlich in den Vordergrund. In diesem Essay soll die Frage diskutiert werden, inwieweit eine kultur- bzw. sozialwissenschaftliche Online-Forschung qualitativ neue wissenschaftsethische Probleme mit sich bringt, die in der Offline-Forschung nicht zu finden sind.

Der Begriff „Wissenschaftsethik“ umfasst in seiner allgemeinen Bedeutung zunächst zweierlei Problembereiche: Zum einen wird die Erzeugung und Verwendung von wissenschaftlichem Wissen thematisiert. Hierbei geht es primär um die praktischen Folgen, die die Erzeugung oder Verwendung von Wissen mit sich bringen können. Bekannte Beispiele in diesen Bereich sind der Bau der Atombombe (Manhatten-Projekt) oder die Veränderung des Genoms von Pflanzen, Tieren oder Menschen. Zum anderen bezieht sich der Begriff „Wissenschaftsethik“ auf den spezifischen „Ethos“ (ethisches Bewusstsein) einer Wissenschaftlergemeinschaft. Bei dem Bestreben neues Wissen zu erwerben, sind dem Wissenschaftler ethische Regeln auferlegt, die die Möglichkeiten des Wissenserwerbs regulieren und begrenzen sollen. Zwischen den einzelnen Ländern kann dieser Ethos stark variieren. Zur Veranschaulichung kann auf das psychologische Experiment von Stanley Milgram verwiesen werden. In Deutschland ist ein solches Experiment, in dem Versuchspersonen gegen ihr Gewissen dazu gebracht werden autoritäre Anweisungen zu geben, nicht denkbar. Hingegen wurde an der Santa Clara University im Jahr 2008 dieses Experiment von Jerry Burger wiederholt.

Anders als in der naturwissenschaftlichen Forschung steht in den Kultur- und Sozialwissenschaften die Frage nach dem Ethos einer Wissenschaftlergemeinschaft im Zentrum der Diskussion. Es geht in den Kultur- und Sozialwissenschaften also weniger darum, welche Folgen das neu erworbene Wissen mit sich bringt, als vielmehr um die ethischen Prinzipien die das Verhältnis zwischen Forscher und untersuchter Person bestimmen sollen. Die Soziologin Christel Hopf nennt vier Fragen, die stets aufs Neue diskutiert werden:

  1. Die Frage nach der Freiwilligkeit der Teilname an Untersuchungen.
  2. Die Frage nach der Absicherung von Anonymitäts- und Vertraulichkeitszusagen.
  3. Die Frage nach der Vermeidung von Schädigungen derer, die in Untersuchungen einbezogen werden.
  4. Die Frage nach der Zulässigkeit verdeckter Formen der Beobachtung.

(Quelle: Hopf, Christel, 2004, „Forschungsethik und qualitative Forschung“, Seite 589 – 600, In: Flick, Kardorff, Steinke [Hrsg.], „Qualitative Forschung. Ein Handbuch.“, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag)

Für den sozialwissenschaftlichen Bereich wurden diese Fragen durch Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und des Berufsverbandes Deutscher Soziologen (BDS) beantwortet. Nach einer innerorganisatorischen Ausarbeitungsphase trat am 27. November 1992 ein Ethik-Kodex in Kraft, der die oben formulierten Fragen beantwortet und zudem Vorgaben in Bezug auf Lehre und Methodik macht. Übersehen werden darf jedoch nicht, dass dieser Ethik-Kodex nur ein Appell an die Forschenden darstellt. Sanktionsmöglichkeiten bei einem Verstoß gegen diesen Ethik-Kodex bestehen lediglich in dem Aussprechen eines Tadels in einer Fachzeitschrift oder durch einen Ausschluss des Beschuldigten aus den soziologischen Verbänden. Es ist daher nicht überraschend, dass neben der Selbstbeschränkung durch Ethik-Kodizes Gesetze auf Bundes- und Landesebene gelten, die auch das Verhältnis zwischen Forscher und untersuchter Person betreffen. Exemplarisch wird der vierte Paragraf aus dem Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) wiedergegeben:

§ 4 Zulässigkeit der Datenerhebung, -verarbeitung und -nutzung

(1) Die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten sind nur zulässig, soweit dieses Gesetz oder eine andere Rechtsvorschrift dies erlaubt oder anordnet oder der Betroffene eingewilligt hat.

(http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/bdsg_1990/gesamt.pdf)

In diesem Gesetzesauszug wird die oben aufgeführte Frage nach der Zulässigkeit verdeckter Formen der Beobachtung beantwortet. Sie ist in Deutschland gesetzlich verboten, da der Paragraf vier des BDSG die Freiwilligkeit der Untersuchungsteilnahme vorschreibt.Es stellt sich nun die Frage, ob die bestehenden Gesetze und Ethik-Kodizes auch die Online-Forschung hinreichend regulieren können oder ob qualitativ neue Probleme in diesem Forschungsbereich zu finden sind.

Zur Beantwortung dieser Frage sollen im Folgenden einige Besonderheiten der Online-Forschung anhand religionswissenschaftlich relevanter Studien analysiert werden. Dabei zeigt sich, dass die Online-Datenerhebung in den Kultur- und Sozialwissenschaften mit den gleichen Methoden erfolgt wie im Offline-Bereich (genannt werden hier: Interview, Fragebogen, teilnehmende Beobachtung).

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Der Aufsatz „S(l)pirituality immersive worlds as a window to spirituality phenomena“ (pdf) von Pablo Martinez-Zárate, Isabela Corduneanu und Luis Miguel Martinez ist ein Beispiel für die Erforschung virtueller Welten. Ihr Forschungsziel ist zu erfahren, was Personen in Second Life erleben, wobei besonders spirituelle Erfahrungen im Vordergrund stehen. Die wissenschaftsethisch relevante Frage zu dieser Forschungsarbeit ist, wie die Ergebnisse erzielt wurden. Primär geschah dies durch die Inhaltsanalyse von Gesprächen. Die Forscher bewegten sich mit einem eigenen Avatar in der virtuellen Welt und sprachen mit anderen Avataren. Es wurde direkt nach dem sie interessierenden Thema gefragt. Dem Gesprächspartner wurde hierbei das wissenschaftliche Interesse offenbart. Auch wurden die Gesprächspartner um eine Erlaubnis zur Publizierung gebeten und nur im Falle einer positiven Antwort wurden die Ergebnisse verwendet. Es zeigt sich meines Erachtens, dass mit dieser Art von Online-Forschung keine neuen wissenschaftsethischen Fragen verbunden sind, die nicht hinreichend in den Gesetzen und Kodizes behandelt werden. Die Freiwilligkeit der Teilnehmer an dem Forschungsprojekt ist gewährleistet und die Personen wurden in den Forschungsergebnissen hinreichend anonymisiert.

Die Online-Studie von Robinson-Neal „Enhancing the spiritualrelationship“ untersucht, in welcher Beziehung religiöse Erfahrungen in der Online-Welt zu denen in der Offline-Welt stehen. Auch diese Studie findet im Rahmen von Second Life statt. Seine Ergebnisse gewinnt Robinson-Neal zum einen durch einen Fragebogen, welchen er innerhalb von Second Life verteilt. Zum anderen besucht Robinson-Neal virtuelle Kirchen und nimmt an Gebetsstunden teil. Wissenschaftsethisch ist die Gewinnung von Forschungsdaten über Online-Umfragen nicht mit neuen Problemen verbunden, da es auch bei Online-Umfragen nicht schwierig ist, die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu wahren. Dies kann gewährleistet werden, indem die Befragten durch das Anklicken eines entsprechenden Buttons bestätigen, dass sie an einem Forschungsprojekt teilnehmen möchten.

Problematischer ist jedoch die Verwendung der aus der teilnehmenden Beobachtung gewonnenen Daten. Wurden Persönlichkeitsrechte verletzt und konnten die einbezogenen Personen überhaupt ihr Recht auf freie Entscheidung über die Beteiligung an Forschungsvorhaben ausüben? Robinson-Neal spricht diese Problematik nicht an, so dass nicht zu ersehen ist, ob er die Betroffenen ausreichend informierte. Jedoch lässt sich auch für die Online-Forschung mittels einer teilnehmende Beobachtung festhalten, dass keine grundsätzlich neuen Probleme entstehen. Der Forscher hat auch im Rahmen von Second Life die Möglichkeit, die Beteiligten zu fragen, inwieweit sie ihm die Möglichkeit geben möchten, eine teilnehmende Beobachtung durchzuführen. Zudem ist es möglich, den Avatar als Forscher zu markieren.

Die kurze Analyse der Online-Forschungsarbeiten deutet an, dass die bestehenden Gesetze und Kodizes hinreichende Anweisungen geben, wie Online-Forschung wissenschaftsethisch korrekt durchzuführen ist. Es treten keine qualitativ neuen Probleme auf, jedoch ist der Forscher genötigt, die bestehenden Standards für den Offline-Bereich auf den Online-Bereich zu übertragen.

Das Internet ist ohne Zweifel mit einem einfacheren Zugang zu persönlichen Daten verbunden, dies lässt jedoch nur scheinbar die Frage entstehen, wie diese von Forschern verwendet werden dürfen. Sie dürfen es bisher nicht, sofern keine ausdrückliche Genehmigung der betroffenen Personen vorliegt. Wenn z.B. Jan Schmidt dennoch die Frage aufwirft, inwieweit verdeckte Beobachtung mit einem Fake-Account vertretbar oder gar erforderlich ist, dann ist dies keine Frage, die innerhalb der Online-Forschungsgemeinschaft neu zu beantworten ist. Die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit von Fake-Accounts betrifft das grundsätzliche Verhältnis von Forscher und untersuchter Person und dieses Verhältnis ist für die Bundesrepublik Deutschland durch Gesetze und Kodizes bestimmt. Es ist nicht zu ersehen, wie ein Medium, in diesem Fall das Internet, die geltenden Normen beeinflussen kann. Zwar ist es möglich und vielleicht auch sinnvoll die Frage zu stellen, inwieweit verdeckte Forschung legitimiert werden sollte, um dem Recht auf Forschung mehr Gewicht zu geben. Dies kann jedoch nicht durch einen Bezug auf das Medium Internet geschehen, sondern ausschließlich durch einen Verweis auf geänderte Werte- und Moralvorstellungen innerhalb einer Gesellschaft. Es ist gerade die Besonderheit eines wissenschaftlichen Ethos, dass er nicht die spezifischen Interessen der Forschergemeinschaft widerspiegelt, sondern handlungsleitende Vorschriften aus den gesellschaftlichen Moralvorstellungen ableitet.

Die bisherige Argumentation bezog sich primär auf die geltende Norm, dass eine Einwilligung vorliegen muss, wenn persönliche Daten für ein Forschungsprojekt verwendet werden sollen. Jedoch lässt sich diesem Argument entgegengehalten, dass Daten im Internet der Status des Persönlichen gar nicht zuzusprechen sind, da diese allgemein zugänglich sind. Es ist jedoch ein argumentativer Fehler von dem Grad der Zugänglichkeit auf den Grad der Persönlichkeit zu schließen. Die Verwendung persönlicher Daten durch Forscher bedarf generell der Einwilligung des Betroffenen, unabhängig davon, wie die Daten erhoben wurden. Es lässt sich festhalten, dass Online-Forschung keine eigene Wissenschaftsethik erfordert, aber es erscheint angesichts der leichten Zugänglichkeit und Fülle an persönlichen Daten im Internet nötig, an den bestehenden Ethos der Kultur- und Sozialwissenschaften zu erinnern.

  1. Christian Deisenroth
    11.03.2009 um 19:14

    Hallo,

    erst einmal finde ich den Essay wirklich gelungen. Besonders gut gefällt mir, dass du deine theoretischen Vorannahmen an Beispielen illustrierst.
    Es gibt aber auch Punkte, in denen ich dir widersprechen würde bzw. die für mich noch etwas undeutlich sind.
    Zum Beispiel frage ich mich, warum das Milgram-Experiment in Deutschland nicht denkbar wäre?

    Außerdem will ich dich darauf hinweisen, dass sich Paragraph 40 des BDSG noch einmal genau mit der Frage nach der Nutzung personenbezogener Daten durch wissenschaftliche Einrichtungen beschäftigt. Zwar wird auch hier die Einwilligung der Betroffenen gefordert, jedoch lässt dieser Paragraph den Forschenden auch die Möglichkeit, diese Einwilligung zu umgehen, sofern „dies für die Darstellung von Forschungsergebnissen über Ereignisse der Zeitgeschichte unerlässlich ist“. Natürlich gilt dies nur mit Einschränkungen für das Internet.

    In deinem Fazit schreibst des Weiteren, dass es ein argumentativer Fehler sei, vom Grad der Persönlichkeit auf den Grad der Zugänglichkeit zu schließen. Andererseits basiert deine Argumentation vorrangig auf dem BDSG. Die Frage ist jedoch, ob das BDSG im Falle einer im Internet veröffentlichten Aussage überhaupt noch greift? Ich denke, hier kommt es auf den Einzelfall an.

    Trotzdem würde ich dir Zustimmen, dass eine Einwilligung Betroffener Personen stets einzuholen ist – allerdings aus rein ethischen Gründen.

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