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So verschieden können Blogs sein! – „Brightsblog“ vs. „Himmel und Erde“

27.02.2009

von Hannah Grünenthal

Nachdem ich mich in meinem vorigen Essay mit der Theorie des Analysemodells für Praktiken des Bloggens nach Jan Schmidt beschäftigt habe, werde ich in diesem Essay andeuten, wie es praktisch angewandt werden kann. Ich habe zwei religionswissenschaftlich interessante Blogs als Beispiele zur Anwendung ausgewählt, die ich zunächst kurz vorstellen möchte:

brightsblog.wordpress.com

brightsblog.wordpress.com ist der Blog der Brights. Hier eine kurze Beschreibung des Blogs: Der Blog wird von den „Brights“ geführt. Was ist ein Bright?

A bright is a person who has a naturalistic worldview. A bright’s worldview is free of supernatural and mystical elements. The ethics and actions of a bright are based on a naturalistic worldview.

Auf diesem Blog werden Artikel verlinkt, die im weiteren Sinne Religion zum Thema haben. Im weiteren Sinne deshalb, weil einerseits der Begriff „Religion“ weit gefasst ist und andererseits das Thema Religion oft nur am Rande eine Rolle spielt. Die Artikel an sich sind oft pro-Religion geschrieben, da sie aus religiösen Online-Journalen oder Blogs entnommen sind. In den Kommentaren werden die „Schwachpunkte“ aufgezeigt, also aufgezeigt, wo aufgrund religiöser Vorannahmen oder Argumentationen „falsche“ Schlussfolgerungen gezogen wurden.

Religionswissenschaftlich interessant ist der Blog der Brights, da hier vor allem religiöse Themen besprochen und diskutiert werden, und zwar aus „atheistischer“, das heißt in diesem Fall fast ausschließlich anti-religiöser, Sicht.

Website: Brights

himmelunderde.wordpress.com

Auf himmelunderde.wordpress.com bloggt „Rika“ über ihr Leben und ihre Gedanken, wobei Glaube eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt:

„schwingt in jeder freude und in jeder klage nicht auch ein stück “himmel” mit? werden wir nicht immer wieder in unserem leben mit dem konfrontiert, was über uns hinausweist, uns sinn gibt, hoffnung, halt? hier bedeutet himmel für mich die frage nach dem göttlichen, die auseinandersetzung mit glauben, religion, dem, was mich im tiefsten ausmacht. das klingt ziemlich theoretisch und auch ein bißchen weit hergeholt, ist aber dennoch alltäglich in dem, was ich denke und tue. Gott ist in meinem leben keine leertaste, keine metapher für ein irgendwie geartetes höheres wesen. ich nehme ihn in meinem leben als realität wahr und möchte das deshalb auch nicht verleugnen oder verschweigen. zu dieser realität mit Gott gehört das tiefe vertrauen ebenso wie der zweifel, der mich von zeit zu zeit heimsucht – und dem will ich auch raum und ausdruck geben.“

(Quelle: himmelunderde.wordpress.com/das-bin-ich/)

Rika selbst gehört „zu einer ziemlich kleinen religiösen Minderheit, zu einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinschaft, die weniger als 90000 Mitglieder bundesweit hat, zu den „Baptisten“. Sie ist ausdrücklich Christin, ansonsten sind ihre Beiträge tendenziell Israel-freundlich. Der Islam, sei es nun in Palästina oder in Deutschland, kommt bei ihr weniger gut weg (vgl. den Beitrag: „Was haben die satanischen Verse mit dem Papst zu tun?“ vom 15. Februar).

Website: himmelunderde

Da eine komplette Untersuchung beider Blogs nach Schmidts Modell wesentlich zu aufwändig wäre, will ich mich auf den Punkt der Regelmäßigkeiten, also das erste Feld zur Rahmung, beschränken. Die Regeln, die innerhalb der Blogs aufgestellt wurden oder gelten, sind nicht zu verstehen im Sinne von unumstößlichen Gesetzen. Vielmehr umschreiben Regeln die „dos“ und „dont’s“ der jeweiligen Blogs (vgl. Jan Schmidt).

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Ich denke, dass sich anhand dieses Ausschnittes einer Untersuchung gut darstellen lässt, inwiefern eine Einordnung bzw. Rahmung der wissenschaftlich zu untersuchenden Seiten unerlässlich ist, wenn man Internetforschung betreiben will.

Normative und kognitive Regeln

Kognitive Regeln sind sehr schwer zu bestimmen. Sie beschreiben die unbewussten Erwartungen an das eigene Verhalten und das Verhalten anderer. Diese Regeln oder Regelmäßigkeiten müssten in größerem Rahmen untersucht werden. Solche Regeln erkennt man erst, wenn sie überschritten werden; wenn also ein Verhalten mein Missfallen erregt und ich diesem Missfallen auf den Grund gehe.

Die normativen Regeln hingegen sind leichter auszumachen. Oft sind sie ausformuliert oder aber sie gelten zwar implizit, aber speziell für den zu untersuchenden virtuellen Raum.

  1. Brights: Den Kommentaren sollte eine naturalistische Weltsicht zugrunde liegen (das wird auf der Seite ausdrücklich gefordert.) Die online gestellten Artikel werden so kommentiert, dass alles „nicht-naturalistische“ daran aufgedeckt und fast schon lächerlich gemacht wird.
  2. Himmel und Erde: Die Bloggerin vertritt sehr christliche Meinungen. Kritische Stimmen werden zugelassen und es kommt u.U. eine Diskussion zustande. Allerdings haben die meisten Kommentatoren zu den Themen Israel und Islam ähnliche Meinungen. Widerspricht ein Kommentator dem „common sense“, dann kommt es teilweise zu recht emotionalen Diskussionen (vgl. die Diskussion um Hannover ist nicht Duisburg und die Reaktionen auf Philip oder über die Seltsame Berichterstattung über ein gefährdetes Kloster in der Türkei und die Antworten auf den Beitrag von rai30.

Nach Nutzerrollen

Die Nutzer der Blogs auf ihre Nutzerollen hin zu untersuchen ist schwierig. Zunächst einmal bleibt uns der Blick auf die wahrscheinlich größte Gruppe der Nutzer verwehrt, auf die der Leser. Die Kommentatoren kann man daraufhin untersuchen, wie viel sie Kommentieren und ob sie z.B. einen eigenen Blog haben. Bei den Brights ist das unterschiedlich. Viele Kommentatoren haben eigene Blogs (z.B. yerainbow, Toni), einige nicht (z.B. El Schwalmo). Für Himmel und Erde gilt das gleiche.

Adäquanzregeln

An dieser Stelle möchte ich gerne den Hinweis von tillpeters bezüglich der Adäquanzregeln aufgreifen. Adäquanzregeln sind die Regeln, die bestimmen, welches Medium zur Kommunikation genutzt wird. Das hängt sowohl vom Sender als auch vom Empfänger als auch von der Kommunikationssituation ab. Was macht aber nun den Blog in beidenFällen so attraktiv?

  1. Brights: Hier steht im Vordergrund, die eigene Meinung auszudrücken und den kommunikativen Austausch der Nutzer zu fördern, aber auch, die eigene Weltsicht zu verbreiten und Argumente zu liefern gegen jeden „Irrationalismus“. Außerdem werden aus eigener Sicht gesellschaftliche Fehlentwicklungen dargestellt und manchmal Handlungsalternativen oder Lösungsmöglichkeiten dargestellt.
  2. Himmel und Erde: Die Autorin des Blogs schreibt nach eigenen Angaben hauptsächlich um persönliche Erlebnisse und Gefühle zu verarbeiten und um neue Gedanken zu entwickeln. Die Förderung des Kommunikativen Austauschs der Nutzer mag ein Ziel sein. Darauf deutet hin, dass Rika relativ schnell und regelmäßig auf Kommentare antwortet.

Prozedurale Regeln

Am aussagekräftigsten erscheinen mir zur näheren Charakterisierung der Blogs die Prozeduralen Regeln. Sie lassen sich durch einfaches Lesen des Blogs herausfinden.

a.) Publikationsregeln

  1. Brights: Innerhalb des Blogs wird hauptsächlich auf Artikel verwiesen. Das eigentlich interessante, das was den Blog ausmacht, sind die Kommentare. Jeder Artikel ist mit einem Bild versehen, Videos sind kaum eingebunden; das hängt allerdings damit zusammen, dass es verlinkte Artikel sind.
  2. Himmel und Erde: Hier werden sowohl religiöse als auch alltägliche Themen angesprochen. Es finden sich persönliche Anekdoten (Geschichte zur Abwrackprämie) auf der Seite, genau so wie gesellschaftspolitische und religiöse Thematiken (Stellungnahme zum Verhalten des Papstes). Bilder und Videos sind nicht eingebunden. Ihren persönlichen Standpunkt macht Rika sehr klar, sie schreibt explizit ihre eigene Meinung und will auch nicht verallgemeinern.

b.) Rezeptionsregeln

  1. Brights: Es werden Artikel aus dem ganzen Netz zusammengesucht; oft zitierte Seiten sind zum Beispiel das christliche http://www.pro-medienmagazin.de/, aber auch die online-Ausgaben von Tageszeitungen wie http://www.tagesspiegel.de/.
  2. Himmel und Erde: Auch hier wird immer wieder auf andere Seiten Bezug genommen. Zitiert wird z. B. Die Achse des Guten, aber auch anderes, quer durchs Netz.

c.) Vernetzungsregeln

  1. Brights: Es wird ausführlich verlinkt. Es geht ja darum, aufzuzeigen, wo „unwissenschaftlich“ geschrieben wird. Unter einer eigenen Überschrift wird im Blogroll auf insgesamt 44 andere Bright-Seiten verlinkt. Interessanterweise gibt es auch eine Kategorie „Enzyklopädie“, unter der der erste Link zu Athpedia führt. Außerdem erscheinen links Bilder wissenschaftlicher, religionskritischer und anderer „säkularer“ Bücher. Die Kommentatoren, die einen eigenen Blog haben, verlinken von ihrem Blog in der Regel auf den brightsblog; Schreibt man einen Kommentar, so kann man den eigenen Blog angeben und es wird auf ihn verwiesen.
  2. Himmel und Erde: Auch hier wird angegeben, woher die verarbeiteten Informationen stammen. Und auch hier gibt es einen Blogroll. Hier erscheinen unter anderem die Überschriften „Christenkram“, „Infotheke“ (viel zu Judentum und Israel) und „Islam-Info-Debatte“, direkt darunter „Islamischer Terror“.

Schon anhand der Regelmäßigkeiten lassen sich bei den beiden Blogs unterschiedliche Nutzungsepisoden erkennen. Während der Brightsblog eine Plattform ist, auf der man Argumente austauschen und diskutieren kann, schreibt auf Himmel und Erde die Autorin über sich selbst. Der Blog ist persönlicher und erhebt nicht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Die Zahl der Kommentatoren ist wesentlich geringer. Der Brightsblog ist die Präsentation der Gruppe der Brights in der Öffentlichkeit, während sich Rika auf Himmel und Erde selbst präsentiert. Auch habe ich den Eindruck, dass sich die meisten Kommentatoren auf Himmel und Erde gegenseitig kennen, teilweise aus der realen Welt und teilweise aus dem Netz. Daraus ergibt sich ein anderer Umgang miteinander, ein persönlicherer Umgang.

Würde man jetzt noch die Software und die Relationen genauer untersuchen (wobei ja bereits in der Untersuchung der Regeln die Relationen angedeutet wurden), so ließen sich für die beiden Blogs genauer die unterschiedlichen Nutzungsepisoden herausstellen. Anhand der Nutzungsepisoden ließe sich bestimmen, für wen die darin geleisteten Aussagen repräsentativ sind; also sowohl wie allgemein gültig sie sind, als auch für welches Publikum sie gemacht wurden.

Für die Religionswissenschaft interessant sind Fragen wie:

  • Drückt der Blog die Meinung vieler religiöser Akteure aus? Oder die individuelle Meinung eines Einzelnen?
  • Wird er stark frequentiert?
  • Wie werden fremde Religionen präsentiert? Wie die Eigene?
  • Wie reflektieren die Schreiber über ihre Religiosität? Wie über die Religiosität anderer?
  • Ist der Blog Träger oder gar Verbreiter religiöser Meinungen und Argumentationen?
  • Welche religiösen Quellen werden rezipiert – explizit und implizit?
  • Inwiefern werden zu den „alten Sinnfragen“ „neue“ Antworten kreiert?
  • In welchen religiösen Kontexten bewegen sich die Autoren, die Kommentatoren?
  • Was verstehen sie unter „Religion“?

Die Blogosphäre ist ein nachvollziehbares Abbild der bestehenden Diskurse. Innerhalb ihrer werden Themen, Meinungen und Argumentationsmuster aufgegriffen, diskutiert, verlinkt, verfälscht, ausgetauscht, geteilt, geklaut und weitergegeben. Genau wie in der „echten Welt“ – wenn nicht sogar noch konzentrierter.

Verwendete Literatur:

Jan Schmidt (2006): Weblogs. Eine Kommunikationssoziologische Studie.

  1. El Schwalmo
    27.02.2009 um 14:03

    === schnipp ===
    einige nicht (z.B. El Schwalmo).
    === schnapp ===

    http://www.waschke.de/blog/

    (ein Besuch lohnt aber nicht, da dort so gut wie niemand postet)

  2. 22.03.2009 um 13:30

    Der BrightsBlog ist keine Repräsentation der Brights, sondern wird von einem individuellen Bright eigenständig betrieben.

  3. 22.03.2009 um 15:06

    Davon ausgehend, dass es in der jüdisch-christlichen Relgion nicht um einen „außerirdischen Aufpasser“ geht, der von mystischen Gründern offenbart wurde, sondern um das schöpferische Wirken, das Wort, die kreative Vernünftigkeit, wie sie heute in der Evolutions- oder modernen Kreativitätslehre erklärt wird, danke ich dem Unsagbaren Geber für die Verschiedenheit, die auch in den beiden Blogs zum Ausdruck kommt.

    Nur so kommen wir weiter, indem wir die Gegensätze aufgeklärt und kreativ überwinden. Und selbst dazu sind wir heute mit technischem Handwerkzeug begabt. Auch wenn es nicht einfach ist, die Grenzen auch gedanklich zu überwinden.

  4. 22.03.2009 um 18:29

    Den von El Schwalmo verlinkten Blog des Evolutionsbiologen Waschke kann ich hierzu empfehlen.

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