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Möglichkeiten ethischer Entscheidungsfindung im Internet

23.02.2009

von Christian Deisenroth

„The needs of the many outweigh
the needs of the few or the one.“

Mr. Spock in Star Trek: The Wrath of Khan

Als Forscherin wird man immer wieder vor Probleme gestellt, für deren Lösung es keine Regeln gibt. Es existiert keine allgemeingültige „Checkliste“, mit der es möglich wäre, immer die „richtige“ Entscheidung zu treffen. Dieser Moment der Entscheidung, der nach Lévinas immer im Bereich der Unentscheidbarkeit liegen muss, ist es, der uns zu dem Problem der Ethik führt.

In vielen Disziplinen, von den Naturwissenschaften bis hin zu den Kulturwissenschaften, machten und machen sich Forscherinnen Gedanken über Forschungsethik. In diesem Essay werde ich mich dem Thema Forschungsethik im Internet zuwenden. Dabei wird am Ende kein Leitfaden für ethische Entscheidungsfindung stehen; vielmehr will ich versuchen das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, um so eine Diskussionsgrundlage zu liefern.

In einem ersten Schritt werde ich die Ethik Emanuel Lévinas’ betrachten, um darzustellen, dass eine allgemeingültige Ethik nicht existiert. In dem nächsten Schritt soll dann exemplarisch der Frage nach den juristischen Gesichtspunkten nachgegangen werden, da anhand rechtlicher Bestimmungen der Forscherin Grenzen gesetzt, aber auch Entscheidungen abgenommen werden. Bevor ich zu einem Fazit komme, werde ich noch kurz den Leitfaden für Internetforscherinnen von Charles Ess und der Association of Internet Researchers erwähnen.

Portrait: Emmanuel Levinas

Bei Lévinas ist Ethik die Begegnung bzw. die Beziehung des Ichs mit bzw. zu dem Anderen. Die Anrufung des Ichs durch das Andere ist der Moment, in dem beim Ich Verantwortung entstehen kann. Außerdem konstituiert sich das Ich erst in dieser Anrufung. Zu beachten ist nun, dass Lévinas’ Ethik nicht aus einem Regelkatalog besteht. Einen solchen würde er ablehnen, da dann weder eine Entscheidung oder noch das Entstehen von Verantwortung möglich wäre, sondern nur ein Abspulen von bereits vorhandenem Wissen. (*)

In Lévinas’ Ethik geht es um „das Andere“ und dessen „Würdigung“. Er weist jedoch auf das Grundproblem hin, mit dem sich auch eine Forschungsethik für das Internet auseinandersetzen muss. Die Entscheidung, was richtig und was falsch, was ethisch und was unethisch ist, ist keine, die sich anhand eines allgemeingültigen Regelkatalogs bestimmen ließe, wie er in gewisser Weise von Kant gefordert wurde. Die Unentscheidbarkeit wird der Forscherin nicht abgenommen, es gibt allerdings Regeln, an die sie sich halten muss oder die ihr eine Entscheidung erleichtern können.

Diese Regeln sind zum einen die gesetzlichen Rahmenbedingungen, an die sich die Forschungsgemeinschaft halten muss, aber auch Leitfäden, wie der der AoIR , an die sie sich halten kann.

Datenschutz ist ein Thema, mit dem sich jede Forscherin, die im Internet forscht, früher oder später auseinandersetzen muss. Die Frage: „Welche Daten darf ich benutzen und wie muss ich personenbezogene Daten schützen?“, berührt fast jede Internetforschung, da Gegenstand der Forschung in der Regel Äußerungen von Personen in den unterschiedlichsten Formen sind (wie z.B. Kommentare, Videos, Audioaufnahmen,…). Das Bundesdatenschutzgesetz, kurz BDSG, sagt im Zusammenhang mit Forschung folgendes zu der Nutzung personenbezogener Daten:

(1) Für Zwecke der wissenschaftlichen Forschung erhobene oder gespeicherte personenbezogene Daten dürfen nur für Zwecke der wissenschaftlichen Forschung verarbeitet oder genutzt werden.

(2) Die personenbezogenen Daten sind zu anonymisieren, sobald dies nach dem Forschungszweck möglich ist. Bis dahin sind die Merkmale gesondert zu speichern, mit denen Einzelangaben über persönliche oder sachliche Verhältnisse einer bestimmten oder bestimmbaren Person zugeordnet werden können. Sie dürfen mit den Einzelangaben nur zusammengeführt werden, soweit der Forschungszweck dies erfordert.

(3) Die wissenschaftliche Forschung betreibenden Stellen dürfen personenbezogene Daten nur veröffentlichen, wenn

  1. der Betroffene eingewilligt hat oder
  2. dies für die Darstellung von Forschungsergebnissen über Ereignisse der Zeitgeschichte unerlässlich ist.

(Quelle: Bundesdatenschutzgesetz §40)

Paragraph 40 ist der einzige Paragraph, der sich im BDSG mit dem möglichen Konflikt zwischen dem Grundrecht auf Forschungsfreiheit und dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung befasst. Hinzu kommen noch die verschiedenen Landesdatenschutzgesetze, die ggf. zusätzliche Regelungen enthalten. Verstoßen Wissenschaftlerinnen gegen die Datenschutzrichtlinien müssen sie mit Strafen rechnen, auch wenn Forscherinnen größere Freiheiten in der Nutzung personenbezogener Daten genießen, als andere Gruppen, wie z. B. Unternehmen. Trotzdem sind auch die drei Absätze des §40 BDSG problematisch, da sie sehr unspezifisch sind. Zwar wird im dritten Absatz deutlich gesagt, dass nur mit Einwilligung der Betroffenen personenbezogene Daten veröffentlicht werden dürfen, allerdings wird dies in einem zweiten, eher schwammigen Punkt wieder relativiert (ab wann ist eine Veröffentlichung für die Darstellung der Forschungsergebnisse unerlässlich? Ist dies schon der Fall, wenn es um den Nachweis von Quellen geht?).

Auch die gesetzlichen Vorgaben bieten letztlich keine klaren Vorgaben für ein ethisches Verhalten zumal die Frage gestellt werden sollte, ob es wirklich erwünscht ist, dass Ethik mit Gesetz gleichgesetzt wird.

Zur Orientierung bei der Findung ethischer Entscheidungen hat das AoIR einen Leitfaden erstellt, der mithilfe von „Questions to ask when undertaking Internet research“ versucht Forscherinnen eine Orientierungshilfe in ethischen Fragen zu bieten. Dieser Leitfaden erhebt dabei keinerlei Allgemeingültigkeitsanspruch und bestätigt damit das, was schon bisher in diesem Essay vorgestellt wurde. Einen allgemeingültiger Regelkatalog, der die Antworten auf alle ethisch mehr oder weniger kritischen Fragen liefert, gibt es nicht und kann es auch nicht geben.

Bevor ich zu meinem Fazit komme, will ich an einem konstruierten Fallbeispiel die Probleme ethischer Entscheidungsfindung und mögliche Lösungsansätze darstellen.

Bei meinem Fallbeispiel handelt es sich um einen privaten Blog, der als Tagebuch über persönliche Sinnfindung geführt wird. In diesem beschreibt ein junger Mann die Nutzug von Angeboten verschiedener religiöser Organisationen, angefangen bei der Mitgliedschaft in einer evangelischen Kirche bis zu dem Besuch eines Zen-Klosters in Japan. Die Beiträge des Blogs variieren zwischen persönlich und sehr persönlich, die Zielgruppe scheint sein näherer Bekanntenkreis zu sein. Eine Forscherin will nun, als Teil einer größeren Forschungsreihe über Individualreligiosität im Internet, diesen Blog untersuchen. Sie schreibt einen ersten Artikel, in dem sie Zitate von besagtem Blog verwendet. Die Frage ist nun, sollte sie den Blogger vorher um Erlaubnis bitten, seinen Blog zu zitieren? Reicht vielleicht eine kurze Mail zur Info, dass Zitate genutzt werden oder kann die Forscherin sogar ganz ohne Wissen des Bloggers diesen zitieren? Im Zusammenhang mit einer Veröffentlichung ergeben sich aber noch mehr Fragen, zum Beispiel, ob der Name des Blogs und des Bloggers veröffentlicht werden darf. Dabei wird sie auch an die wissenschaftliche Nachweispflicht denken, und diese gegen mögliche Einwände von Seiten des Bloggers abwägen müssen. Da der Blog öffentlich ist, ist eine mögliche Anwendung des BDSG auf diesen unklar. Von dieser Seite ist also keine Hilfe für eine ethische Entscheidungsfindung zu erwarten. Folgt sie dem AoIR-Leitfaden, wird sie sich – hier in verkürzter Form dargestellt ­– folgende Fragen stellen:

  • Wo findet die Forschung statt?
  • Welche ethischen Erwartungen werden mit diesem „Ort“ verbunden?
  • Ist das Medium selbst darauf ausgelegt von der Öffentlichkeit gelesen zu werden?
  • Gibt es vielleicht geschützte Bereiche? Da es sich in dem vorgestellten Beispiel um einen Blog handelt, und damit um einen für jeden öffentlich zugänglichen Ort, kann die Forscherin vorerst davon ausgehen, dass der Autor sich über die Öffentlichkeit seiner Aussagen bewusst ist.
  • Wer ist der Autor? In dem obigen Fall ein erwachsener Mann, wodurch sich weniger Probleme ergeben, als bei Minderjährigen.
  • Sollte man über die Forschung Informieren und um Einwilligung bitten?
  • Und wenn ja, wann sollte man dies tun? Diese Fragen sind eng mit dem Forschungsdesign verbunden, welches sich möglicherweise während der Forschung ändern kann.

Außerdem würden Fragen nach der rechtlichen Absicherung der Forschung gestellt werden, wie z. B. nach dem Datenschutz des Landes in dem geforscht wird. Sie müsste des Weiteren die Frage stellen, ob der Autor des Blogs erwartet, dass sein Blog auch von anderen, als seinem Bekanntenkreis gelesen wird. Diese Frage relativiert u. U. die Antwort auf die ethischen Erwartungen an das Medium bzw. den Ort, in dem der Autor publiziert. Seine Aussagen sind sehr persönlich, so dass die Forscherin davon ausgehen kann, dass der Autor sich nur z. T. der Öffentlichkeit seiner Aussagen bewusst ist. Eine sehr wichtige Frage ist die nach dem möglichen Schaden für den Blogger durch die Forschung. Je persönlicher die Aussagen, desto höher auch die Gefahr, das z. B. der Ruf des Bloggers beschädigt wird. Die Frage nach der Nützlichkeit der Forschung sollte nach dem AoIR-Leitfaden ebenfalls gestellt werden. Diese Frage schließt in gewisser Weise an die Vorangegangene an, denn je höher die Gefahr für den Autor, desto dringlicher wird auch die Frage nach dem Nutzen. Die letzte Frage des AoIR-Leitfadens ist die nach den „ethischen Traditionen“. Damit gemeint ist, dass z. B. in den USA eher nach einem utilitaristischen Ansatz geforscht werden kann, nach dem die Forschung dann gerechtfertigt ist, wenn der Nutzen den Schaden übersteigt. Dem gegenüber stellen die Autorinnen des Leitfadens eine ihrer Meinung nach in Europa weiter verbreitete Auffassung, nach dem kein Nutzen einen Möglichen Schaden an Grundrechten wie Privatsphäre, informationeller Selbstbestimmung, usw. aufwiegen könnte (Deontologische Ethik).

Der AoIR-Leitfaden stellt nur eine von vielen Möglichkeiten der ethischen Entscheidungsfindung dar. Er erhebt kenen Allgemeingültigkeitsanspruch, so dass von der Forscherin aus dem Fallbeispiel auch ein selbstentwickelter Ethikleitfaden benutzt werden könnte. Wichtig ist nicht so sehr, wie man ethische Entscheidungsfindung betreibt, sonder dass man sie betreibt.

Als Fazit möchte ich deshalb festhalten: Es ist nicht möglich eine allgemeine Ethik aufzustellen und es ist dementsprechend auch nicht möglich, dies für die Internetforschung zu tun. Die Antworten auf ethische Fragen und ethische Entscheidungsfindungen bleiben stark subjektiv. Letztlich bleibt es, von den gesetzlichen Ausnahmen einmal abgesehen, eine Entscheidung, die jede Forschende von Fall zu Fall neu entscheiden muss. Dabei kann sich eine Art „persönlicher Ethikleitfaden“ herausbilden, der in schwierigen Situationen helfen kann. Genauso kann man sich an Ethikleitfäden halten, die von anderen Forscherinnen entwickelt wurden, beispielsweise den AoIR-Leitfaden. Trotzdem wird man jede Frage neu abwägen, reflektieren und entscheiden müssen.

Noch einmal will ich auf das Zitat Mr. Spocks zurückkommen und es als Frage formulieren:

“Do the needs of the many outweigh the needs of the few or the one?” – Sometimes, maybe.

(*) Vgl. Möbius, S. (2003). Die soziale Konstituierung des Anderen, Grundrisse einer poststrukturalistischen Sozialwissenschaft nach Lévinas und Derrida. Frankfurt/Main: Campus Verlag, 35 – 57.

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  1. jstrube
    26.02.2009 um 11:44

    Das Hauptproblem ist wohl, dass der Betreiber eines Blogs von sich aus bereits durch den Akt des Veröffentlichens seiner Inhalte im Internet einwilligt, diese Informationen prinzipiell jedem zugänglich zu machen. Selbst wenn behauptet wird, der Blog sei nur für einen bestimmten Bekanntenkreis geschrieben worden, stellt der Autor dennoch automatisch seine Informationen jedem zur Verfügung, auch wenn durchaus die Möglichkeit bestünde, die Inhalte etwa durch ein Passwort oder ähnliches zu schützen. Insofern stellt sich im Endeffekt weniger eine rechtliche, sondern eine ethische Frage, die, wie Du korrekt schlussfolgerst, individuell und fallbezogen entschieden werden muss: Hat der Veröffentlichende etwas gegen die Veröffentlichung seiner Inhalte, die er ja selbst für jeden zugänglich veröffentlicht hat, so ist er, kurzum, selbst dafür verantwortlich. Es liegt also letztendlich im Ermessen des Forschenden/der Forschenden/des Forschenden (Neutrum!), ob dieser „Leichtsinnigkeit“ aus ethischen Gründen mit einer Anonymisierung begegnet werden sollte.

  2. bpogadl
    26.02.2009 um 16:44

    Sehe ich ähnlich. Ich denke, dass vielen einfach gar nicht bewusst ist, dass ihre Veröffentlichungen im Internet auch für Forschungszwecke genutz werden kann – und wird. Insofern ist natürlich zumindest ein kurzes Anfragen obligatorisch. (Selbst, wenn hinterher der Name anoymisiert wird)
    Aus diesem Grund würde ich auch dafür plädieren Ethik vor das Gesetz zu stellen, da ein all zu unüberlegtes vorgehen bei Internetforschung wahrscheinlich einer „Würdigung des Gegenübers“ nicht gerecht wird.
    Um es mit den Worten eines Trekies auszudrücken: „KHAAAN!“

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