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Analyseraster für Webseiten

von Anke Drewitz

Bereits im Essay Online-Journale als religionswissenschaftliche Quelle? wird eine Problematik angesprochen, mit der sich Religionswissenschaftler bei der Internetforschung auseinandersetzen müssen. Um die Präsenz von Religion im Internet zu analysieren wird von ihnen fächerübergreifendes, multimethodisches Vorgehen gefordert, welches sie sich in der Regel erst aneignen müssen. In Heidelberg haben sich Wissenschaftler die Frage gestellt, wie dieses Vorgehen in der Praxis aussehen könnte. Welche Methoden müssen in ein religionswissenschaftliches Analyseraster für Webseiten einfließen, bestehen Wechselwirkungen zwischen der technischen und der inhaltlichen Ebene und was muss bezüglich der Archivierung der Online-Quellen beachtet werden? Aus diesen Überlegungen entstand ein „Analytical tool for Cultural Studies Online“ (Heidbrink, Miczek, Radde-Antweiler, Wessel; in Vorbereitung). Dieses Analyseraster ist in unterschiedliche Bereiche gegliedert. Die Bereiche betreffen die reinen Daten, den Inhalt und die Arbeitspraxis des Forschers.

Datenebene

Die Datenebene umfasst technische Daten wie die URL, den vollständigen Domainnamen, den Autor der Webseite, die verwendete Kodierung (z.B. HTML), die Verzeichnis-Struktur und die Anzahl der Webseiten. Außerdem sollte der Zeitpunkt der ersten Online-Bereitstellung und des letzten Updates festgehalten werden. Bei der Ermittlung dieser Formalia ist man auf die Hilfe von Webapplikationen wie www.denic.de, www.betterwhois.com und www.archive.org angewiesen.

Zur Datenebene gehört des Weiteren die Beschreibung des Layouts, welches Farbe, Schriftart, Proportion von textuellem und nichttextuellem Inhalt, audio-visuelle und Video-Elemente sowie die Anordnung der Elemente umfasst. Außerdem sind vorhandene Komponenten wie Blog, Podcast, Wiki, Newsletter, Gästebuch, Forum, Chat, Werbebanner, Links, externe Kommunikationsangebote, Web-Shops und eingebundene Suchmaschinen aufzulisten.

Um die Einbindung der Webseite ins WWW beurteilen zu können, ist die Verlinkungsstruktur mit anderen Seiten und auch das Ranking bei den bekannten Suchmaschinen aussagekräftig. Die Möglichkeit einer visuellen Darstellung von Verbindungen bietet www.touchgraph.com.

Verlinkungsstruktur von www.ashtar-linara.de (touchgraph am 12.02.2009):

Touchgraph

Inhaltsebene

Da der Inhalt einer Webseite durch einen Medienverbund (Text, Bilder, Video, Audio usw.) präsentiert wird, kann dessen Erfassung nur durch multimethodisches Vorgehen gelingen. Die schriftlichen Dokumente auf einer Webseite sind mit Hilfe einer Textanalyse zu erschließen. Es ist hier wichtig zu beachten, dass die äußere Quellenkritik nach der aktiven Konstruktionsleistung der einzelnen Akteure fragt, und nicht nach der „richtigen“ oder „falschen“ Interpretation von religiösen Konzepten.

Konstruktion von Bedeutung (Abb 1.):

Konstruktion von Bedeutung

Für diese eben beschriebene rezeptionsgeschichtliche Analyse sind außerdem verwendete Keywords und die URL aussagekräftig, da beides auf die Selbstverortung des Akteurs hinweist. Dieser Analyse sind diskursanalytische Fragestellungen hinzuzufügen, die den Text im Hinblick auf seinen Aufbau, seine Funktionen, eventuelle Widersprüchlichkeiten und verborgene Typen der Aussageimplikationen untersuchen. Die Untersuchung nichttextueller Inhalte kann z.B. über Bild-, Film- und Musikanalysen geschehen. Interaktionsprozesse in Blogs oder Gästebüchern können durch eine Kommunikationsanalyse beleuchtet werden.

Für eine inhaltliche Analyse kann auch die Autorintention von Interesse sein. Diese kann der Forscher durch Email- oder Chat-Interviews, aber auch per Telefon, Post oder persönlich versuchen zu erfragen.

Um die Relevanz von Webseiten für eine religionswissenschaftliche Untersuchung festzustellen, muss zunächst eine spezifisch religionswissenschaftliche Fragestellung formuliert werden. Es kann hier um die Einordnung eines Akteurs innerhalb einer Glaubensrichtung gehen, um individuelle Möglichkeiten Religiosität online Ausdruck zu verleihen oder auch um interreligiöse Verbindungsprozesse, die das WWW ermöglicht (z.B. durch Verlinkungsstrukturen, Tagging etc.). Je nach Forschungsinteresse müssen die relevanten Elemente der Webseite herausgearbeitet werden. Hierbei sollten sowohl die Aussagen der religiösen Akteure selbst als auch die wissenschaftliche Beschreibung dieser Elemente in die Analyse einfließen.

Arbeitspraxis des Forschers

Auf dieser Ebene werden die Schwierigkeiten benannt, die bei der Forschungsarbeit mit dem Medium Internet berücksichtigt werden müssen. Bei der Suche nach relevanten Webseiten mit Hilfe von Suchmaschinen ist die primär ökonomische und nicht die lückenlose Arbeitsweise dieser Hilfsmittel in der Analyse zu berücksichtigen. Des Weiteren kommt der Archivierung der untersuchten Internetquellen besondere Beachtung zu. Probleme bei der Wiederauffindbarkeit nach Umzug der Webseite, der technischen Verfügbarkeit der Seite über den gesamten Forschungszeitraum und die teilweise nutzerdefinierte Darstellung von Webseiten machen eine Speicherung erforderlich. Diese wird mit Hilfe der Technik der Spiegelung der untersuchten Webseiten realisiert (Spiegelungssoftware z.B. www.allsync.de). Im besonderen Fall der Änderung der URL ist es zunächst wichtig diesen „Seitenumzug“ als solchen zu erkennen. Hinweis kann eine längere Zeit nicht erfolgte Aktualisierung oder die Weiterverlinkung zur neuen Adresse sein. Falls keine neue Adresse ermittelt werden kann, stellt die Spiegelung der alten Seite zumindest den Erhalt der analysierten Quelle sicher. Bei der Spiegelungsthematik zeigt sich wieder die Wichtigkeit von unterstützenden Programmen, um Forschung im WWW zu ermöglichen.

Anwendung des Analyserasters

Um beurteilen zu können, ob das entstandene Analyseraster die Untersuchung von Webseiten erleichtert und alle Aspekte berücksichtigt habe ich versuchsweise eine Webseite unter Berücksichtigung der genannten Aspekte betrachtet. Die gewählte Seite ist unter der URL www.seraphinus.de zu finden.

Website: Seraphinus

Schon das Erfassen der Formalia stellte eine zeitintensive Aufgabe dar. Ohne Hilfsprogramme bliebe der Besitzer der Seite unklar und auch die Größe der Webseite wäre bei 43 Einzelrubriken nur durch langwieriges Durchklicken zu bestimmen. Die Kodierung und die eingebundene Software ergeben sich durch die Nutzung des Anbieters http://de.jimdo.com. Auf der Homepage dieses Anbieters konnte „Seraphinus“ zwischen verschiedenen Webseitengerüsten ein bevorzugtes Layout auswählen um es mit seinen eigenen Inhalten zu füllen. Zum Serviceangebot von „jimdo“ gehören außerdem Schnittstellen mit YouTube, MyVideo, Flickr, RSS etc. sowie integrierte Komponenten wie Blogs, Gästebücher, usw. „Seraphinus“ nutzt davon die Werbebanner, das Gästebuch, die Emailfunktion, er betreibt einen Blog und verweist auf Links. Um die Einbindung ins WWW zu bestimmen können sowohl die verwendeten Tags (runen, heilen, balance, spirit, geistiges, celtic, energetisches, kraftplatz, spirtuelles, tranformations, rutengehen, metaphysik, raumreinigung, usw.), als auch die verlinkten Seiten (www.schamanenstube.com, www.runenorakel-online.de, www.buddhistische-Stille.de usw.) aufschlussreich sein.

Bei der Erschließung des Inhalts der Seite treten diverse praktische Probleme auf. Der Text ist eine Mischung aus eigenen Gedanken sowie gekennzeichneten und nichtgekennzeichneten Zitaten. Um eine Textanalyse vornehmen zu können, bedarf es daher einer vorausgehenden Einteilung und Strukturierung, die durch inhaltliche und formale Gesichtspunkte begründet sein muss. Für eine Bild- und Filmanalyse gilt dies ebenso. Wie oben schon erwähnt, liegt der Fokus der rezeptionsgeschichtlichen Analyse auf der Konstruktionsleistung des Seitenbetreibers. Die Frage wäre hier demnach, welche Transferprozesse „Seraphinus“ durch seine Kombination von Kerzenritualen, Dunkelmächten, Energievampiren, Jesuszitaten und Rutengehen zum Ausdruck bringt. Fraglich ist im Fall von „Seraphinus“, ob er einem Offline-Online-Abgleich zustimmen würde. Denn der Autor macht auf seiner Seite keine Selbstauskünfte bezüglich Name, Familienstand oder Beruf, was auf eine gewollte Anonymität hinweisen könnte.

Fazit

Das Analyseraster bietet eine nützliche Checkliste zur Untersuchung von Webseiten. Auch in anderen wissenschaftlichen Fachgebieten ist die Anwendung dieser Anleitung möglich. Bei der Analyse der Datenebene ist der Wissenschaftler jedoch auf die passende Software angewiesen. Ohne die Weiterentwicklung und Verfügbarkeit von entsprechenden Angeboten gelingt die Erfassung vieler Daten nicht, oder nur unter großem Zeitaufwand. Für Teile der inhaltlichen Analyse ist diese Software (z.B. Spiegelungssoftware) jedoch sogar Voraussetzung.

Das Raster hält diverse Anweisungen bereit, wie Inhalte von Webseiten erschlossen werden können. Die verschiedenen aufgeführten Methoden weisen auf die Zeitintensivität hin, die eine Webseitenanalyse darstellt. Außerdem setzt die Forderung nach einem multimethodischen Vorgehen gleichzeitig einen flexiblen und lernfähigen Forscher voraus.

Das Analyseraster dient demnach einerseits als Anleitung, setzt aber auch hohe Maßstäbe bei der Untersuchung von Webseiten. Es macht nicht nur deutlich, welche Aspekte Berücksichtigung finden müssen, sondern nimmt auch den Forscher in die Pflicht, mit dem Medienverbund Internet adäquat umzugehen.

Quellen

  • Parker, Ian „Die diskursanalytische Methode“. In: Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst; Steinke, Ines [Hrsg.] „Qualitative Forschung. Ein Handbuch.“, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2000, S. 546-556.
  • Radde-Antweiler, Kerstin: Kapitel 2.3 „Forschungsdesign und angewandte Methoden“ aus der Dissertation zum Thema „Ritual-Design im rezenten Hexendiskurs. Transferprozesse und Konstruktionsformen von Ritualen auf Persönlichen Homepages“ an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.
  • Abb. 1:Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst; Steinke, Ines [Hrsg.] „Qualitative Forschung. Ein Handbuch.“, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2000, S. 155.
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