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Rezeptionsgeschichte als methodischer Zugang zum Web 2.0

11.02.2009

von Torben Bellinghoff

Dieser Essay möchte aufzeigen, inwieweit das – ursprünglich in der Literaturwissenschaft von Hans Robert Jauß (1921-1997) postulierte – Konzept von „Rezeptionsgeschichte(n)“ für eine religionswissenschaftliche Beschäftigung mit dem sogennanten „Web 2.0“ nutzbar gemacht werden kann.

Hans Robert Jauss

Zunächst einmal ist dafür zu klären, was sich hinter dem Begriff der Rezeptionsgeschichte verbirgt. Im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie findet sich folgende Defintion:

Rezeptionsgeschichte (…) ist die Verlagerung der Aufmerksamkeit im Prozeß literarischer Kommunikation vom Autor oder Text auf den Leser. Literatur wird nicht länger im vermeintlich überzeitlich fixierbaren Objekt des Textes verortet, sondern als Kommunikationsprozeß aufgefaßt, in welchem dem Leser eine wichtige, ja konstitutive Rolle zukommt.

Oder anders ausgedrückt: Literaturwissenschaft betreiben hieß bis in die späten sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts – d.h. bis zu Jauß Konstanzer Antrittsvorlesung Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft im Jahre 1967 – vornehmlich die Beschäftigung mit Texten und deren Autoren, einem imaginierten, intendierten oder gar realen Leser fiel in der Regel lediglich die Rolle einer Marginalie anheim (siehe auch: Homepage der Universität Duisburg-Essen). Jauß, der schon damals seine Theorie als Paradigmenwechsel innerhalb der Literaturwissenschaft verstanden wissen wollte, gibt in dieser Antrittsvorlesung einen kurzen Abriß zur Etymologie und zum historischen Bedeutungswandel des Begriffs der Rezeption, bevor er zu seinen Hauptaussagen kommt, die er ebenso programmatisch in Die Theorie der Rezeption aus dem Jahre 1987 in folgender Ausführung zusammenfasst:

„Sie (Die Rezeptionsästhetik) fordert, die Geschichte der Literatur und der Künste nunmehr als einen Prozeß ästhetischer Kommunikation zu begreifen, an dem die drei Instanzen von Autor, Werk und Empfänger (…) gleichermaßen beteiligt sind. Das schloß ein, den Rezipienten als Empfänger und Vermittler, mithin als Träger aller ästhetischen Kultur, endlich in sein historisches Recht einzusetzen (…)“
(Quelle: Jauß 1987, S.5)

Religionsgeschichte als Rezeptionsgeschichte

Michael Stausberg

Der bekannte Religionswissenschaftler Michael Stausberg unternimmt in der Einleitung zu seinem Buch Faszination Zarathustra (1998) den Versuch das Konzept „Rezeptionsgeschichte“ für die Religionswissenschaft nutzbar zu machen. In Anlehnung an ein weiteres, wohlbekanntes Konzept – nämlich Burkhard Gladigows „Europäische Religionsgeschichte“ – postuliert er:

Eine strikte rezeptionsgeschichtliche Perspektive steht im Gegensatz zu der Annahme einer Selbstwirksamkeit und prädisponierten Bedeutung von („heiligen“) Texten und Konzeptionen. Die Rezeptionsgeschichte hat dem gegenüber etwa auf kreative Deutungsprozesse, Interpretationsleistungen Interpretengruppen und Institutionalisierungen von Texten, Themen und Konzeptionen zu achten.“
(Stausberg 1998, S. 3)

Hier finden wir zunächst alle Voraussetzungen für rezeptionsgeschichtliche Arbeit, die auch Jauß schon beschrieben hat. Stausberg erklärt weiter, dass es keine bedeutungskonstanten Texte gebe, die eine Art “Spur” hinterließen, die man dann wiederum untersuchen könne. Demzufolge gibt es für rezeptionsgeschichtlich arbeitende Forscher keine Miß- oder Fehldeutungen von Texten, da diese durch die Rezipienten ständigen Interpretations- und Zuschreibungsprozessen unterzogen werden.

Die konkreten Auswirkungen dieser Annahmen verdeutlicht Stausberg anhand seiner Überlegungen zu einer Rezeptionsgeschichte des Zoroastrismus, die davon ausgehen kann,

dass es sich bei der hier vorgestellten Geschichte Zoroasters um Deformationen der Substanz „Zaraθuštra“ handele, um eine „Irrtumsgeschichte“ also, die voller Herablassung an der wissenschaftlichen Zaraθuštra-Forschung als der vermeintlich adäquaten diskursiven Realisierung dieses Namens zu messen wäre. Eine Zoroaster-Rezeptionsgeschichte hat vielmehr dem Eigenwert und dem Selbstverständnis der in dieser Untersuchung rekonstruierten Zoroaster-Konkretisationen, -Konstruktionen oder Imaginationen hermeneutisch gerecht zu werden. Es ist dabei prinzipiell irrelevant, ob sie dem „wissenschaftlichen“ oder dem außerwissenschaftlichen Diskurs entspringen.
(Quelle: Stausberg 1998, S.3)

Stausberg weist zusätzlich auf einen – für die Applizierbarkeit der rezeptionsgeschichtlichen Arbeitsweise in der Beschäftigung mit dem Web 2.0 – wichtigen Punkt hin. Hierbei handelt es sich um die Abkehr von dem, in der Literaturwissenschaft vorherrschenden und letztlich zu eng greifenden, Kategoriendreieck Autor-Leser-Werk, hin zu einem weitaus offeneren, wenn auch teilweise theoretisch schwer fassbaren Diskursbegriff. Dieser Schritt wird notwendig, da es sich bei den Untersuchungsgegenständen nicht zwangsläufig um Texte oder literarische Werke handelt (als Beispiel für Stausberg steht der Eigenname „Zoroaster / Zaraθuštra“).

Rezeptionsgeschichtliche Ansätze für die Analyse des „Web 2.0“

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass Interntquellen aus Text, Grafik, Ton und/oder Film bestehen können. Es werden also abseits einer reinen Fokussierung auf literarische Produktion, ebenso Bilder (bewegt oder statisch) und Ton (Musik, Sprache, Geräusche etc) mit in die Analyse einbezogen (Stichworte: Textanalyse, Bildanalyse, Audioanalyse, Filmanalyse). Bei Ausblendung von nur einem dieser Elemente, wird man der bearbeiteten Quelle möglicherweise schon nicht mehr gerecht bzw. ist nicht mehr zugänglich für andere Analyseergebnisse. Verständlicherweise kann in diesem Format nicht näher auf die einzelnen Analysemethoden eingegangen werden, es sei aber erwähnt, dass wohl – mit Ausnahme der Textanalyse – die große Mehrheit der Wissenschaftler keine praktische Erfahrung im Umgang mit den „neueren“ Quellen vorweisen kann und deshalb eine gewisse Einarbeitungszeit unbedingt Grundvoraussetzung ist.

Wie lassen sich summa summarum rezeptionsgeschichtliche Ansätze möglichst erkenntnisgewinnend zum Instrument der Analyse von Internetquellen machen?

Dazu werfen wir zunächst einen Blick auf den Prozess der Entstehung von Rezeptionslinien. Grundlegend bei dieser Betrachtung ist die Annahme, dass Quellen eben explizit keine ahistorischen, von jeglichem Kontext befreiten, mit endgültigem Sinn belegten Gebilde sind, sondern von Autoren und Lesern gleichsam tradiert und rezipert werden. Tradierung und Rezeption sind hierbei keine passiven Prozesse, sondern schließen aktive (Re-)Konstruktion in der Lebenswelt des Rezipienten mit ein. Die Ergebnisse dieser „Verarbeitungsprozesse“ bilden wiederum Ausgangspunkte für erneute Tradierungen und Rezeptionen. Mit Wiederholung dieser Vorgänge entstehen automatisch Rezeptionslinien, die sich im Idealfall auch zurückverfolgen lassen.

Generell – und dies gilt selbstverständlich auch für „Web 2.0“-Quellen – lässt sich mit den Begriffen „explizite Quellen“ und „nicht-explizite Quellen“ operieren. Bei ersteren handelt es sich um offensichtliche Rekurierung auf eine bekannte Quelle, wie diese Homepage eines Zen-Dôjô verdeutlicht: (Quelle: zendojo-muenster.de).

Zen-Dôjô Mokushô-Dô Münster

Nicht nur der Personenname (L. Tenryu Tenbreul) gibt Auskunft über rezipierte Quellen, sondern z. B. auch die Verlinkung der Zen-Vereinigung Deutschland e.V. oder der anderer Zen-Dôjôs. Die Quelle des Bildes scheint auch noch leicht ausmachbar, wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Aufnahme aus dem Münsteraner Dôjô selbst. Aber wen stellt die Zeichnung in der linken oberen Ecke dar? Zumindest dafür bleibt die Homepage eine Erklärung schuldig, was die Abbildung auch als gutes Beispiel für nicht-explizite Rezeption herhalten lässt – ihr Ursprung ist nicht auf Anhieb auszumachen. Nicht-implizite Rezeption eines Textes soll anhand des nächsten Beispiels verdeutlicht werden. Wieder muss die Homepage eines Zen-Dôjô herhalten: (Quelle: zendo-frankfurt.de/html/rezitationen.html).

"Rezitationen" des Zendo Frankfurt

Das abgebildete Zitat und die beiden Sutras besitzen keinerlei Quellenangabe und stehen damit zunächst im luftleeren Raum. Die Homepage bietet keinen Hinweis auf den Ursprung der Texte, die demnach als nicht-explizit eingestuft werden müssen. In der Praxis wird man im Regelfall wohl ein Nebeneinander aus expliziter und nicht-expliziter Rezeption auf ein- und derselben Homepage vorfinden.

Unter der Voraussetzung, dass der Forscher sich mit den Methoden der Analyse von Bildern, Filmen und Musik/Ton ebenso wie mit denen der Literaturwissenschaft vertraut gemacht hat, bietet der rezeptionsgeschichtliche Ansatz in meinen Augen eine nützliches Werkzeug zum Verständnis und Interpretation von Homepages mit explizitem/implizitem und intendiertem/unintendierten religiösen Inhalt. Ohne ein möglichst breites, religionsgeschichtliches Vorwissen im spezifisch behandelten Forschungsgebiet, dürfte so manche nicht-explizite Rezeption den Forscher jedoch einige Recherchestunden kosten, wenn er sich denn auf die Suche nach einer rezipierten Quelle machen will.

Dem ungeachtet eröffnet sich – anhand der beinahe unvorstellbaren Datenmenge im Internet, der Masse an frei zugänglichen Homepages und der täglich wachsenden Zahl an Blogs – für ambitionierte Wissenschaftler eine ebenso große Auswahl an möglichen Forschungsgegenständen, die es in Zukunft erst noch zu erschließen gilt. Das Aufzeigen von Rezeptionslinien und die damit verbundenen Methoden zur Analyse von Homepages bieten hierzu eine gute Möglichkeit.

Literatur:

  • Hans Robert Jauß (1967): Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft. Konstanz.
  • Hans Robert Jauß (1987): Die Theorie der Rezeption. Rückschau auf ihre unerkannte Vorgeschichte. Konstanz.
  • Michael Stausberg (1998): Faszination Zarathusthra. Zoroaster und die Europäische Religionsgeschichte der Frühen Neuzeit (2 Bd.). Berlin, New York.
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