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Wissenschaftsblogs

09.02.2009

von Anke Drewitz

Professor

Wissenschaftliche Blogs – relevant für Studenten? Eine nicht-repräsentative Umfrage unter Kommilitonen an der Bremer Uni ergab eine überwiegende Unkenntnis über Existenz, Sinn und Unsinn dieser speziellen Art des Weblogs. Mir stellt sich angesichts dieser Tatsache die Frage, wer die bis zu 24 000 Besucher der ca. 300 derzeit bundesweit existierenden wissenschaftlichen Blogs sind. Ein Blick auf diverse Seiten ergibt ein ziemlich heterogenes Spektrum. In den Blogs lesen und kommentieren Wissenschafter aus demselben Fachgebiet des Blog-Autors, interessierte Laien, fachfremde Wissenschaftler, Wissenschaftszweifler u.v.m. So vielfältig die Art der Besucher ist, so unterschiedlich sind auch die Blogauftritte. Unter dem Stichwort „Wissenschaftsblog“ findet man Autoren, die ihre Leserschaft auf humoristische Art und Weise mit Anekdoten aus dem Universitätsalltag unterhalten, andere präsentieren ausführlich und mit Fachvokabeln gespickte Forschungsarbeit, wieder andere kommentieren aktuelle wissenschaftliche Neuigkeiten. Was derzeit als Wissenschaftsblogs präsentiert wird, ist nach Art und Inhalt eher uneinheitlich. Diese Tatsache trägt möglicherweise momentan noch dazu bei, dass auch Studierende nicht wissen, wie mit diesen Blogs umgegangen werden kann. Ist das Ganze als interessanter Zeitvertreib anzusehen oder nutzt das gezielte Lesen von wissenschaftlichen Blogs im Studium? Kann ich das Wissen aus Blogs überhaupt als gesichert übernehmen oder wie ist mit Einträgen und Kommentaren gewinnbringend zu verfahren?

Um Funktionen und Grenzen wissenschaftlicher Blogs besser einzuschätzen, ist es hilfreich, sich die bestehende Wissenschaftskommunikation anzuschauen. Sie funktioniert bislang durch Publikationen in Büchern und Fachzeitschriften und durch Berichte und Kommentare der Wissenschaftsjournalisten über diese Veröffentlichungen. Durch wissenschaftliche Blogs entsteht eine dritte Möglichkeit, Wissenschaftskommunikation zu realisieren. Sie könnten als Instrument fungieren, mit dessen Hilfe aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen ohne Umweg über journalistische Vermittler, einer größeren Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt werden. Außerdem ermöglichen sie eine schnelle Kommunikation innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft. Diesen wissenschaftlichen Dialog halte ich für die zentrale Funktion von Wissenschaftsblogs. Die beiden anderen Bereiche, die Wissenschaftspublikation und der Wissenschaftsjournalismus, sollten meiner Ansicht nach nicht in das Aufgabenfeld der Wissenschaftsblogs fallen. Warum Blogs mir für den Dialog sowohl innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, als auch außerhalb am geeignetsten erscheinen, soll durch die folgenden Beschreibungen verdeutlicht werden.

Chancen und Risiken

Die Vorbehalte gegen wissenschaftliches Bloggen sind zahlreich und nicht alle einfach von der Hand zu weisen. In seinem Blog, der Wissenswerkstatt, benennt Marc Scheloske einige dieser Vorbehalte und liefert gleichzeitig Strategien, mit ihnen umzugehen. Dabei widerlegt er nicht nur systematisch viele Vorbehalte, sondern nennt außerdem überzeugende Gründe, warum Wissenschaftler sich des Blogformats bedienen sollten.

wissenswerkstatt

Als Argumente gegen das wissenschaftliche Bloggen zählt er Ängste vor Fehlern, Prestigeverlust und dem Ideenklau durch andere Wissenschaftler auf. Der Befürchtung, ein Blog würde von konkurrierenden Wissenschaftlern als bloßer Ideenlieferant missbraucht, hält Scheloske die Forderung nach mehr wissenschaftlichem Selbstbewusstsein entgegen. Die Formulierung einer Idee in der Öffentlichkeit demonstriere, dass der Blogger innovativ sei und sich der Kritik stelle. Die Angst vor dem Ideenklau erübrige sich so von alleine, da der Zeitpunkt der Idee im Blog protokolliert ist und so nachvollziehbar bleibt, wer der Erste war. Auch die mögliche Sorge, dass Fehlargumentationen im Blog aufgedeckt werden entkräftet Scheloske. Für den bloggenden Wissenschaftler sollte ein früher Hinweis auf einen Schwachpunkt im eigenen Konzept viel wertvoller sein, als die Aura eines unfehlbaren Genies. Dem möglichen Prestigeverlust begegnet Scheloske mit dem Wunsch nach einer demokratischen Diskussionskultur. Nicht der Doktortitel, sondern das bessere Argument sollte in (Blog-) Diskussionen ausschlaggebend sein.

Die überzeugendsten Vorteile von Blogs kommen allerdings erst zum Tragen, wenn man sie mit den traditionellen Instrumenten der Wissenschaftskommunikation vergleicht. Blogs kennen keinen Redaktionsschluss, müssen keine vorgegebene Artikellänge erfüllen und sind einfach und schnell zu überarbeiten. Die Themenwahl ist dem Autor überlassen, es steht kein Journalist zwischen Sender und Empfänger und Reaktionen können in Form von Kommentaren zeitnah Bestandteil der Information werden. Was also die Aktualität, Flexibilität, Authentizität und Resonanzfähigkeit betrifft, können Print-, Fernseh- und Rundfunkmedien mit Blogs nicht mithalten. Der positive Nutzen für die Wissenschaft ist offensichtlich. Interessant ist, wie unterschiedlich Wissenschaftskommunikation in Blogs umgesetzt wird.

Heterogene Wissenschaftsblogs

Wissenschaftliche Blogs sind nicht nur durch ihre Ausrichtung auf die jeweilige Leserschaft sehr verschieden, sondern auch auf Grund der differenten Erwartungshaltung des Autors an den eigenen Blog. Im Web findet man Blogs für die breite Öffentlichkeit, solche eher für Fachdiskussionen und andere, die z.B. an bestimmten Forschungsthemen arbeiten und die Chancen der interdisziplinären Vernetzung nutzen. Zu dieser Differenzierung von Funktionen gehören auch der Aspekt des Schreibstils und die Verwendung von Fachtermini. Um welche Art von Blog es sich jeweils handelt, kann allerdings meist nur durch Lektüre herausgefunden werden, da wie bereits erwähnt, auch unter dem Titel „Wissenschaftsblog“ die unterschiedlichsten Inhalte zu finden sind. Die Bloggerin Monika Armand äußerte in einem Post die interessante Idee, Einträge in Kategorien für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis einzuordnen. Auf diese Weise könnten Frustrationen sowohl auf Seiten der Autoren als auch der Leser vermieden werden. Doch auch mit einer solchen Einteilung findet der Leser nicht nur erwünschten Inhalt. Je nachdem ob der Wissenschaftler seinen Blog als schnelles Publikationsinstrument, als Tool zum Identitätsmanagement oder als Werkzeug zum Beziehungsmanagement verwendet, wird der Leser einen jeweils unterschiedlich präsentierten Blog vorfinden. Denn der als „Einfach“ kategorisierte Eintrag über die nervige Biologieseminarvorbereitung entspricht möglicherweise nicht den gewünschten Informationen über neueste Informationen aus der Biowissenschaft. Natürlich sind in Blogs meist Mischformen zu finden, was die erfolgreiche Suche nach relevanten Informationen für Leser noch erschwert. Die Nutzung von wissenschaftlichen Blogs leidet demnach momentan noch an der nicht vorhandenen Kennzeichnung ihrer unterschiedlichen Intentionen.

Trotz ihrer Unterschiedlichkeit wirken Blogs durch die beginnende Beteiligung der Öffentlichkeit am Wissen, schon heute verändernd auf bestimmte alte Wissenschaftsparadigmen ein.

Veränderung der Wissenschaftskommunikation

Die Wissenschaftskommunikation wurde seit den 60er Jahren vornehmlich im Sinne einer Belehrung der Laien verstanden. Es herrschte eine asymmetrische Kommunikationssituation vor, in der wenige Experten der unwissenden Masse ihr Wissen vermittelte. Blogautoren wie Marc Scheloske meinen, dass durch Blogs dieses Konzept partiell aufgesprengt wird, indem sie die Öffentlichkeit als bereichernde Ideenquelle in die wissenschaftliche Arbeit einbinden. Diese Beteiligung von Nichtfachleuten kann bei Wissenschaftlern, die im alten Wissenschaftsparadigma sozialisiert wurden, mitunter Existenzängste hervorrufen.

Chrisp

Mit Wissenschaftsblogs könnte nicht nur die mühsam erklommene Stufe in der Gesellschaftshierarchie unwichtiger werden, es droht auch aus eigenen Reihen Gefahr in Form der selbsternannten „öffentlichen Wissenschaftler“. Christian Spannagel hat diesen Titel für sich gewissermaßen als Programm formuliert. Die Exzellenzideologie will er durch Dialog ersetzen, das Einzelkämpfertum durch Kooperation und anstelle von übertriebenem Selbstmarketing fordert er mehr Transparenz. Das alte Wissenschaftsparadigma, das geprägt gewesen sei von Profilierung, Hierarchie, Misstrauen und Angst vor Irrtum, könnte sich durch Blogs beginnen zu verändern.

Würde eine derartige Demokratisierung des wissenschaftlichen Dialogs wirklich eintreten, müssten natürlich auch neue Fragen bezüglich der Urheberrechte geklärt werden. Müssen alle Ideengeber auf dem Weg zur fertigen Theorie genannt werden oder wie verhält es sich generell mit geistigem Eigentum in Blogeinträgen? Hierzu sei der Kommentar von Marc Scheloske erwähnt, der meint, dass der Weg aus der Denkwerkstatt „Blog“ bis zum Artikel, der in einer Fachzeitschrift publiziert werden kann, so weit ist, dass die Autorschaft allein beim Verfasser des fertigen Artikels liegt. Die Problematik der Autorschaft bedarf auf jeden Fall noch genauerer Klärung.

Veränderungen im Hinblick auf den Publikationsort von Forschungsergebnissen bringen Wissenschaftsblogs meiner Meinung nach nicht. Für die Veröffentlichung von Ergebnissen halte ich sie für ungeeignet. Zwar ist eine wissenschaftliche Arbeit im Blog einer Art „open-peer-Review“ unterzogen die durch wesentlich mehr Gutachter besticht als es bei einer Veröffentlichung in Printmedien der Fall ist, dennoch sind bislang keine ausreichenden Optionen vorhanden, um eine Qualitätssicherung zu gewährleisten. In der Zukunft könnten durch Publikationen in Online-Journalen die Nachteile der schwerfälligen Printmedien umgangen werden. Aus all diesen Überlegungen bezüglich der Aufgabe der Wissenschaftsblogs innerhalb der Wissenschaftskommunikation, kristallisiert sich eine klare Rollenverteilung heraus.

Fazit

Wissenschaftsblogs sind prädestiniert, um den Wissenschaftsdialog sowohl innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, als auch mit einer breiteren Öffentlichkeit zu ermöglichen. Ihr Format vereint nicht nur viele Vorteile gegenüber den traditionellen Kommunikationsinstrumenten der Wissenschaft, sondern es eröffnet Wissenschaftlern darüber hinaus die Chance, sich und ihre Arbeit regelmäßig zu präsentieren und zu vernetzen. Wissenschaftsblogs sollten nicht die Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus übernehmen. Ich möchte mich in der Begründung dieser Aussage dem Sozialwissenschaftler Benedikt Köhler anschließen, der zu diesem Zweck den Medienphilosophen Vilém Flusser heranzieht. Dieser unterscheidet zwischen diskursiven Kommunikationsstrukturen, die auf der möglichst unverfälschten Weitergabe von Informationen beruhen, und der dialogischen Kommunikation, in der die Partner ihre Informationen zusammenbringen, um etwas Neues daraus zu schaffen. Weil demnach in Wissenschaftsblogs die große Chance besteht, Ideen zu entwickeln, die sonst keine Möglichkeit auf Entfaltung hätten, sollten wissenschaftliche Blogger sich auf diese Aufgabe konzentrieren und das berichten und kritisieren dieser Ideen den Journalisten überlassen. Für die Leser sollte immer klar sein, dass es sich bei den Blogeinträgen und Kommentaren nicht um überprüfte Fakten handelt, sondern das es um das Ausprobieren von Ideen geht. Damit wissenschaftliche Ergebnisse schneller in den wissenschaftlichen Diskurs integriert werden, ist es sinnvoll Optionen zur Verfügung zu stellen, die es ermöglichen wissenschaftliche Ergebnisse in Online-Journalen zu veröffentlichen. Wissenschaftsblogs sollten dafür genutzt werden, wofür sie am besten geeignet sind: den Wissenschaftsdialog.

Wie einleitend erwähnt können meiner Meinung nach viele Studenten mit Wissenschaftsblogs noch nichts anfangen, weil momentan noch unterschiedlichste Inhalte unter diesem Titel präsentiert werden und Blogs noch die verschiedensten Funktionen erfüllen. Die vorgeschlagene Dreiteilung der Wissenschaftskommunikation, in Wissenschaftsdialog, Wissenschaftspublikation und Wissenschaftsjournalismus, würde den Umgang mit ihnen erleichtern. Die Wissenschaftsblogs könnten in ihrer Dialogfunktion den Studenten einen Einblick in aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen geben und sie wären in der Lage dort eigene Ideen in Diskussionen einzubringen oder Fragen zu stellen.

  1. 02.03.2009 um 18:12

    Ein sehr guter Artikel, dessen Aussagen ich auch aus eigener Erfahrung (fast) alle unterschreiben kann! Natürlich ist das Wissenschaftsbloggen (sei es als Forscherblog mit Notizen aus dem Leben oder als Themenblog zu Sachbeiträgen) auch mit Ängsten und Risiken behaftet, wie es jedes neue Medium war und sein wird. Aber es wird ältere Formen (wie Kongresse, Bücher, Zeitschriften etc.) nicht abschaffen, sondern zur interessierten Öffentlichkeit (einschließlich Kollegen anderer Fachrichtungen!) hin öffnen und neue Chancen von Austausch und Dialog ermöglichen. Trotz manchen „Lehrgelds“ (vor allem in Stunden, manchmal auch Frust) habe ich insgesamt hervorragende Erfahrungen damit gemacht.

    Und natürlich habe ich „Webreligion“ gerne gleich auf die Blogroll genommen und werde auch gerne immer mal wieder vorbei schauen.

  1. 23.03.2009 um 9:57
  2. 01.04.2009 um 14:14
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