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Online-Journale als religionswissenschaftliche Quelle?

von Till Hagen Peters

Das Internet und die mit ihm neu entstandenen Möglichkeiten der Kommunikation und Selbstdarstellung (Stichwörter „Web 2.0“ und „Social Software“) stellen für die Religionswissenschaft einen schier grenzenlosen Informationsbestand für die Erforschung kontemporärer Glaubensüberzeugungen dar. Folgt man den Ausführungen von Jan Schmidt in seinem Buch „Weblogs. Eine kommunikationssoziologische Studie“ von 2006, dann könnten Online-Journale (Online-Tagebücher) als eine bestimmte Kategorie von Weblogs (Blogs) für die Religionswissenschaft von besonderem Interesse sein.

Denn Online-Journale enthalten persönliche Eindrücke, Gedanken und die Beschreibung von Erlebnissen, denen man laut Jan Schmidt ein überaus hohes Maß an Authentizität zusprechen kann. Online-Journale, die spezifische religiöse Themen enthalten, scheinen demzufolge eine praktische und einfach zu erreichende Quelle sein, um die gelebten und wirklich geglaubten Überzeugungen einzelner Personen und Gruppen zu bestimmen.

Im Folgenden wird die Frage gestellt, ob Online-Journale tatsächlich ein Medium darstellen, mit denen eine Rekonstruktion religiöser Wirklichkeiten auf unkomplizierte Weise gelingen kann. Zur Beantwortung dieser Frage werden die strukturellen Elemente und Besonderheiten von Online-Journalen dargestellt, welche Jan Schmidt durch seine Untersuchungen erarbeitet hat.

Der strukturellen Analyse bei Jan Schmidt geht ein allgemeiner Blick auf die Blogosphäre (Gesamtheit aller Blogs) voran, mit der er die Relevanz einer Untersuchung von Online-Journalen belegt. Es zeigt sich, dass persönliche Online-Journale kein seltenes oder kurioses Phänomen im Internet darstellen. Vielmehr sind im Jahr 2003 nahezu 70% aller Blogs persönliche Online-Journale. Um sich die Dimensionen in absoluten Zahlen zu verdeutlichen, lohnt auch ein Blick auf die aktuellen Statistiken eines des größten Anbieters für Online-Journale „LiveJournal“ . Dieser gibt nicht weniger als 18.4 Millionen erstellte Blogs seit dem Jahre 1999 an und zählt 249.000 Einträge alleine für den 03.02.2009.

Es besteht demnach ein enormes Interesse an dem Erstellen von Online-Journalen. Bleibt die Frage, warum so viele Personen ihre persönlichen Erlebnisse, Gedanken und Eindrücke im Internet offenbaren, obwohl diese offensichtlich mit keinem Anspruch auf öffentliche Relevanz verbunden sind. Die Antwort von Jan Schmidt hängt zuforderst mit den Begriffen „Selbstdarstellung“ und „Identitätsmanagement“ zusammen:

Generell gilt, dass Selbstdarstellung in allen Interaktionssituationen (off- wie auch online) geschieht, indem „impression management“ (Goffmann) betrieben wird. „Impression management“ bedeutet, dass durch gezielte Informationsübermittlung die Identität der eigenen Person beim Interaktionspartner erzeugt wird. Diese identitätsbildenden Informationen können sowohl explizit (z.B. über die Äußerung bestimmter Meinungen) als auch implizit (z.B. über Statussymbole) übermittelt werden. Wichtig hierbei ist, dass die Konstruktion des Selbst nicht völlig frei abläuft, sondern sich an der gegebenen Situation und an den antizipierten Erwartungen des Interaktionspartners orientiert. In einer modernen ausdifferenzierten Gesellschaft führt diese reziproke Identitätsbildung dazu, dass Personen verschiedenste soziale Rollen einnehmen jeweils abhängig von der spezifischen Situation.

Es scheint ein intrinsisches Bestreben im Menschen zu geben, diese ständig wechselnden und zum Teil schwer miteinander zu vereinbarenden sozialen Rollen durch ein kohärentes Selbstbild miteinander zu vereinbaren. Dies geschieht nach Jan Schmidt

„vor allem durch Selbstnarrationen […], also durch Erzählungen, mit deren Hilfe Menschen ihrer Identität einen Rahmen geben und sie in ihre Lebenswelt einbetten.“ (Quelle: Jan Schmidt 2006)

Der Mensch versucht demnach seine unterschiedlichen Erfahrungen in ein möglichst widerspruchsfreies Selbstbild zu integrieren.

Das enorme Interesse an Online-Journalen wird verständlich, wenn diese als hilfreiches und wirksames Mittel zur Konstruktion eines kohärenten Selbstbildes betrachtet werden. Die Autoren eines Blogs haben zum einen die Möglichkeit der Selbstnarration in Form eines fortlaufenden Textes und zum anderen beinhaltet der Blog „kritische“ Rückmeldungen in Form von Leser-Kommentaren, die wiederum eine Überprüfung des konstruierten Selbstbildes ermöglichen. Bestätigt wird diese Funktion der Selbstdarstellung mittels eines Online-Journals mit der Beobachtung, dass fehlende Leserschaft schnell zur Aufgabe eines Blogs führt.

Die Möglichkeiten der Selbstdarstellung innerhalb eines Blogs alleine auf den schriftlichen Teil zu begrenzen, würde jedoch zu kurz greifen. Jan Schmidt nennt weitere Optionen, die Teil der Selbstdarstellung im Rahmen eines Blogs sein können: Titel, Nickname, besondere Sprachstile, Design des Weblogs und auch die Integration von Fotos, Videos, Grafiken und Quizzes (z.B. humorvolle Persönlichkeitstests).

Jan Schmidt sieht neben der primären Funktion der Selbstdarstellung in Online-Journalen weitere drei Funktionen gegeben, die hier nur kurz erwähnt werden sollen:

  1. Online-Journale helfen beim Beziehungsmanagement, das heißt dem Schaffen und dem Aufrechterhalten von Gemeinschaften, die bestimmte Erfahrungen, Werte oder geographische Räume teilen.
  2. Das Führen eines Online-Journals kann dazu dienen, eine Art Sozialkapital zu bilden, welches z.B. in einer möglichen Verfügbarkeit von Unterstützungsleistungen bestehen kann.
  3. Online-Journale ermöglichen den Austausch von Informationen.

Eingangs wurde die These aufgestellt, dass Online-Journale mit religiösen Themen eine besonders geeignete Quelle für die Religionswissenschaft sein könnten, da den Inhalten ein hohes Maß an Authentizität zugesprochen werden kann. Warum aber sollte dem Inhalt von Online-Journalen Glaubwürdigkeit zugesprochen werden? Ist nicht gerade das scheinbar anonyme Internet bestens geeignet, um eine fiktive Identität zu konstruieren? In gleicher Weise, wie es für jede spezifische Situation der Interaktion gesellschaftlich vorgeschriebene Verhaltensregeln gibt, lassen sich auch spezifische Regeln für das Bloggen finden. Diese normativen Regeln können sowohl implizit wie auch explizit formuliert sein. Entscheidend ist, dass sie einen Rahmen bilden, der die möglichen Verhaltensmöglichkeiten bestimmt. Autoren, Kommentatoren und Leser können also nicht völlig frei in der Blogosphäre agieren, sondern handeln nach bestimmten Erwartungen.

Jan Schmidts Analyse der Praktiken des Bloggens führt ihn zu dem Ergebnis, dass eine Forderung seitens der Leser nach möglichst authentischer Wiedergabe von persönlichen Gedanken besteht. Online-Journal-Leser erwarten demzufolge von dem Autor eines Blogs eine hohe Übereinstimmung der Online-Identität mit der realweltlichen Identität (Publikationsregel). Das dies nicht nur eine bloße Forderung ist, sondern auch der Praxis entspricht, wird durch die häufige Preisgabe von persönlichen Informationen (Vorname, Alter, E-Mail, Adresse, Telefonnummer, Beruf und Wohnort) innerhalb eines Online-Journals bestätigt. Auch hat sich gezeigt, dass Blogger mit wütenden Reaktionen zu rechnen haben, wenn sich herausstellt, dass ihre Online-Identitäten fiktiv sind.

Es kann also angenommen werden, dass wenn Blogger in ihrem Online-Journal über religiöse Themen sprechen, diese mit hoher Wahrscheinlichkeit authentisch sind und nicht frei erfunden. Aber bedeutet dies zugleich, dass Online-Journale auf unkomplizierte Weise eine Rekonstruktion von religiösen Wirklichkeiten ermöglichen?

Ich denke dem ist nicht so.

Selbst unter der Voraussetzung, dass die im Online-Journal geäußerten religiösen Überzeugungen dem Authentizitätsanspruch der Leser genügen, bedarf es einer interpretativen Leistung des Religionswissenschaftlers. Denn wie auch jeder klassische Text besteht ein Blogeintrag zunächst nur aus „Zeichen“, die nicht per se die in ihnen enthaltenen Informationen offenbaren. Es muss also auch bei der Analyse eines Blogs die Frage nach der richtigen Methode der Interpretation beantwortet werden, um die primäre Forderung eines jeden wissenschaftlichen Vorgehens nach intersubjektiver Gültigkeit zu erfüllen. Ein Wissenschaftler muss immer wieder überprüfen, inwieweit seine Rekonstruktion eine subjektive Wirklichkeit darstellt, die seinen persönlichen Interessen und Ansichten geschuldet ist, oder ob ihm durch methodisches Vorgehen die Approximation an eine intersubjektiv gültige „Wahrheit“ gelungen ist.

Neben der Erkenntnis, dass die Authentizität eines Textes keinesfalls eine leichte Interpretation desselben bedeutet, gibt es weitere spezifische Probleme bei der Analyse von Online-Journalen. Wie Jan Schmidt aufgezeigt hat, findet die Selbstdarstellung in einem Blog nicht nur über Text statt, sondern auch über das Design und die Integration von Fotos, Videos, Grafiken und Quizzes. Wie sind diese jedoch nachvollziehbar zu interpretieren? In meinem religionswissenschaftlichen Studium habe ich das Handwerkzeug hierzu jedenfalls nicht erlernt.

Mein Fazit ist daher:
Alles beim Alten und noch ein bisschen schlimmer! Für die Religionsforschung im Internet sind nicht nur klassische Methoden der Textinterpretation notwendig, es ist auch unerlässlich weitere Methoden zu erlernen. Ein Religionswissenschaftler, der sich mit der Präsenz von Religion im Internet beschäftigt, steht vor der schwierigen Aufgabe, sich verschiedenste Methoden aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen anzueignen. Nur dann kann er Online-Journale als religionswissenschaftliche Quelle nutzbar machen.

  1. jstrube
    26.02.2009 um 11:57

    Ich stimme dem kritischen Ansatz im Umgang mit Online-Journalen, und im weiteren Sinne auch mit Blogs im Allgemeinen, absolut zu. Soweit ich weiß, ist noch kein umfassender methodischer Katalog explizit für diese Herangehensweise geschaffen worden und muss deshalb selbst erarbeitet werden, was eine ganze Reihe Probleme mit sich bringt.
    Einen weiteren Punkt würde ich aber noch anmerken: Vielleicht ist es gar nicht von unbedingter Relevanz, dass die Authentizität eines Online-Journals in Bezug zur „Realität“ gegeben ist. Auch eine Konstruktion der Identität des Autores, die eventuell nicht der „Realität“ entspricht, ist durchaus wertvoll für eine Auswertung, vielleicht gerade WEIL gezielt ein bestimmtes („religiöses“?) Bild vermittelt werden soll. Und letztendlich könnte man auch fragen, was die „reale“ Identität einer Person überhaupt ist, und ob die „konstruierte“ Identität innerhalb eines Online-Journals nicht auch quasi „real“ ist. Das Annehmen verschiedener Identitäten ist schließlich im Beitrag als Normallfall erkannt worden.

  1. 23.03.2009 um 9:57
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