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Bloggen als kommunikativer Vorgang?

von Hannah Grünenthal

Schließt man sich der Definition an, Kommunikation sei der …

„wechselseitige Austausch von Gedanken in Sprache, Mimik, Gestik, Schrift oder Bild zu verstehen. Kommunikation ist ein Prozess der Übermittlung und Vermittlung von Informationen durch Ausdruck und Wahrnehmung (Transaktion) von Zeichen aller Art“
(Quelle, wie verfügbar am 04.02.2009)

… dann schon. Anders als bei face-to-face-Situationen fehlen allerdings bei computerbasierter Kommunikation einige Kontextinformationen, wie Mimik, Gestik, Stimmhöhe, der gemeinsame Raum und so weiter. Allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten, solche Informationen auch anders zu übermitteln (über Emoticons etc.). Wichtig ist, dass bei onlinebasierten Interaktionen genau wie bei face-to-face-Interaktionen bestimmte Regeln und Normen gelten (und zwar sowohl implizite als auch explizite), die den Teilnehmern generieren, welches Verhalten erwünscht ist und welches sie erwarten können. Dennoch stellt Kommunikation via Internet eine völlig neue Kommunikationssituation dar, an die die bereits vorhandenen Kommunikationsmodelle angepasst und auf ihre Tauglichkeit hin überprüft werden müssen.

Im Folgenden stelle ich Jan Schmidts Analysemodell für Praktiken des Bloggens vor. Es ist entnommen aus seinem Buch „Weblogs. Eine Kommunikationssoziologische Studie“ von 2006. Grob zusammengefasst gibt es drei Felder ( Regeln , Relationen und Software ), die sich gegenseitig beeinflussen. Sie bilden den Rahmen für die Nutzung des Blogs, die Nutzungsepisode. Je nachdem, wie die drei Felder beschaffen sind, bilden sie verschiedene Computerrahmen, innerhalb deren das Internet genutzt wird.

Sehen wir uns das Modell genauer an:

Die Regeln , die eine Kommunikationssituation bestimmen, können unterschiedlicher Natur sein: Normative Regeln sind festgelegte Regeln oder Regelmäßigkeiten, die bestimmen, wie man etwas zu tun hat. Kognitive Regeln beschreiben ein „kulturelles Wissen“, das bestimmte Handlungsoptionen nahelegt und andere unmöglich erscheinen lässt. Normalerweise sind kognitive Regeln nicht ausformuliert, oft nicht einmal bewusst, während Normative Regeln sowohl ausformuliert sein können, zum Beispiel in Form von AGB’s oder eines Verhaltenskodex, als auch implizit vorausgesetzt werden können. In jedem Fall stiftet ein Überschreiten dieser Regeln, sei es nun bewusst oder unbewusst, Verwirrung und Befremdung.

Eine andere Möglichkeit, Regeln zu differenzieren, ist die anhand von Nutzerrollen: dann wird zwischen Autoren-, Kommentatoren- und Leserrolle unterschieden. Je nach Rolle gelten unterschiedliche Regeln. Diese Unterscheidung ist allerdings nicht sonderlich trennscharf, denn wer ist schon ausschließlich Autor seines eigenen Blogs, nicht aber Leser und Kommentator anderer Blogs?

Vor jeder Nutzung eines Mediums, sei es nun Internet, Radio oder Telefon, fragt sich der Sender zunächst: Was will ich erreichen? Was nützt mir am meisten? Die Antworten werden bestimmt durch Adäquanzregeln. Von Seiten der Blogger gibt es fünf Hauptmotive, die sie dazu veranlassen, einen eigenen Blog zu führen: Um das eigene Leben zu dokumentieren, um die eigene Meinung auszudrücken, um persönliche Erlebnisse und Gefühle zu verarbeiten, um beim Schreiben neue Ideen und Gedanken zu entwickeln und auch zur Förderung des kommunikativen Austauschs der Nutzer.

Während die Adäquanzregeln also beeinflussen OB der Blog als Kommunikationsmedium genutzt wird, entscheiden die die Prozeduralen Regeln darüber, WIE der Blog genutzt wird. Sie regeln explizit oder implizit das Verhalten in der Blogosphäre, bei Nichtbeachtung drohen Sanktionen – von Beschimpfung über Ermahnung bis hin zu rechtlichen Schritten.

Um einen Blog daraufhin zu untersuchen, welchen prozeduralen Regeln er unterliegt, muss in drei Richtungen gefragt werden:

  1. Welche Themen werden behandelt? Wie werden Bilder und Videos integriert? Ist der persönliche Standpunkt des Bloggers klar? (Publikationsregeln)
  2. Welche Quellen werden gelesen und rezipiert? Wie werden die Medieninhalte ausgewählt? (Rezeptionsregeln)
  3. Wie wird verlinkt? Gibt es einen Blogroll? Verweist man in anderen Blogs auf den eigenen? (Vernetzungsregeln)

Nachdem nun das erste Feld, nämlich die Regeln, die der Nutzung des Blogs als Kommunikationsmedium zugrunde liegen, untersucht ist, kann man sich dem zweiten Feld zuwenden: Der Software .
Der Software-Code ist die technische Basis für jedes Bloggen, für jede Nutzung des Webs überhaupt. Die Software öffnet und schließt Handlungsoptionen – nur was verfügbar, anwendbar, programmierbar ist, kann genutzt werden.

Grundsätzlich ist Software zwar offen für Umdeutungen – Umdeutungen in zweierlei Sinne: entweder indem sie zweckentfremdet genutzt wird (z.B. der Sudden Motion Sensor), oder indem der Quelltext offen liegt und eigene Programmierungen vorgenommen werden können (wie bei Mozilla und Linux). In beiden Fällen ist allerdings ist die Möglichkeit der Umdeutung begrenzt – durch den eigenen Wissenshorizont.

Die Programmierer der Software sind Experten, während sich das Feld der Nutzer vom absoluten Laien, der gerade den Einschaltknopf am PC findet, bis hin zum Informatikstudenten oder Programmierer erstreckt. Software zu entwickeln, die all diesen verschiedenen Wissensniveaus und Kompetenzen gerecht wird, ist eine Herausforderung und viel Arbeit. Gerade dieser Prozess der Vermittlung zwischen User und Programmierer ist einer, der extrem viel Kommunikation erfordert. Und wo könnte man besser weltweit und gesellschaftsübergreifend kommunizieren als im Internet?

Und genau an dieser Stelle gehen wir über zum dritten Feld, den Relationen . Hier untersuchen wir unter anderem die Vernetzung von Artikeln, Blogs, Autoren und Nutzern – also die hypertextuellen Netzwerke und die Entstehung von Teilöffentlichkeiten. Außerdem auch soziale Netzwerke, die sich als Ergebnis von Blogs formatieren und helfen, Sozialkapital anzusammeln. Unter Sozialkapital versteht Schmidt die

„Möglichkeit des Akteurs (…), aufgrund seiner Position in einem sozialen Beziehungsgeflecht bestimmte Ressourcen zu mobilisieren“
(Quelle: Schmidt 2006)

Als Letztes ist zu untersuchen, inwieweit der Blog von der Kanalisation von Aufmerksamkeit profitiert: das sog. „Power Law“: Wer oft verlinkt ist, wird öfter gefunden und noch mehr verlinkt.

Inwieweit beeinflussen sich aber nun die drei „Rahmenfelder“ gegenseitig? Die Regeln beeinflussen die Software, indem diese als Code einen regelhaften Charakter hat. Und sie werden von der Software beeinflusst, weil die Software den Umgang mit den Regeln und ihre Umsetzung vorgibt. Relationen werden durch die Regeln ermöglicht oder verhindert, und stützen oder ändern sie im Gegenzug. Die Software (insbesondere die Open Source Software) kann nur unter Nutzung der Relationen weiterentwickelt werden, unterstützt ihrerseits aber auch selbst die Formatierung solcher Relationen.

Nachdem wir nun den Rahmen aufgezeigt haben, kommen wir zum eigentlich Interessanten: Der Nutzungsepisode. Die Nutzungsepisode ist die Kommunikationssituation, die durch die drei Felder und ihre Beziehungen zueinander gerahmt wird, sie ist die Handlung, die aus den Umständen erfolgt. Nun ist erklärbar, warum und wie Weblogs genutzt werden. So dienen sie einerseits der Befriedigung des Kommunikationsbedürfnisses, andererseits sind sie Teil von Routinen des Identitätsmanagements (Wie stelle ich mich in der Öffentlichkeit dar?), des Informationsmanagements (Wie bringe ich mein spezifisches Wissen an den Mann?) und des Beziehungsmanagements (Wie lassen sich einmal geknüpfte Kontakte möglichst effizient erhalten?).

Kommunikationstheoretische Modelle in allen Ehren, aber was nützt uns das für religionswissenschaftliche Forschung im Web 2.0?

Nichts, könnte man denken. Doch das wäre ein Fehlschluss. Ohne den Rahmen einer Situation zu kennen, lässt sie sich kaum einschätzen. Ohne zu untersuchen, welche Regeln, Relationen und welche Software den Blog rahmt, lässt sich nicht einschätzen, auf welche Art und Weise er zu lesen ist, was kommuniziert wird, wie kommuniziert wird und warum kommuniziert wird. Ohne eine realistische und richtige Einschätzung dessen aber lässt sich die wissenschaftliche Relevanz nicht ermessen.

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  1. ankesagt
    04.02.2009 um 20:51

    Der Artikel liefert eine nachvollziehbare Beschreibung eines Analysemodells für das Bloggen. Deine interessante Frage, was uns das Modell für die religionswissenschaftliche Forschung im Web 2.0 nützt, bleibt jedoch leider unbeantwortet. Wie Du im letzten Absatz schreibst, ist die genaue Einschätzung der untersuchten Kommunikationssituation für wissenschaftliche Fragestellungen generell relevant. Worin besteht aber der speziell religionswissenschaftliche Nutzen?

  2. franzi222
    09.02.2009 um 15:58

    Dein Text gefällt mir sehr gut, er ist fortlaufend und sehr gut nachvollziehbar. Allerdings ist auch hier ein „Rastermodell“ zu erkennen, womit ich mich wieder einmal nicht so recht anfreunden kann ;). Ich schreibe selber seit Jahren ein Log (auch wenn es nur als eine Art „Tagebuch“ dient). Trotz dessen habe ich mir beispielsweise nie Gedanken darüber gemacht, wie ich auf andere wirken könnte. Des weiteren sollte, bevor es zu einer religinswissenschaftlichen Fragestellung innerhalb des Bloggens kommt, aufgezeigt werden, was allgemein wissenschaftlich in Frage kommen könnte.

  3. tillpeters
    09.02.2009 um 18:43

    In Deiner Erläuterung der Adäquanzregeln entsteht der Eindruck, dass Benutzer bestimmter Medien (Internet, Radio, Telefon etc.) sich bewusst die von Dir genannten Fragen stellen „Was will ich erreichen? Was nützt mir am meisten?, um sich dann für ein Medium zu entscheiden.
    Ich glaube hingegen, dass mit dem Begriff Adäquanzregeln zuforderst implizite Verhaltensnormen gemeint sind, die sich aus dem Wechselspiel zwischen Sender und Empfänger einer Kommunikationssituation entwickeln. Es ist zum Beispiel nicht explizit formuliert, dass Beileidsbekundungen durch eine Karte übermittelt werden müssen, dennoch würden die Wenigsten anstatt einer Karte eine E-Mail schicken. Ich benutze demzufolge ein Medium nicht einfach wie es mir gefällt, sondern orientiere mich stets bewusst oder auch unbewusst an den Erwartungen meines Gegenübers. Durch Jan Schmidts Analyse der Adäquanzregeln soll deutlich werden, zu welchen Zwecken ein Blog benutzt werden kann. Die Entscheidung darüber liegt aber gerade nicht alleine beim Blogautor.

  4. Jan
    10.02.2009 um 15:08

    Ui, spannend zu sehen, wie Ihr Euch mit meinem Analysemodell auseinandersetzt. Zu dem Begriff der „Adäquanzregeln“ (den ich wiederum von Joachim Höflich übernommen habe) nur die Anmerkung, dass damit in der Tat auch die eher impliziten Vorgaben erfasst werden sollen, die bestimmte Praktiken prägen. ‚Regeln‘ will ich also nicht im Sinn von ‚feste Vorgaben, an die ich mich halten muss und die ich immer reflektiere‘ verstehen, sondern als geteilte Erwartungen an ein bestimmtes Blogging-Verhalten. Ganz wichtig: Wie explizit oder implizit, wie idiosynkratisch oder kollektiv geteilt, wie stark sanktioniert dann bestimmte Regeln tatsächlich sind, ist eine empirische Frage, d.h. man kann anhand dieser Merkmale möglicherweise bestimmte Praktiken des Bloggens (bzw. Facetten davon) unterscheiden.

  5. hgluna
    20.02.2009 um 13:22

    Danke für die Anregungen gerade bei den Adäquanzregeln. Ich werde das in den nächsten Beitrag aufnehmen.
    Regeln habe ich nicht als Regeln im Sinne von Gesetzen oder Richtlinien verstanden, sondern eher als das, was man „in der Regel“ tut.
    Zu den Adäquanzregeln: Meiner Meinung nach stellt sich der Blogautor schon die Frage, was er von dem Blog erwartet oder mit ihm erreichen will, und die Entscheidung, einen Blog zu führen liegt bei ihm. Es ist zeitaufwändig, einen Blog zu führen, und wenn man bereit ist, diese Zeit zu investieren, dann hat man ein Ziel. Selbstverständlich nimmt das soziale Umfeld, die Empfänger, Einfluss auf die Entscheidung, welches Medium in bestimmten Situationen genutzt wird, aber die Entscheidung für ein Medium liegt beim Sender.

  6. 02.03.2009 um 18:22

    @ ankesagt fragte:

    „Wie Du im letzten Absatz schreibst, ist die genaue Einschätzung der untersuchten Kommunikationssituation für wissenschaftliche Fragestellungen generell relevant. Worin besteht aber der speziell religionswissenschaftliche Nutzen?“

    Vielleicht darf ich aus (sowohl positiver wie auch frustiger) Erfahrung dazu etwas schreiben. M.E. bieten Blogs gerade für die Religionswissenschaft enormes Potential, und zwar aus drei Gründen:

    1. Das Feld der Religionen ist riesengroß und die meisten von uns spezialisieren sich in wenigen Gebieten. Blogs sind eine riesige Chance, sich gegenseitig kostenfrei und leicht findbar auf dem Laufenden zu halten und Gesprächs- wie auch Kooperationspartner innerhalb des eigenen Faches zu finden.

    2. Was nach innen gilt, gilt noch mehr nach außen! Soziologen, Politologen, natürlich Theologen, Philosophen, in meinem Forschungsbereich auch Neuro- und Biologen usw. interessieren sich für religionswissenschaftliche Befunde – wenn sie sie finden. Und umgekehrt würden sie ihre Befunde (z.B. zur Entstehung von Gemeinschaftsregeln oder der Neurobiologie religiös gedeuteter Erfahrungen) oft gerne mit unserem Wissen abgleichen. Ich kriege gar nicht mehr zusammen, wie viele interdisziplinäre und auch internationale Kontakte, Fragen und oft auch Gespräche und Kooperationen sich so schon ergeben haben. Dazu gehörte z.B. ein Kognitionspsychologe aus Kanada, der zufällig an ähnlichen Problemen forschte – wir hätten ohne Web aber womöglich nie voneinander erfahren, so konnten wir uns dann auch im RL treffen.

    3. Findbarkeit. Schüler googeln, Journalisten tun es und Wissenschaftler auch. Und religionsbezogene Fragen sind nicht selten! Was glauben Juden? Wird Deutschland islamisch? Wird der Mensch religiös geboren? Indem gerade Religionswissenschaftler online sind, können sie einen Gutteil dieser Fragen sachgerechter aufgreifen, als es ohne sie der Fall wäre – und dabei u.a. lernen, was die Menschen (die mit ihren Steuern unsere Institute finanzieren) bewegt. Über das Bloggen kommt gerade Religionswissenschaft in den Dialog und macht im Übrigen auch ihre eigene Identität gegenüber z.B. der Theologie deutlich.

    Während ich z.B. von Astronomen schon gehört habe, dass ihnen eigentlich nur Bloggen in Englisch etwas bringt, habe ich den Eindruck, dass gerade die Religionswissenschaft in Deutschland sehr von einer aktiven Blogosphäre profitieren könnte!

    (Danke also auch für diesen Blog! :-) )

  7. 21.05.2009 um 12:17

    Ein schön aufgearbeiteter Artikel. Ich beschäftige mich mit sehr ähnlichen Fragen in meiner Dissertation. Dabei betrachte ich die Kommunikation allerdings vor dem Hintergrund der extern gerichteten Unternehmenskommunikation. Die Schwierigkeit liegt m.E. darin, dass man analytisch die verschiedenen und relevanten Kontexte identifizieren muss, um daraufhin einen Analyserahmen zu erstellen, welcher a) umfassend und differenziert genug ist, um alle Einflussfaktoren und deren Interdependenzen zu berücksichtigen und b) den Rahmen so zu strukturieren und abzugrenzen, dass die ohnehin schon große Komplexität nicht zum Fallstrick wird. Handelt es sich bei dem oben beschriebenen Projekt um eine wissenschaftliche Arbeit? Also danke für den Artikel.

  1. 27.02.2009 um 10:28
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