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Stellt das Internet eine neue Form der Religionsausübung dar?

03.02.2009

von Franziska Schau

Innerhalb meines Essays werde ich mich mit der Thematik beziehungsweise Analyse von Video Sharing Websites auseinander setzen. Hierbei beziehe ich mich vor allem auf den Text von Florence Pasche „Some methodological reflections about the study of religions on Video Sharing Websites“.

Florence Pasche Portrait

Florence Pasche stellt folgende Definition von Video Sharing Websites auf: „Video Sharing Websites allow users to watch and share video clips“ . Die Videos können Filmsequenzen oder eine einfache Montage von Bildern und Fotos mit oder ohne Musik darstellen. Jeder kann völlig kostenfrei vsw nutzen, unter der Voraussetzung, dass ein Internetanschluss zur Verfügung steht. Doch was hat das alles mit Religion zu tun?

Nun, auch religiöse Gruppierungen stellen sich im Internet dar. So finden sich im WWW spezifische Webseiten, wie zum Beispiel krishnatube.com oder kathtube.com. Ist dies nun eine Form der religiösen Selbstdarstellung oder wird der Nutzer gar zur Nachahmung animiert? Nutzt der User diese Plattformen, um sich Wissen anzueignen oder gar zur Belustigung? Dies könnte eventuell in naher Zukunft einen Forschungsschwerpunkt unter anderem in der Religionswissenschaft oder in der Medienwissenschaft darstellen.

In der verwendeten Literatur stellt Florence Pasche keine Definition von Religion auf, da es ihr zu komplex sei. Doch meiner Meinung nach wäre das der erste Ansatz gewesen! Wie soll man über Religion auf video sharing websites forschen, wenn man keine Definition von Religion aufstellt? Dies ist eine der Grundvoraussetzungen.

Es ist aufzuzeigen, dass sich wie auch innerhalb der Religion oder dem Internet allgemein methodische Schwierigkeiten in Bezug auf video sharing websites ergeben. Laut Florence Pasche ist die Sprache eine dieser Schwierigkeiten, obwohl sie im gleichen Atemzug erwähnt, dass „The main language of the websites is English“ . Da die video sharing websites mehr als global sind, werden auch andere Sprachen bzw. Dialekte verwendet. Selbst innerhalb der englischen Sprache wird es Schwierigkeiten aufgrund von Dialekten geben. Diese vom User verfassten Kommentare verlangen mehr Aufmerksamkeit und Mühe, als beispielsweise grammatikalisch korrekte Kommentare.

Verwirrende Videowelt

Wenn Florence Pasche von der Schwierigkeit berichtet, dass nicht alle Kommentare und Videos betrachtet werden können, so muss ich ihr Recht geben. Wer sich selbst auf video sharing websites bewegt, merkt schnell, dass man unzählige Videos betrachten und kommentieren kann. Eine wissenschaftliche Auswertung ist nur in einer geringeren und spezifischeren Auswahl möglich. Denn nicht jeder, der von Religionsausübung bzw. Tradition etc. spricht, ist ein Experte bzw. ein Vertreter der jeweiligen Glaubenslehre. Dadurch kann nun der Nutzer in Verwirrung geraten: Sucht er nach einem Begriff, kann er leicht auf etwas anderes stoßen. Denn auf video sharing websites bewegen sich allerhand Laien, welche zwar meinen, sich innerhalb ihrer Konfession auszukennen, doch leider ist dies selten der Fall. Hierdurch besteht die Möglichkeit, dass dritte dieses Bild bzw. Meinung der Laien auffassen und diese als religiös korrekt aufnehmen. Ist dies nicht sehr verwirrend? Wenn ich mich als Christ über Hare Krishna informieren möchte, schaue ich dann auf krishnatube.com, um leicht und bequem an (unseriöse) Informationen zu gelangen oder schlage ich nicht lieber in Fachliteratur nach? Klar, bunte bewegte Bilder und nebenher ein paar Fakten ist sehr bequem. Wird dem Nutzer aber nicht dadurch eine Religionsausübung schmackhaft gemacht? Oder kann es ihn sogar vom eigenen Glauben wegziehen?

Auch setzt sich Florence Pasche mit Typologien der Präsentation von Religion aus video sharing websites auseinander und unterteilt strikt in zehn Kategorien. Meiner Meinung nach ist dies Schubladendenken! Wann fängt eine Nachrichtenreportage an, wann hört eine Dokumentation auf? Jedoch wählt Florence Pasche die Kategorie der drei P’s sehr gut aus: Propaganda, Proselytismus und Polemik. Hierbei zeigt Florence Pasche auf, dass „These Categories are not fixed and boudaries are permable“ . Propaganda bringe ich persönlich immer noch mit dem Dritten Reich in Verbindung. Doch schaut man sich video sharing websites einmal an, wird deutlich, was hier gemeint ist. Die eigene Religionsausübung wird angepriesen, wobei man schon wieder fast von Proselytismus reden kann! Die Übergänge sind meiner Meinung nach sehr fließend. Auch in Sachen Polemik wird man schnell fündig, schaut man sich Kommentare auf den video sharing websites einmal genauer an. Laien berichten, Laien korrigieren. Nur der Administrator hat das Recht, Kommentare zu löschen, was meines Erachtens des öfteren geschehen sollte. Den Usern wird dadurch falsches bzw. fehlerhaftes Wissen vermitteln, was diese nicht unbedingt als solches erkennen. Aber man kann dies auch etwas positiver darstellen bzw. interpretieren:

Religiöse Gruppen können nun global interagieren. Ein Austausch über verschiedene Rituale bzw. Brauchtum wird somit möglich. Christen in Afrika können sich mit Gleichgesinnten aus Amerika kurzschließen (beispielsweise). Doch wird durch die virtuelle Ausübung des Glaubens nicht das soziale Netzwerk außerhalb des Cyberspace vernachlässigt? Das Internet ist eine bequeme Möglichkeit, um vielerlei Dinge zu tun. Doch wie sieht es beispielsweise der Papst? Ist er davon begeistert, dass Menschen in den virtuellen Gottesdienst gehen statt Sonntags morgens in die Kirche? Das soziale Gefüge von Menschen (Gruppen) wird dadurch meiner Meinung nach zurückgestellt, dass man so vieles auch im Internet tun kann. Die Interaktion per Chat ist eben doch nicht so greifbar, wie ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Auch fehlt hierbei Mimik und Gestik, was auch Emoticons nicht ersetzen können.

Es ist durchaus möglich, dass video sharing websites die Wahrnehmung der Nutzer auf ihre eigene Kultur beeinflussen. Wie bereits erwähnt, sind viele Nutzer Laien, die nur ein geringfügiges Halbwissen besitzen. Des weiteren stellen video sharing websites nur das Positive an der eigenen Religion dar, sodass Kritikpunkte bzw. kritische Kommentare meist vom Administrator gelöscht werden.

Fazit

Als Fazit wäre zu behaupten, dass video sharing websites definitiv eine neue Form der Kommunikation und Interaktion zwischen religiösen Internetnutzer und nichtgläubigem Internetnutzer darstellt. Auch spiegeln sie unsere globale Welt wider. Ich stehe diesem Thema, wie sicher bereits bemerkt wurde, durchaus skeptisch und negativ eingestellt gegenüber. Die Art, wie Florence Pasche video sharing websites analysiert ist ein durchaus formaler Weg, dennoch ist er für mich zu konservativ. Wie auch das Internet neue Möglichkeiten bietet, so sollten auch in der Internetforschung neue Wege eingeschlagen werden und das Konservative etwas in den Hintergrund geschoben werden. Beispielsweise könnte man selbst Videos einstellen und die Kommentare der User verfolgen oder sich selbst als Administrator bewerben. Video sharing websites stellen eine neue Form der Religionsausübung dar. Auch teilweise unbekannte Rituale kann man sich ansehen, als Atheist und als gläubiger Mensch. Dennoch steht dies wieder im Widerspruch: kann man alles glauben, was auf solchen Seiten als Kommentar gepostet wird? Auch bei den Film- bzw. Bildsequenzen wird aufgrund der Computertechnik Manipulation möglich. Ob dies nun falsch oder richtig ist, sei dahin gestellt. Abschließend ist zu sagen, dass video sharing websites im religiösen Kontext einen neuen Schwerpunkt innerhalb der Forschung darstellen wird.

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  1. a266
    03.02.2009 um 19:33

    Deine Sichtweise zum Thema ist extrem spannend, da mir deine Kritikpunkte sehr unüblich scheinen. Hätte die Qualität Pasches Berichts tatsächlich gesteigert, wenn sie den Religionsberiff definiert hätte??? Ich hatte bisher ein super Studium ohne eine Definition. Die einzelnen websites ordnen sich doch klar einer Religion zu, was vermuten lässt, dass die User entsprechende Aussagen treffen, womit es mir nicht unbedingt notwendig erscheint „Religion“ zu definieren um diese Sites untersuchen zu können.

    Ich glaube außerdem, dass die Wissensvermittlung nicht Ziel dieser Sites ist, bzw. sie von Usern als Fachliteratur-Ersatz gesehen werden. Wer hat schon Fachwissen zu seiner Religion außer den Experten, der Laiengläubige pflegt im wesentlichen das was ihm sein Kulturelles Umfeld als richtig vermittelt, entsprechend werden Eltern, Lehrer, u.Ä. zu Propagandisten, und wirken somit auf den Einzelnen ähnlich wie diese Sites, denn auch diese Propagieren, was sie, bzw. der einzelne für richtig hält.

    Die Aussage eine solche Cyberwelt würde real-soziale Kontakte negativ beeinträchtigen, finde ich zu pauschlisiert dargestellt.
    Zum einen merkst du ja selbst an, dass ein Austausch unter Gleichgesinnten möglich wird, der „real“ nie möglich wäre. Ich sehe das einfach so, das das eine das andere nicht ersetzen kann uznd ich glaube auch nicht, dass es je dazu kommen wird.

    Abschließend würde ich noch anmerken, dass dies alles neue Möglichkeiten für Religionsausübung eröffnet und es dabei egal ist was er Papst davon hält.

  2. Wumpe
    14.03.2009 um 17:20

    Erst einmal finde ich, dass der Essay wirklich schön ist, denn er erlaubt es tatsächlich zu diskutieren.

    Im Gegensatz zu a266 stimme ich dir zu, Frau Pasche sollte ihren Religionsbegriff definieren. Auch wenn man sein ganzes Studium auch ohne eine solche Definition bestreiten kann, ist es doch etwas anderes ohne Definition Religion zu untersuchen. Ich spreche mich nicht für eine abschließende Definition aus, aber eine Arbeitsdefinition, mit der man seinen Forschungsgegenstand eingrenzt sollte man haben. Wahrscheinlich wären ihre Ergebnisse die gleichen, aber so bleibt doch die Frage, warum hat sie überhaupt untersucht, was sie untersuchte?

    In einem Punkt, der in dem Essay immer wieder vorkam würde ich dir jedoch widersprechen. Du benutzt sehr oft (wenn man die sinngemäße Verwendung mitzählt^^) die Kategorien „richtig“ und „falsch“. Auf mich macht das den Eindruck, du würdest zwischen Laien- und Expertenreligion unterscheiden. Aber warum sollte man das tun? Ich würde in diesem Punkt gerne von dir eine Religionsdefinition hören. Religionen verändern sich ständig, was daran liegt, dass es eigentlich ja gar keine Religion wirklich gibt. Es gibt Menschen, die Gedanken austauschen und sich über einen Identitätsmarker miteinander verbunden fühlen. Deshalb ist die Meinung von „Laien“ nicht weniger wert oder richtig als die von „Experten“.

    Das soll nicht heißen, dass ich meine Informationen über eine Religion von YouTube erhalten würde (noch von einer anderen Video-Sharing-Plattform). Was aber ist mit Wikipedia? Dort schreiben auch „Laien“, sind deshalb die Informationen „falsch“? Und was ist mit dem Video-Channel von Scientology bei YouTube? Diese Möglichkeiten ersetzen meiner Meinung nach kein Buch, aber sie sind deshalb nicht unbedingt „falsch“.

    So, das war jetzt recht umfangreich, aber ich bin gespannt, ob trotz des vergleichsweise alten Essay/Kommentar noch Antworten kommen…

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