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Pod- und Videocasting

03.02.2009

von Benjamin Pogadl

Man nehme einen Mensch mit übertriebenem Selbstdarstellungsdrang, ein Headset oder Mikrophon an einem Rechner mit Internetzugang und zumindest zweitklassiger Audioschnittsoftware, kombiniere das Ganze mit dem Label eines nicht näher genannten imperialistischen Großunternehmens und lasse es für ein paar Monate ziehen.

Heraus kommt Podcasting – ein Distributionskanal, der all den ungehörten und vermeintlich ungewürdigten Stimmen dieser Welt einen Platz für Darbietung und Entfaltung gegeben hat. Aber bevor ich mich hier im chronischen Polemisierungszwang der Religionswissenschaft verliere, versuche ich zunächst einmal zu beschreiben, was mit Podcasting im Eigentlichen gemeint ist – ganz neutral und unvoreingenommen, versteht sich.

Für die Definition habe ich mich dabei vor allem an der Wikipedia und dem Wiktionary orientiert und habe es als die Produktion auditiver bzw. audiovisueller, episodischer Inhalte und deren Verbreitung über das Internet erklärt. Das bedeutet im Prinzip nichts weiter, als dass sich ein Mensch in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hinsetzt und Sendungen aufzeichnet um diese dann, meistens über eine Zentrale Plattform, sei es podster.de , oder podcastalley.com zu veröffentlichen. Sendungen meint dabei in den meisten Fällen eine Art aufgezeichnete und vorher einstudierte Radiosendung, in denen der Produzent Dinge seines eigenen Interessenfeldes vorstellt, oder zu diesen Stellung bezieht. Das potentielle Publikum kann diese dann auf der Plattform anhören, oder von dieser auf den Rechner, oder MP3-Spieler herunterladen und – sollte der Inhalt gefallen – dort dann auch über so genannte .rss-Feeds abonnieren, die ihn dann zukünftig über neue Inhalte informieren werden. Im Schema sieht das folgendermaßen aus:

Schematische Darstellung eines Audio-Podcasts, der die Episoden im MP3-Format bereitstellt

Eine kleine Geschichte des Podcastings

Die Ursprünge des Podcastings gehen – zumindest für Internetverhältnisse – relativ weit zurück, bis ins Jahr 2000, als Tristan Louis, seines Zeichens Publizist in den USA, das Konzept, damals noch unter dem Namen Audioblogging, erstmals vorschlug. Erste Anhänger allerdings fanden sich erst schleppend und die breite Internetöffentlichkeit hielt sich überhaupt gegenüber der neuen Distributionsmöglichkeit eher bedeckt. Erst als dann im Jahr 2003 von Ben Hammersley der Name Podcasting eingeführt wurde und man das Phänomen mit Apple in Verbindung bringen konnte wurde es hip genug eine breitere Öffentlichkeit anzusprechen. Mit der Implementierung von .rss-Feeds in das von Apple vertriebene Programm iTunes wurde dann 2005 auch die letzte Weiche gelegt um Podcasting den Weg hin zu einem größeren Publikum – sowohl auf der Produzenten-, als auch der Empfängerseite – zu öffnen.

Und das mit nicht unansehnlichem Erfolg. Mittlerweile listet die amerikanische Plattform podcastalley.com nach eigenen Angaben rund 55.000 Casts mit über drei Millionen Episoden. Die ebenfalls amerikanische Seite podcast.com listet sogar ganze 85.000 Casts, ohne dabei jedoch die genaue Zahl an Episoden anzugeben. Solche Zahlen lassen schon vermuten, dass es sich bei Podcasting nicht um ein Randphänomen handelt, das man am Ende vernachlässigen könnte. Dass sich darunter einige tausend Podcasts finden, die sich nach der Selbstzuschreibung speziell mit Religiosität bzw. Spiritualität auseinandersetzten, legt nahe, dass das Format auch für religionswissenschaftliche Arbeit nicht gänzlich uninteressant ist.

Darf ich vorstellen: Der Stereotyp Podcaster

Bevor man sich jetzt aber fröhlich ans Werk macht jegliches Podcasting von Grund auf zu dekonstruieren, sollte man sich erst einmal ein grobes Bild von den Menschen machen, die sich mit selbigem auseinandersetzen. Zentral ist dabei vor allem was Menschen zum Podcasting treibt und welche Ziele der Podcaster damit verfolgt.

Zur Beantwortung dieser Fragen habe ich einen Aufsatz von Dennis Mocigemba herangezogen, der sich mit Podcasting im Allgemeinen, speziell aber vor allem mit Sendermotivationen auseinandersetzt. Er listet dabei sechs Prototypen auf, zu denen sich die Caster mal mehr und mal weniger zugehörig fühlen.

Demnach seid ihr, wenn ihr euch vor allem von technischem Interesses geleitet werdet, dem Typus Explorer zugehörig. Hierbei beschäftigt ihr euch vor allem mit Podcasting um euren Wissensdurst über das Phänomen zu befriedigen und es besonders durch Ausprobieren versucht zu verstehen. Seid ihr vermeintlicher Experte auf einem Gebiet und seht in Podcasting eine Möglichkeit euer Wissen einer breiteren Öffentlichkeit weiterzugeben würde Mocigemba euch als Themen Caster bezeichnen. Ein Rebell seid ihr dann, wenn ihr über den Cast eure politische Meinung und / oder euren Protest ausdrücken wollt (und in aller Regel linkspolitisch ausgerichtet seid). Solltet ihr eher daran interessiert sein über Casting ein dichtes Netz an Beziehungen zu knüpfen läge für euch der Typus Social Capitalist nahe. Ein Social Gambler dagegen begreift das Ganze als Spiel und provoziert, manipuliert und animiert sein Publikum gezielt, um sich dann an dessen Reaktion zu erfreuen.

Einen besonderen Fokus legt Mocigemba auf den letzten aufgeführten Typus: Den Personality Prototyper. Dieser beschreibt eine Gruppe von Produzenten, die Podcasting als eine Art Bühne begreifen, auf der sie sich in neuen Rollen und Persönlichkeitskonstruktionen versuchen können. Dreh und Angelpunkt sind hier also so genannte Identitätsexperimente, in denen der Produzent die für ihn günstige Kommunikationssituation nutzt, um herauszufinden welche Persönlichkeiten, d.h. welche Identitätskonstruktionen beim Publikum ankommen und wie authentisch er diese verkörpern kann.

Um das besser und vor allem mit schöner Metaphorik erklären zu können wird im Aufsatz die Goffman’sche Bühnenmetapher angeführt. Nach dieser sei jede soziale Interaktion zunächst dadurch geprägt, dass zwei oder mehr Teilnehmer Informationen übereinander austauschen, um die gemeinsame Situation zu definieren. Das bedeutet im Prinzip nichts weiter, als dass jeder Teilnehmer einer Kommunikationssituation, seien es ein paar alte Damen beim Kaffeekranz, ein Nachrichtensprecher in den Acht-Uhr Nachrichten, oder eben ein Podcaster in einem seiner Casts, erst einmal versucht darzustellen, was er von dieser Unterhaltung, bzw. dieser Situation eigentlich möchte. Eine Dame beim Kaffeekranz möchte sich vielleicht über das gegenwärtige Geschehen im Dorf austauschen und daneben den sozialen Status innerhalb der Versammlung festigen oder gar verbessern. Der Nachrichtensprecher würde versuchen möglichst objektiv über die Nachrichten des Tages zu berichten und dabei gleichzeitig möglichst seriös und glaubwürdig herüberzukommen. Der Podcaster schließlich verbindet eine ganze Reihe von Intentionen (s.o.) mit seiner Tätigkeit, wobei Identitätsexperimente vielleicht einen größeren Teil ausmachen.

Zur gleichen Zeit versucht jeder Teilnehmer aber auch die Absichten seiner Gegenüber herauszufinden und achtet dabei sowohl auf absichtliche (cues given), als auch auf unabsichtliche Zeichen (cues given off), in denen Informationen über sich preisgegeben werden. Absichtliche Zeichen sind dabei bewusste, meist verbale Äußerungen, die sich oft aber auch Mimik und Körperhaltung ausdrücken können. Unabsichtliche Zeichen sind dem Teilnehmer dagegen nicht bewusst, können sehr wohl aber von anderen Teilnehmern wahrgenommen werden. Körperhaltung und Mimik, können darunter genauso gefasst werden, wie Redegeschwindigkeit und -lautstärke.

Überträgt man diese Metapher nun auf das Phänomen Podcasting merkt man relativ schnell, warum es für Identitätsexperimente derart attraktiv erscheint. Podcasting bietet gegenüber anderen Formen von Social Media (wie z.B. Blogs) eine ungleich höhere Bandbreite an cues given, vor allem aber auch an cues given off. Betrachtet man dazu noch die asynchrone, das heißt zeitversetzte Kommunikationssituation, die es erlaubt Performances und natürlich auch Identitäten vorher einzustudieren, liegen die Vorteile klar auf der Hand. Der große Reiz besteht für den Personality Prototyper darin sich vor einem echten Publikum auszuprobieren, was bedeutet, dass er seine Rolle möglichst perfekt verkörpern muss, da er sonst entweder abgelehnt, oder der Schauspielerei überführt würde.

Dass diese Attraktivität am Ende auch genutzt wird verifiziert Mocigemba anhand von Daten des International Podcastsurvey (IPCS07) , einer so genannten quantitativen Umfrage unter Podcastern, die, wie das Kürzel schon andeutet, im Jahr 2007 durchgeführt wurde. In dieser stimmten ca. 40% aller Teilnehmer den Charakteristika des Personality Prototyperszu und über 23,9% gaben an ihre Sendung als Rollenspiel zu begreifen. Über diese Studie äußert sich Mocigemba auch in einem kurzen Interview auf dem MedienWiki .

Von Pod- und Videocasting

Es gibt eine ganze Reihe von Artikeln, Essays und Arbeiten, die Pod- und Videocasting ein einen Topf werfen, da es sich in beiden Fällen um eine ähnliche Kommunikationssituation handele. Der einzige Unterschied, so wird oft argumentiert, ist, dass bei einem eben auch visuell Informationen überträgen wird und beim anderen nicht. Ich würde trotzdem dafür plädieren beide Begriffe voneinander zu trennen, nicht nur, weil es sich bei Videocasting um die dezidierte Nutzung einer neuen Technologie handelt (Podcasting ist im Prinzip nur die neue Nutzung bereits vorhandener Technologien), sondern auch weil der zusätzliche visuelle Kanal ungleich viele Gestaltungsmöglichkeiten bietet und die Hemmschwelle für Produzenten derart erhöht, dass von einer sehr unterschiedlichen Produzentenlandschaft auf beiden Seiten auszugehen ist.

Auch wenn ich nicht von vollkommen neuen Typen bzw. Sendermotivationen ausgehe halte ich es doch für äußerst unwahrscheinlich, dass sich Mocigembas Typus Explorer derart häufig – wenn überhaupt – unter Videocastern findet. Der Typus Personality Prototyper dagegen findet hier eine nahezu ideale Bühne, da hier die Bandbreite an cues im Vergleich zu Podcasts noch mal um ein Vielfaches erhöht ist. Problematisch ist hier natürlich die vollkommene Unanonymität, die viele potentielle Personality Prototyper vermutlich abschreckt.

Tatsächlich ist aber der Kanal noch derartig neu, dass jegliche Spekulation darüber unangemessen erscheint. Bisher besteht die Landschaft an Videocastern, die sich darüber hinaus nur sehr schwer von Videobloggern oder Videologgern abgrenzen lassen, vor allen Dingen aus Pionieren, die versuchen herauszufinden was funktioniert und welche Möglichkeiten der Kanal tatsächlich bietet. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Phänomen letztlich entwickelt. Die Hoffnung ist für einen angehenden Religionswissenschaftler natürlich immer, dass der Kanal auch mehr und mehr von religiösen Akteuren genutzt wird und so als tatsächliche Quelle für religionswissenschaftliche Arbeit herangezogen werden kann.

Literatur:

Mocigemba, Dennis (2008): „Personality Prototyping. Identitätsexperimente auf der Bühne Podcast“, in: Ansgar Zerfaß, Martin Welker, Jan Schmidt (Hg.), Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web, Köln, S.149-167.

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