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Videoplattformen als Gegenstand religionswissenschaftlicher Forschung

von Julian Strube

Mit wachsender Interaktivität und der steigenden Anzahl benutzergesteuerter Inhalte wird das „Web 2.0“ zunehmend zu einem Medium, in dem gesellschaftliche Interessen und Konflikte dargestellt werden und das somit als Gegenstand kulturwissenschaftlicher Untersuchungen wertvoll ist. Der Begriff und die Rolle des so genannten „Web 2.0“ mögen strittig sein, jedoch herrscht allgemeiner Konsens darüber, dass der massiv angestiegene Austausch von Daten unter verschiedenen Benutzern ein wesentliches Merkmal der Entwicklung des World Wide Web ist.

Winfried Marotzki Portrait

Eine der größten Erfolgsgeschichten des „Web 2.0“ ist die Videoplattform YouTube, der es seit ihrer Gründung im Jahr 2005 gelungen ist, ein fester Bestandteil des Alltags der meisten WWW-Benutzer zu werden (vgl. Marotzki 2008, Profil Uni Marburg). Die Möglichkeiten, die Videoplattformen wie YouTube den Anwendern bieten, sind charakteristisch für das Phänomen „Web 2.0“ und eröffnen nicht nur ein neues Forschungsfeld der Religionswissenschaft, sondern werfen eine ganze Reihe von Problemen auf, die mit seiner Erschließung verbunden sind. Trotz der verschiedenartigen Probleme bei der Arbeit mit Videoplattformen ist ihre Rolle als Medium unbestreitbar gewichtig, was im Folgenden dargestellt werden soll. Anhand der größten Videoplattform YouTube werden einige methodologische Probleme und Möglichkeiten erörtert werden.

Die erste Hürde, die bei der Arbeit mit Videoplattformen genommen werden muss, ist die Eingrenzung des eigenen Arbeitsfeldes. Gerade bei Videoplattformen wie YouTube, deren Inhalte nicht auf bestimmte Themengebiete beschränkt sind, muss die eigene Filtermethode so präzise wie möglich sein, ohne das Risiko einzugehen, eventuell wichtige Inhalte auszulassen oder gar nicht aufzufinden. Von vornherein ist es dabei schwierig, zwischen „religiösen“ und „nicht-religiösen“ Inhalten zu unterscheiden. Je nach behandeltem Themengebiet ist es oft am sinnvollsten, sich nach dem Selbstverständnis derjenigen zu richten, die die jeweiligen Inhalte hochgeladen haben. Ist der Forschungsgegenstand zum Beispiel „Wicca“, könnten auch Videos in die Untersuchung mit einbezogen werden, die etwa der Werbung für einen Versandhandel mit „Hexenzubehör“ dienen, auch wenn ihre rein „religiöse“ Bedeutung durchaus in Frage gestellt werden könnte. Relevant für die Untersuchung wäre beispielsweise der Fall, dass einer der Benutzer sein Werbe-Video als Antwort auf ein anderes Video hochgeladen hätte und man somit dessen Intention im Rahmen eines „religiösen Austauschs“ berücksichtigen würde.

Zuvor gilt es jedoch, an entsprechende Videos überhaupt heranzukommen und die für eine nähere Untersuchung eventuell in Frage kommenden herauszufiltern. Bliebe man beim Beispiel „Wicca“, so käme man auf YouTube nach der Eingabe dieses Suchbegriffs auf etwas über 6.700 Treffer (Stand: 4. Januar 2009). Es bestünde nun die Möglichkeit, die Treffer nach ihrer Relevanz, ihrer Anzahl der Aufrufe, ihrer Bewertung oder dem Datum des Hochladens zu sortieren. Jede der aufgelisteten Optionen bringt Vor- und Nachteile mit sich, die es bei der Auswahl im Folgenden zu berücksichtigen gilt. Das Kriterium des Datums kommt nur in Frage, wenn man seine Suche auf einen bestimmten Zeitraum beschränken will, was zum Beispiel dann Sinn macht, wenn man sich Bezugnahmen auf bestimmte historische Ereignisse erhofft („Hamas“ nach und vor der Militäroffensive Israels im Gazastreifen im Januar 2009). Lässt man sich die Videos nach Bewertungen anzeigen, setzt man sich dem wohl größten Maße an Subjektivität aus, was in manchen Fällen aber erwünscht sein kann. Würde man beurteilen wollen, wie gut oder schlecht ein Video bei den bisherigen Benutzern „angekommen“ ist, stellt die Bewertung einen ersten Anhaltspunkt dar, der allerdings mit größter Vorsicht zu genießen ist. Dennoch ist die Bewertung oftmals ein Indikator dafür, wie kontrovers ein Thema diskutiert wird.

Am problematischsten gestalten sich diejenigen Kriterien, die bei der Suche nach Videos wohl am häufigsten angewendet werden: Die Relevanz und die Anzahl der Aufrufe. Sie hängen eng mit einer der grundlegendsten Problematiken bei der Arbeit im WWW zusammen, nämlich mit der Subjektivität der Anwender und ihrer wahren oder vorgetäuschten Identität. Die Sortierung nach Relevanz der Videos richtet sich vor allem nach der Übereinstimmung des Suchbegriffes mit den Keywords des Videos sowie dessen Verlinkung mit anderen Videos. Ein relevantes Suchergebnis für „Wicca“ wäre die Videoaufzeichnung eines Rituals, das mit einer ganzen Reihe assoziativer Tags versehen ist (zum Beispiel „wicca, wiccan, witch, pagan, ritual, coven, astral, goddess…“).

Die „Tags“, die für das jeweilige Video vom Hochladenden erstellt werden, richten sich gänzlich nach dessen persönlichem Ermessen. Dies kann dazu führen, dass die Inhalte des Videos in einen anderen Kontext gestellt werden, als es der Religionswissenschaftler oder andere Benutzer tun würden. Außerdem können Tags eine bestimmte Intention verfolgen, wie etwa die Bewertung des Inhalts („weird religion“) oder die Steigerung der Videoaufrufe durch Tags, die nicht unmittelbar oder überhaupt nicht Bezug auf der Video nehmen (Weinberger 2005, vgl. Pasche 2008).

Dieses grundlegende Problem überträgt sich auch auf die automatische Verlinkung ähnlicher Videos, die die YouTube-Datenbank selbständig vornimmt und über die man im Schneeballsystem zu weiteren Videos gelangen kann. Neben dieser automatischen Verlinkung haben auch Benutzer die Möglichkeit, Videos untereinander zu verlinken, Videoantworten zu erstellen und ihre eigenen Videolisten und -kanäle zu veröffentlichten. Inwiefern auf diesem Wege inhaltliche Verknüpfungen entstehen, ist häufig ebenso interessant wie aufschlussreich, und gerade der Unterschied zwischen automatischen und benutzererstellten Verlinkungen ist oft bemerkenswert. Die oft genutzte Möglichkeit direkter Videoantworten führt nicht selten zu wertvollen Dokumenten innerhalb eines religiösen Diskurses, wie die bizarre Videoantwort eines amerikanischen „Wanderpredigers“ auf das obige Ritual zeigt.

Direkte Videoantworten sind neben Kommentaren die wichtigsten Anhaltspunkte für die Bewertung von Reaktionen auf bestimmte Videos sowie für die Analyse der sich daraus ergebenden Diskurse. In vielen Fällen sind es nicht die Videos an sich, sondern die Reaktionen und die sich daraus ergebenden Diskussionen, die am wertvollsten für eine religionswissenschaftliche Untersuchung sind. Bei der Arbeit mit Text- und Video-Kommentaren ergeben sich jedoch mehrere gravierende Probleme, die berücksichtigt werden müssen. Vor allem handelt es sich dabei um die verwendete Sprache, die Identität der Benutzer und die Partizipation des Religionswissenschaftlers. Die Sprache kann auf verschiedene Art und Weise ein Hindernis für die wissenschaftliche Beurteilung eines Kommentars sein. Auch wenn Englisch die mit Abstand am häufigsten verwendete Sprache ist, stößt man insbesondere bei speziellen Themengebieten immer wieder auf Sprachen, die nicht zum eigenen Sprachschatz gehören. Doch auch die eigene Sprache kann in einer Weise verwendet werden, dass sie kryptisch und unverständlich erscheint. Gerade wenn es um Gruppen geht, die sich nach außen abschotten, kommt häufig ein spezieller und nicht für jeden erkennbarer Wortschatz zur Anwendung (Pasche 2008). Auch die generell häufig im WWW verwendeten Abkürzungen und Zahlensymboliken können für den Untersuchenden irritierend und fehlleitend seien. Zudem bewegt sich die Sprache oftmals auf einem äußerst niedrigen Niveau, was viele der veröffentlichten Kommentare nutzlos erscheinen lässt, da nicht in jedem Fall reine Beleidigungen, Smilie-Symbole oder Ähnliches aufschlussreich sind – Smilies und Abkürzungen wie „lol“ können aber auch durchaus Aussagen transportieren, die die Meinung des Autors in Bezug auf das Video bis zu einem gewissen Grade verdeutlichen.

In erster Linie ist es die Identität der Benutzer, die normalerweise für den Untersuchenden höchstens teilweise nachvollziehbar ist. Die von den meisten Leuten genutzte Möglichkeit, sich unter Pseudonymen einzutragen und somit die eigene Identität zu verschleiern, macht einen Umgang mit den Kommentaren problematisch. Die gewählten Benutzernamen können jedoch auch schon an sich etwas aussagen, wie zum Beispiel der Name desjenigen, der das Anti-Wicca-Video als „preachhellsfire“ hochgeladen hat. Ein Weg, um weiteres über die wahrscheinliche Identität eines Benutzers herauszufinden, ist das Aufrufen seines Profils und Videokanals. Das Profil preachhellsfire gibt zahlreiche Informationen Preis und lässt die nicht abwegige Möglichkeit, es handele sich bei der Videoantwort um einen Scherz, höchst unwahrscheinlich werden.

Neben zahlreichen ähnlichen Videos liefern die aufgeführten Metadaten wie der Link zur Website jesusdisciple.net weitere Informationen über den Benutzer und offenbaren seine weiteren Aktivitäten, die in eine ähnliche Richtung ziehen. Welche Benutzer den Kanal abonniert haben und umgekehrt, lässt sich ebenfalls nachvollziehen. Die Aktivität des Benutzers „preachhellsfire“ scheint somit zumindest nicht als Witz gemeint zu sein, was die tatsächliche Identität eines „Predigers“ zu bestätigen scheint.

Als Religionswissenschaftler sieht man sich allerdings nicht nur mit der zweifelhaften Identität anderer Benutzer konfrontiert. Schließlich können nicht nur andere Menschen unter falschen Namen verschiedene Dinge veröffentlichen und somit den Betrachter manipulieren oder fehlleiten, sondern auch der Untersuchende könnte sich irgendwann am Diskurs beteiligen wollen oder dies aufgrund seiner Forschungen für nötig erachten. Der von Florence Pasche vorgeschlagene Wechsel von einer beobachtenden zu einer partizipierenden Position des Untersuchungen erscheint aus verschiedenen Gründen problematisch, da der Untersuchende, sobald er selbst direkter Teilnehmer des Diskurses ist, diesen zwangsläufig manipulieren und mitbestimmen wird. Insofern sollte das Schreiben eigener Kommentare sowie das gezielte Stellen von Fragen nach Möglichkeit vermieden werden und nur in berechtigten Ausnahmefällen erfolgen (Ess et. al. 2002).

Ein weiteres zentrales Problem ist die sich stets wandelnde und wachsende Datenmasse, die eine Eingrenzung des eigenen Forschungsmaterials zwingend notwendig macht. Alleine auf YouTube werden täglich 65.000 Videos hochgeladen und 100 Millionen Videos angesehen (Stand: Oktober 2006). Die Inhalte von YouTube unterliegen gewissen Richtlinien, weswegen von Benutzern beanstandete und von Mitarbeitern überprüfte gelöscht werden. Dies führt zu einer gewissen Zensur der Inhalte nicht nur bei YouTube, sondern bei allen Videoplattformen gemäß ihrer jeweiligen Nutzungsbestimmungen. Da YouTube die größte aller Videoplattformen ist, bietet sie automatisch eine beachtliche Menge an Material, das für die religionswissenschaftliche Forschung relevant ist. Der Schwerpunkt der Videos liegt jedoch ganz klar auf anderen Themengebieten, sofern sich diese Unterscheidung in vielen Fällen überhaupt ohne Vorbehalten machen lässt. Es steht aber außer Frage, dass Inhalte, die man als „religiös“ bezeichnen kann, keine tragende Rolle auf YouTube spielen. Eine Vorstellung davon gibt die Suche nach dem Stichwort religion, was eine Trefferanzahl von ungefähr 180.000 zur Folge hat. Im Vergleich dazu führt politics zu 341.000 Treffern, während sex zu 810.000 und music zu mehreren Millionen Treffern führen (Stand: 4. Januar 2009). Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Videoplattformen, die sich ausschließlich mit „religiösen“ Inhalten beschäftigen und dabei jeweils ein bestimmtes Programm verfolgen.

Beispiele dafür wären GodTube.com, KrishnaTube.com, YouTubeIslam, FaithTube.com und IslamicTube.com, deren Orientierungen bereits anhand ihrer Namen deutlich werden.

Für jene dezidiert „religiösen“ Websites gelten prinzipiell die gleichen Probleme wie für andere Videoplattformen auch, jedoch ist vor allem die Filterung des Inhaltes ein besonders wichtiger Punkt, den es zu berücksichtigen gilt.

Auch wenn Videoplattformen als Gegenstand religionswissenschaftlicher Forschung mit der nötigen Vorsicht behandelt werden sollten, steht ihre Rolle für das WWW und das so genannte „Web 2.0“ außer Frage. Die Inhalte, die auf Videoplattformen veröffentlicht werden, können gesellschaftliche Diskurse verschärft und prägnant verdeutlichen, müssen aber in jedem Fall im Rahmen eines größeren Kontext gesehen werden. Zudem können „religiöse“ Inhalte unter dem Vorbehalt eines kritischen Umganges als wertvoller Bestandteil von Feldforschungen gesehen werden, insbesondere wenn es um die Selbstdarstellung „religiöser“ Gruppen oder Praktiken geht. Die Erarbeitung und Anwendung methodologischer Handwerkszeuge für den Umgang mit Videoplattformen ist für die Erschließung dieses interessanten und reichen Forschungsfeldes dabei zwingend notwendig.

Verwendete Quellen

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  1. anke
    19.02.2009 um 12:25

    Nach Florence Pasche bräuchte der Forscher seine Identität sowohl in der beobachtenden als auch in der partizipierenden Position nicht preiszugeben. Sie empfiehlt sogar die erforschten Personen bewusst zu täuschen („create my own pseudonym“), um die Ausübung religiöser Aktivitäten nicht zu beeinflussen.
    Ich frage mich wo bei diesem Vorgehen die Forschungsethik bleibt? Zu deren Prinzipien gehört es u. a. die Einwilligung in die Teilnahme an der Forschung von den untersuchten Personen einzuholen (http://www.airweb.org/?page=140).
    Bei der von dir angesprochenen Erarbeitung von Handwerkszeug für den Umgang mit Videoplattformen als Forschungsfeld sollten forschungsethische Fragestellungen auf jeden Fall berücksichtigt werden.

  2. jstrube
    23.02.2009 um 20:04

    Mit dem Vorgehen Pasches sind gleich eine ganze Reihe Problematiken verbunden, das ist vollkommen richtig. Ich sehe neben den ethischen Problemen – rein pragmatisch – auch die Authentizität der Forschungsergebnisse gefährdet.

    Die Gefahr besteht vor allem deshalb, weil durch die Partizipation des Untersuchenden zwangsweise eine Manipulation des Untersuchungsgegenstandes erfolgen wird. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn sich der Forscher als einer derjenigen ausgibt, die untersucht werden sollen – eine möglichst objektive Position wird auf diese Weise absolut unrealistisch.

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