Startseite > trailerpark > Bildportale im Internet

Bildportale im Internet

29.01.2009

Ein Forschungsbericht und dessen Praxis am Beispiel der flickr-Gruppe Our Religion ~Islam~

von Anna Blatt

Bildportale im Internet, offensichtlich als eine Form von Social Media betrachtbar, können Gegenstand religionswissenschaftlicher Forschung bzw. religionswissenschaftliche Quelle sein. Dies scheint zunächst plausibel, doch schließt sich unweigerlich die Frage nach dem Umgang mit solch einem Gegenstand bzw. solch einer Quelle an. Für einen Kunsthistoriker ist das Sammeln, Analysieren, Interpretieren von Bildmaterial täglich Brot, aber für einen Religionswissenschaftler?

David McDonald Portrait

Im Folgenden wird eine Methode vorgestellt, die, in Anlehnung an Kommunikationswissenschaftliche Methoden, Möglichkeiten zum wissenschaftlichen Umgang mit Bildmaterial aufzeigt. Grundlage bildet hierbei der Forschungsbericht „Visual Conversation Styles in Web Communities“ (pdf) von David W. McDonald. In einem weiteren Schritt wird eine Benutzergruppe des Portals flickr.com nach dieser Methode behandelt werden, um aufzuzeigen, wie die abstrakte Theorie in die Praxis umsetzbar ist. Notwendig hierfür wird außerdem die Entwicklung einer Religionswissenschaftlichen Fragestellung sein um dieses spezifische Beispiel sinnvoll und ergebnisorientiert zu betrachten.

McDonald dokumentiert in seinem Forschungsbericht visuelle Kommunikation im Internet, wobei Bilder als Hauptträger der Konversation gelten. Er differenziert hier zunächst fünf verschiedene Typen der Kommunikation: Photosharing beinhalte alltägliche Schnappschüsse, wohingegen Photoblogging traditionellere Photographie verfolge. Moblogging sei der jüngere Trend Handyphotos in das Internet zu stellen und somit eine Dokumentation des eigenen Alltags zu produzieren. Als letzten Typ nennt er Photo-Game, wobei eine Website oder ein Benutzer ein Photo stellt und die Benutzer dies verändern. McDonald verwendet für seine Forschungen keine weitläufig bekannten, kommerziellen Portale, sondern kleinere mit privater Atmosphäre, wo sich die Benutzer untereinander gut kennen.

Bevor er mit dem Bericht über die eigentliche Forschung und ihre Methode beginnt, berichtet er, mit einem, zwischen den Zeilen lesbaren, tiefen Seufzer, von den Vorzügen der Textkommunikation für die Forschung im Gegensatz zum Bild als Kommunikationsmedium. Texte seien zum einen leicht zu finden, zu erarbeiten, aber auch zu manipulieren. Zum zweiten sei hier die Anonymität der Autoren leicht zu wahren und drittens erfolge die Analyse nach altbekannter, bewährter Methode.

McDonald beginnt seine Forschungen mit dem Archivieren von Material, welches er mit dem Einverständnis der jeweiligen Benutzer sammelt. Über einen Zeitraum von drei Monaten stehen neun bis 25 Websites unter ständiger Beobachtung, wobei zweimal täglich sämtliche Updates archiviert werden, da man interessante Ergebnisse nur durch die Betrachtung von Entwicklungen und Verläufen erlange.

Zu Findung und Umgang mit Quellmaterial nennt er im Folgenden drei Schritte: Zum Ersten sei ein für den Forschenden interessantes Phänomen zu wählen, im nächsten Schritt eine passende Dokumentarische Quelle zu finden und im letzen Schritt die Quelle mit Hilfe einer Analyse zu prüfen. Für eine brauchbare Analyse formuliert McDonald drei wesentliche Fragen: Was ist auf dem Bild zu sehen? Was zeigt das Bild? Was sind sie Verbindungen innerhalb einer Gruppe von Bildern?

Sechs Typen visueller Kommunikation

Nach der Analyse seines eigenen Quellmaterials kategorisiert er seine Ergebnisse und erhält somit sechs Typen visueller Kommunikation:

  1. Beim Positional Play würden Bilder nebeneinander gestellt und bilden auf diese Weise die Unterhaltung. Somit ist das Bild als entscheidender Träger unverzichtbar für die Intension der Unterhaltung. (McDonald, S.5,6 Figure 3, Figure 4).
  2. Image Quote meine den Fall bei welchem ein Benutzer X einem Benutzer Y ein Bild zuschickt, dieses Bild durch Benutzer Y verändert und an Benutzer X zurückgeschickt wird. (McDonald, S.7, Figure 5, Figure 6).
  3. Für den Fall, dass ein Bild keine Ausreichende Aussagekraft besäße würde es mit einem erklärenden Text versehen, was McDonald Text-in-Picture nennt. (S.8, Figure 7a-c).
  4. Animation sei ein Kniff, bei welchem eine Animation in ein Bild eingefügt wird um gleichzeitig mehrere Benutzer anzusprechen oder einfach um besondere technische Kompetenz zu demonstrieren. (McDonald, S.8, Figure 7d).
  5. Eine fiktive Bildergeschichte würde bei der Collaborative Story entwickelt, deren Handlung nur angedeutet ist und vom Betrachter suggeriert werden muss.
  6. Theme sei der Fall bei welchem der Administrator gezielt oder ein Benutzer spontan ein Thema vorgibt und andere Benutzer darauf mit eigenen Beiträgen reagieren.

Nachdem er zu diesem Ergebnis gekommen ist schließt er seinen Bericht mit einem Fazit, in welchem er reflektiert, dass seine Typisierung unbefriedigend sei, da die Grenzen fließend und die einzelnen Typen kombinierbar seien. Er betont jedoch, dass die Verwendung von Bildern als Kommunikationsmedium im Internet zunehmend wichtiger werde. Er fügt jedoch an, dass seine Beobachtungen lediglich ein Abbild des Jetzt in einer sich stetig verändernden Sphäre seien und wie in diesem Jetzt Menschen Möglichkeiten nutzen, welche ihnen das Internet bietet und sei es nur zur Konstruktion von Gemeinschaften bzw. eines Gemeinschaftsgefühls.

Mein Fazit zur Nützlichkeit dieses Forschungsberichts ist ähnlich einfach wie das McDonalds. Zwar sind die Typen die er entwickelt hilfreich um zu erfassen was in dieser Szene alles möglich ist, jedoch bleibt offen, zu welchem Ergebnis ihn dieses Ergebnis geführt hat. Auch die Wichtigkeit die er Bildern als Kommunikationsträgern zuschreibt kann ich schwer nachvollziehen. Zum einen ist dieser Trend, der von McDonald 2007 beschrieben wird, vorüber gezogen, ohne dass ich ihn bemerkt hätte und zum anderen kommen die von ihm vorgestellten Konversationen fast nie ohne Text aus. Die Kombination dieser beiden Aspekte lässt mich vermuten, dass Bilder als Kommunikationsmedium zu kompliziert sind, hat man doch die Möglichkeit sich durch Video- oder Podcasts oder ganz einfach in Textform viel einfacher und vor allem unmissverständlicher auszutauschen. Für meine weitere Arbeit hat sich jedoch die Methode, welche er entwickelt, als nützlich erwiesen.

Der Praxistest: Our Religion ~Islam~

Im weiteren Verlauf ist es nun das Ziel diese Methode in der Praxis auszutesten. Hierfür schien die Suche nach Phänomenen unter dem Schlagwort „Islam“ interessant. Als dokumentarische Quelle hierfür fiel die Wahl auf das Bildportal flickr, da dessen Dimensionen für einen Einstieg in die Sphäre überschaubar und einfach zu erschließen sind. Der erste Schritt war nun über die Suchmaske des Portals geeignetes Material zu finden, wobei es sinnvoll erscheint nach Gruppen, bzw. nach einer Gruppe, zu recherchieren, da in einem solchen Rahmen eher Aussagen gemacht werden, die religiöse Ansichten und Meinungen preisgeben, als in den eher oberflächlichen Kommentaren zu einzelnen Bildern. Außerdem findet sich auf diese Weise eine große Fülle an Bildmaterial zu einem Thema gebündelt, wodurch Strömungen, Absichten und Aussagen einer Verbindung von Beteiligten häufig auf den ersten Blick deutlich werden.

Gruppe Our Religion ~Islam~

Die Wahl fiel auf eine Gruppe mit dem Titel Our Religion ~Islam~, welche sich auf der Übersichtsseite mit dem Untertitel „Plz we want this group to be about ISLAM Only Plz nothing else .. Thanx baDer M7mmD“ präsentiert.

Klickt man sich durch die Seiten mit fast 7000 Bildern, (beispielsweise http://www.flickr.com/groups/al-islam/pool/page23/) so bekommt man schnell ein Gefühl für die Intensionen der Bilder. Seitenweise, immer wiederkehrend trifft man auf romantisch ausgeleuchtete Architekturphotographie, immer fröhlich wirkende Menschen in traditioneller, fröhlich bunter Kleidung, Dokumentationen von Menschenmassen, die sich zum gemeinsamen Gebet treffen, Symbole und Gegenstände wie arabische Schriften und Gebetsketten. Somit sind McDonalds Fragen nach Gegenstand und Inhalt der Bilder in groben Zügen geklärt. Besonders auffällig ist die Stimmung, die von fast allen Bildern ausgeht. Licht- und Schattenverhältnisse tauchen die Bilder in vollkommene Harmonie, welche somit Ruhe und Frieden transferieren, ebenso wie die, inneren Frieden ausstrahlenden, Gesichter der meisten Potreitaufnahmen. Warme Farben und ästhetische schwarz-weiß Aufnahmen mit weichen Graustufen dominieren den Gesamteindruck, was den Schluss zulässt, dass hier versucht wird die islamische Kultur und den islamischen Glauben auf eine idealisierte, einseitige Weise darzustellen. Diese Beobachtung klärt nun auch die letzte Frage nach den Verbindungen der Bilder zueinander.

Vorstellbar wären im Wesentlichen zwei Gründe für die Motivation zu einer solchen Sammlung. Zum einen das Ziel die islamische Welt in ein gutes Licht zu rücken, Facetten jenseits von Terrorismus, Fundamentalismus und Frauenfeindlichkeit aufzuzeigen, auf welche die Islamische Welt von der westlichen tendenziell reduziert wird. Zum anderen die Möglichkeit, dass sich hier Menschen, immerhin fast 2500, zusammengefunden haben, für welche eben diese friedliche Seite des Islam und die orientalische Lebensfreude das wirkliche Wesen ihrer Religion und der damit verbundenen Kultur bilden. Dies ist der wesentliche Eindruck den die Bilder dem voyeuristischen Betrachter vermitteln.

Wie stützen aber die Texte im Rahmen dieser Gruppe diesen, durch die Bilder vermittelten Eindruck? Wichtig ist es hierbei zu erwähnen, dass viele dieser Bilder überhaupt nicht kommentiert werden und diejenigen, welche kommentiert sind von jedem, also nicht nur von Gruppenmitgliedern, kommentiert werden können, wobei diese Kommentare meistens von anerkennenden Worten und Fachsimpeleien, bezüglich des photographischen Könnens, leben.

Anders sieht es innerhalb der Diskussionsforen der Gruppe aus. Hier werden, meist wenig ausführlich, ganz unterschiedliche Themen besprochen, die aber meist keinen direkten Bezug zum Bildmaterial aufzeigen. Die Diskussionen bestätigen jedoch die Intension, welche bereits die Bilder ausstrahlt. Immer wieder tauchen verschiedene Ideen zu interreligiösen Dialogen auf, häufig ist von Toleranz die Rede. Sollte es jedoch heftige Reaktionen geben, welche empfindliche Geister als Fanatismus betiteln würden, so schreiten meist andere Mitglieder ein, die den Empörten zur Ruhe rufen, ihn an seine Erziehung und Wortwahl erinnern und erklären, dass erklärende Gespräche angebrachter seien als in die Hölle verwünschende Worte, die ohnehin nur ein schlechtes Licht auf sie, friedliebende Anhänger des friedlichen Islam, würfen.

Abschließend kann ich sagen, dass ich mich nach meiner Recherche der Beobachtung von David W. McDonald, es handle sich um die Konstruktion von Gemeinschaften und Gemeinschaftsgefühl, anschließe. In der untersuchten flickr-Gruppe, scheinen sich die Mitglieder, durch ihre Einzigartigkeit Muslime zu sein, verbunden zu fühlen. Jedoch findet anders wie bei McDonalds Material keine direkte Konversation durch die Bilder statt. Die Sammlung der meist sehr professionellen Photographien scheint hier eher das Ziel zu verfolgen möglichst viele fantastische und schöne Zeugnisse für die „Idealwelt des Islam“ darzubringen.

Kategorien:trailerpark Schlagwörter: , ,
%d Bloggern gefällt das: