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Hellands Online-Religion / Religion Online

28.01.2009

Christopher Helland

Eine kritische Betrachtung.

von Sophie Roll

Die Unterscheidung, die Christopher Helland zwischen online-religion und religion-online vornimmt, ist ein Ansatz, inhaltlich religiöse Webseiten zu kategorisieren.

Dabei bezeichnet er als online-religion die von unkonventionellen religiösen Gemeinschaften genutzte Seiten, die allen Partizipation im Netz im Rahmen der technischen Gegebenheiten ohne hierarchische Strukturen möglich machen. In seiner Überarbeitung von 2005 (Direktlink auf das PDF, erschienen in Online – Heidelberg Journal of Religions on the Internet, Volume 01.1 Special Issue on Theory and Methodology) fasst er sozusagen als kleinsten gemeinsamen Nenner zusammen, Individuen oder Gemeinschaften, die zumindest das Internet als Teil ihrer religiösen Identität verstehen.

Mit religion-online hingegen bezeichnet er die virtuelle Darstellung traditioneller religiöser Institutionen innerhalb althergebrachter Hierarchien (one-to-many-Kommunikation), die vorrangig für bereits integrierte Mitglieder angeboten wird. Bei dieser Kategorie nennt er in seinem Text von 2005 als Grundmerkmal religiöse Menschen oder Gemeinschaften, die das Internet lediglich als Erweiterung der ansonsten gelebten Religiosität sehen.

Ich denke, diese Aufteilung ist nicht haltbar. Zunächst ist die Koppelung an traditionelle Religionen bzw. individuelle Glaubenssysteme unhaltbar.

„Controlled religious sites…and even new religious movements … represent religion-online. Here the religious organisation has adapted the medium to a traditional form of one-to-many communication.“

Quelle: Helland 2000.

„… I choose to recognize as online-religion. Individuals are interacting with the religious beliefs systems presented on the Internet; they are contributing personal beliefa and reciving personal feedback.“

Quelle: Helland 2000

Diese weicht er zwar in seinem Text von 2005 auch etwas auf, sie werden jedoch unter Umständen in diesen Kategorien weiterhin mitgedacht. Beim Betrachten verschiedener Seiten zeigt sich, dass weder traditionelle (zum Beispiel frankfurt-evangelisch.de also kirchliche) Seiten lediglich informativ noch das alternative oder rebellische (z.B. churchofsatan.com also „satanistische“) Seiten speziell interaktiv sind.

Eine Religion die nur im Netz stattfindet gibt es nicht.

Revival.de

Genauso wenig, wie sich sagen lässt, dass (um bei den genannten Beispielen zu bleiben) ein Christ nicht seine religiösen Aktivitäten hauptsächlich im Netz verrichtet oder ein „Satanist“ das Netz nicht nur nutzt, um ergänzende Informationen zu seiner Grottoaktivität zu beziehen. Es gibt auch Seiten wie revival.de, die zu gehören, sich aber als zur katholischen Kirche gehörig ausweisen und gleichzeitig vielfältige online Angebote haben. Wo wäre diese Seite einzuordnen?

Ist es denn hilfreich, zwischen der virtuellen Präsenz einer Religion als Ergänzung oder als aktivem Teil der religiösen Identität zu unterscheiden? Bei der Analyse einer Seite kann festgestellt werden, ob diese Seite rein informativ ist oder interaktive Angebote macht. (Zumindest für den Untersuchungszeitraum kann dies erfasst werden, da die Seiten sich relativ schnell verändern können.)

Das ist sicherlich eine wichtige Feststellung, nur müssen meiner Meinung nach dafür nicht extra elaborierte Begriffe eingeführt werden, welche diese Feststellungen unnötig verkomplizieren. Was das Angebot für die Benutzer der einzelnen Seiten letztendlich bedeutet, sollte an der Seite und der Gemeinschaft im Einzelnen betrachtet werden, unabhängig von diesen Begriffen.

Ich würde sogar behaupten, eine Religion die nur im Netz stattfindet gibt es nicht, denn selbst bei den Technopaganen, die Helland beschreibt hört das religiöse Denken oder Sein sicherlich nicht zwischen Bildschirm und Tastatur auf, sondern trägt sich vielleicht nur in Gedanken, vielleicht auch in Gesprächen in den offline Bereich, ein Stück weit immer in den Alltag. (Ich bin auf Kritik hierzu gespannt)

Problematisch scheint mir überhaupt auch die Anwendung der Begriffe auf die Nutzer der Seiten. Selbst wenn es eine Anzahl Menschen gibt, die im Internet ihren religiösen Platz finden und solche, die dort eine virtuelle Bastion ihres Glaubens sehen, die sie nicht weiter tangiert, so gibt es doch noch die vielen Abstufungen dazwischen. Menschen, die in einem Gemeindeleben verhaftet sind, wie auch immer und im Internet missionieren oder im Internet Rituale mit über die Länder verteilten Gemeinden begehen. Oder solche die im Internet agieren, Ihre Religiosität aber in Ihrer Familie verorten oder solche, die im Netz aktiv sind, aber eigentlich dort auf der Suche nach Gleichgesinnten, die sie treffen können. Eine Einteilung in „entweder/ oder“ wird nie allen Menschen gerecht.

Welchen Stellenwert die religiöse Teilnahme im Netz im einzelnen Fall einnimmt ist eine interessante Fragestellung. Die Antwort darauf lässt sich aber meiner Meinung nach nicht auf online-religion oder religion-online herunterbrechen.

Nicht Websites sind religiös – sondern diejenigen, die sie anbieten, nutzen oder anfeinden.

Wir haben im Seminar darüber gesprochen, dass es durchaus religiöses Handeln sein kann, einen entsprechenden Text (auch online) zu lesen. Es lässt sich jedoch durch Besuchen der Seite nicht feststellen, mit welcher Absicht die gezählten Besucher eine Seite betrachten. Geschweige denn lässt sich sagen, wie die zur Verfügung stehenden Elemente z.B. Texte genutzt werden. Persönliche Informationen, die Aufschluss geben, könnten eventuell durch Interviews erlangt werden. Dazu muss natürlich die Möglichkeit bestehen, mit den Besuchern der Seite persönlich Kontakt aufzunehmen.

Wie uns Studierende gibt es sicherlich eine große Zahl Neugieriger die eigentlich die Ideen auf den Seiten nicht unbedingt teilen oder sie im Gegenteil aus einem „feindlichen“ Lager betrachten. Dieses Problem räumt Helland sogar selbst ein. Er gibt ein Beispiel der church for all Seite, auf welcher man durch anklicken eines Icons der Organisation beitreten kann:

„How ist it possible to determine if the person clicking their mouse on the icon to join the church has read the information and is acting with that intend in mind? Although Young argues ‚it would, we can assume, be pointless to make such a declaration if one did not also hold the substance of that declaration to be true…‘ (Young 2004). I disagree, since I clicked on the link just to see what would happen and I’m sure others have done the same.“

Quelle: Helland 2005

Die Zahl der Besucher kann also keine verlässliche Auskunft geben, wie viele Besucher solche virtuellen Räume als religiöse Räume nutzen und wahrnehmen. Ob jemand eine Seite öffnet, um zu sehen, ob Photos von der letzten Veranstaltung eingestellt wurden, dies als religiösen Akt empfindet oder nicht kann letztlich nur er selbst wahrnehmen. Genauso kann nur er selbst Auskunft darüber geben. Dabei hilft keine Definition der technisch angebotenen Struktur.

Vielleicht, wenn man die Foren-Beiträge ansieht, lassen sich Rückschlüsse ziehen, die sich auf Seiten ohne eine solche Austauschmöglichkeit nicht finden lassen. Das Besucher von Seiten ohne Foren über die Neuigkeiten und Darstellungen weniger engagiert empfinden, nur weil sie sich nicht öffentlich ausdrücken können, darf man aber meines Erachtens nicht sagen. Es sind (so denke ich) schließlich nicht die Websites religiös, sondern die Menschen, die sie anbieten, nutzen oder anfeinden.

Komplizierte Gegenstände nicht pauschalisieren.

Auch stellt sich die Frage, wie frei das Internet tatsächlich ist, welche Kontrolle und Zensuren ein Administrator tatsächlich ausführt. Das mag auf den einzelnen Seiten unterschiedlich gehandhabt werden, in der Regel wird jedoch ein Administrator vorstehen und mehr oder weniger regulativ eingreifen. Jedenfalls kann man nicht vom Internet als eine Art „anarchistischer Zone“( „The Internet is anarchy in action, a libertarian cyberland…“ Hier zitiert Helland 2000 Zaleski von 1997) sprechen in der die Seiten der traditionellen Religionen einen hierarchisch veralteten Platz einnehmen.

Die Analyse von Websites stellt Herausforderungen dar, auch was die Möglichkeit von Einteilungen betrifft. Dabei ist es aber nicht hilfreich an Kategorien festzuhalten, die komplizierte Gegenstände pauschalisieren.

In the case of online religion, people are living their religion on and through the Internet medium. For those individuals who participate in online religious activity, there is no separation between their offline life and experiences and their online life and experiences, and their religious activities and worldview permate both environments. For those people who practice online religion, the Internet is not some place ‚other‘ but recogniced as a part of their everyday life and they are merely extending their religious meaning and activity into this environment.“
Quelle: Helland 2005

Die Einteilung in online-religion / religion-online klingt plausibel und einfach, ist es aber bei genauerer Betrachtung nicht.

Helland vermischt außerdem die Nutzer mit den Seiten, die sie besuchen und deren Eigenschaften. Er schafft Kategorien, die etwas zusammenfassen sollen, was es so tatsächlich nur vereinzelt gibt, besonders wenn mehrere dieser Bedingungen gleichzeitig gelten (traditionell, hierarchisch, rein informativ, Außenraum der gelebten Religion). Viele Seiten und Nutzer passen nicht in ein solches Raster. Ohne persönlichen Kontakt oder die persönliche Darlegung der Nutzer können wir über deren Motive nur spekulieren. Auch über die Seite lassen sich vielfältige Aussagen treffen, auch auf die Frage nach der Zielgruppe. Zum Beispiel über Farbgebung, Design, Symboliken oder auch Inhalte. Dennoch liegt es vorwiegend am Nutzer, wie intensiv der virtuelle Raum religiös gewertet wird. Das zu untersuchen stellt eine weitaus größere Aufgabe dar.

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