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Web 2.0 – Was ist das eigentlich?

22.01.2009

Der Versuch einer analytischen Auseinandersetzung dreier Positionen.

von Anne-Kathrin Gaida

Wie Sonja Bettel 2009 in ihrem Artikel Warum Web 2.0? Oder: Was vom Web 2.0 wirklich bleiben wird (pdf, Artikel aus dem Buch Social Semantic Web) über die Entwicklungsgeschichte und den Facettenreichtum des Begriffs Web 2.0 richtig bemerkt, würde bei einer Straßenbefragung wahrscheinlich niemand so genau sagen können, was sich dahinter eigentlich verbirgt.

Es klingt nach einer Softwareversion, hat aber damit rein gar nichts zu tun. Es klingt auch ein bisschen nach einer „neuen Art“ vom WWW, aber auch diese Annahme ist falsch. Web 2.0 – was ist das nun eigentlich? Dieser Artikel wird die Frage wohl mitnichten erschöpfend beantworten können, es wird jedoch versucht, ein bisschen Klarheit in das Begriffswirrwarr zu bringen.

Tim O’Reilly

Tim O'Reilly Portrait

Tim O’Reilly, Gründer und Geschäftsführer der O’Reilly Media Inc., der zusammen mit seinem Team den Begriff Web 2.0 „erfunden“ hat, veröffentlichte 2005 den Artikel What is Web 2.0. Darin beschreibt er die Entstehung des Begriffs und was sich dahinter alles verbergen soll. Das Web als Plattform, User kontrollieren die eigenen Daten und generieren Inhalte, Schwarmintelligenz, laufende und nicht zyklische Verbesserung von Software, Programmier-Modelle, welche die Kombination von Systemen erlauben, das sind die Eigenschaften dieses „neuen Web“, des Web 2.0.

Problematisch an diesem Text ist weniger die Definition von Web 2.0 und was sich dahinter verbirgt, als die Tatsache, dass O’Reilly den Eindruck erweckt, als seien die Anwendungen, die Web 2.0 ausmachen, neuere Erfindungen und dass sich die „Geburtsstunde“ des Web 2.0 eindeutig an einem Datum festmachen ließe. Tatsächlich sind die technischen Entwicklungen, die für Web 2.0-Anwendungen wie Wikipedia, Flickr, Napster, etc. notwendig sind, teilweise schon mehr als zehn Jahre alt und wenn man genau hinsieht, kann man feststellen, dass auch die Art der Nutzung des WWW, die ja das eigentliche Web 2.0 ausmachen soll, schon bei der ersten Webseite überhaupt, info.cern.ch, die gleiche war.

Diese Webseite war im Prinzip nichts anderes als ein Weblog (vgl. Bettel 2009, S.27). Zwar kann man durchaus sagen, dass die Art der Webnutzung, wie sie hinter dem Begriff Web 2.0 steht, erst seit kürzerer Zeit die breite Masse an Internetusern erreicht hat, es wäre jedoch vermessen zu behaupten, dass diese Form an Internenutzung erst seit ca. 2004 besteht. Die positive Verklärung der angeblichen großen Wende, die laut O’Reilly nach dem Platzen der Dot-Com-Blase 2001 eingesetzt haben soll, ist also mit Vorsicht zu genießen.

Schaut man sich allerdings die Position an, die O’Reilly innerhalb des Diskurses um die Web 2.0-Begrifflichkeit einnimmt, ist seine Einstellung nachvollziehbar. O’Reilly Media Inc. hat es sich zum Ziel gesetzt…

(…) Informationen zu wichtigen und zukunftsweisenden Technologien – durch die Publikation hochwertiger Fachbücher, digitaler Inhalte in Form von eBooks und TecFeeds sowie Webangeboten und Konferenzen (…)

Quelle, wie verfügbar am 06.01.2009)

… zu vermitteln. Verdient man mit der Erfindung und Verbreitung von solchen Begriffen wie Web 2.0 sein Geld, ist man auch dazu geneigt, diese möglichst positiv zu besetzen.

Nicholas Carr

Nicholas Carr Portrait

Nicholas Carr hingegen, Mitherausgeber der Enzyklopädie Britannica, bezieht auf seinem Blog gegenüber dem Web 2.0-Hype eine ziemlich negative Stellung. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, stufen Tim O’Reilly und sein Team die Britannica Online doch in ihrer Gegenüberstellung von Web 1.0 und Web 2.0-Anwendungen als Web 1.0-Anwendung ein und geben somit Wikipedia implizit den Vorzug vor der, von Experten herausgegebenen, Britannica Online.

Mit einer fast schon „religiösen“ Rethorik setzt er den Trend des Web 2.0 mit dem New-Age Trend gleich und unterstellt dem User, das Netz als eine Art religiösen Raum zu sehen. Von dieser Ebene argumentiert er dann mit der „Amoralität“ des WWW, da es sich ja nur um eine Ansammlung von Maschinen handele, die miteinander vernetzt sind. Innerhalb des WWW gibt es für ihn keine Instanz, die moralisch handelt und dem WWW selber sei es egal, ob es unsere „Kultur“ bereichert oder verdummt. An dieser Stelle kann man die Frage nach dem von ihm verwendeten Kulturbegriff stellen und ihm vorwerfen, er separiere den „Raum“ des WWW künstlich vom „Raum“ unserer restlichen „Kultur“.

Am Beispiel von zwei Wikipedia-Einträgen kritisiert er auch das Konzept der Schwarmintelligenz. Viele Köpfe seien nicht unbedingt schlauer als einer. Carr sieht mit dem neuen Hype, flapsig formuliert, seine Felle davonschwimmen. Der Status des Experten scheint in der „neuen Welt“ des Web 2.0 an Bedeutung zu verlieren und da er mit dem „Expertentum“ seinen Lebensunterhalt verdient, könnte man sogar so weit gehen, ihm zu unterstellen, er sehe den Hype um Web 2.0 als unmittelbare Bedrohung seiner Existenz als „Experte“.

Sonja Bettel

Sonja Bettel Portrait

Sonja Bettel betrachtet den Hype um das sogenannte Web 2.0 wesentlich differenzierter. Sie skizziert nicht nur kurz die Entstehung des WWW, sondern stellt auch scharfsinnig fest, dass O’Reilly und sein Team bei der Prägung des Begriffs Web 2.0 vom Internet der sogenannten Dot-Com-Ära ausgegangen sind. Diese Ära stellt aber nur einen kleinen Teil des Internet und seiner Entwicklung dar und wenn man nun ausgehend von so einem kleinen Ausschnitt versucht, eine Definition für die gesamten Nutzungsformen des WWW seitdem zu bekommen, ist es fast klar, dass diese nicht wasserdicht sein kann (vgl. Bettel 2009, S. 30).

Sie durchleuchtet auch, warum das Web 2.0 so attraktiv für die Wirtschaft ist: Datenspuren, welche die Nutzer im Internet hinterlassen. Dieser Punkt und auch die Gefahren, die mit diesem Punkt verbunden sind, wurde weder von O’Reilly noch von Carr angesprochen. Diese Daten von Usern sind für die Wirtschaft extrem viel wert, weil so leichter Konsumprofile erstellt werden können und die Effektivität von Werbung gesteigert werden kann. Auch kann durch die leichte und unkomplizierte Vernetzung der verschiedenen Web 2.0-Anwendungen der „webtraffic“ auf einer Webseite schnell erhöht werden, was wiederum zu steigenden Werbeeinahmen führt. Dies ist laut Bettel das eigentliche ökonomische Potential von Web 2.0 (vgl. Bettel 2009, S. 33f.).

Bei der Frage, ob das Web 2.0 die Demokratie und die Freiheit fördern können, bemerkt sie richtigerweise, dass wir noch weit davon entfernt sind, dass alle Menschen Zugang zum Internet haben und wenn sie Zugang haben, die Möglichkeiten auch angemessen nutzen. So findet sich neben vielen nützlichen Informationen auch eine ganze Menge Datenmüll im WWW. Da keine zensierende Instanz vorhanden ist, wie es außerhalb des WWW meist in irgendeiner Form der Fall ist, müssen sich die Menschen nun damit auseinandersetzen, wie es zu einem angemessenen Umgang mit den unglaublich vielen Möglichkeiten, welche das WWW bietet, kommen kann.

Dies ist auch meiner Meinung nach einer der wichtigsten Punkte in Bezug auf die sogenannten Web 2.0-Anwendungen und ihrer massiven Verbreitung. In Bezug auf die Zukunft des Web 2.0 prognostiziert Bettel, dass der Begriff Web 2.0 wohl wieder verschwinden wird, nicht aber die Art der Nutzung des WWW, die sich dahinter verbirgt.

Conclusio

Man kann an den drei besprochenen Artikeln exemplarisch sehen, dass die Äußerungen und Meinungen über Web 2.0 eng verknüpft sind mit der Diskursposition, in welcher sich der oder die AutorIn befindet. Deutlich wird auch, wie positionsabhängig die verschiedenen Zuschreibungen an einen Begriff sind und wie jede/r versucht, die Deutungs- und Definitionshoheit innerhalb des Diskurses zu erlangen. Da aber keiner der drei Artikel den Anspruch hat, ein wissenschaftliche Statement oder eine wissenschaftliche Definition des Begriffs zu geben, kann man auch nicht verlangen, dass dies reflektiert wird. Es ist aber durchaus interessant und hilfreich, sich solche Zuschreibungen einmal genauer anzuschauen und vor allem bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit so einem Thema unabdingbar.

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  1. bpogadl
    22.01.2009 um 15:53

    Schöner Artikel, allerdings würde ich die beiden Positionen von Carr und O’Reilly nicht gänzlich auf ihre finanziellen Interessen reduzieren. :-)

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